Kirche aktuell

Mit dem Blick zum Himmel und zur Erde unterwegs

Mit dem Blick zum Himmel und zur Erde unterwegs
Spitalseelsorgerin, Sprecherin "Wort zum Sonntag"
Nadja Eigenmann
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06. Januar 2014

Weihnachten und Silvester sind vorbei. Beginnt nun der Trott im neuen Jahr von vorn, bis wir wieder bei Weihnachten und Silvester angekommen sind?

Manches wird sich wiederholen, gewiss, aber das neue Jahr wird spannend werden, wenn wir Menschen als Suchende unterwegs sind, wenn wir von Tag zu Tag neu lernen, unseren Blick für das Wesentliche im Leben zu schärfen.

Das Wesentliche im Blick

Noch im alten Jahr hat mir dies ein Kind eindrücklich in Erinnerung gerufen:  Nach der Weihnachtsfeier seiner Schule, habe ich Konrad, mein sechsjähriges Patenkind, nach Hause begleitet. Als wir aus der Tür der Schule gekommen sind, hat Konrad den Mond gesehen. Er ist stehen geblieben und hat sich über den Vollmond mit seinem hellen Hof gefreut. Wir haben den Mond eine Weile zusammen angeschaut. Dann sind wir weitergegangen.  An diesem Abend glitzerten gefrorene Nebeltropfen wunderbar auf dem Trottoir im Licht der Strassenlaternen. Konrad hat immer wieder intensiv auf den Boden geschaut. Dann ist er stehen geblieben und hat sich hingehockt. Er hat mich an der Hand nach unten gezogen und sagte „Au abbe“. So habe ich mich gebückt und wir haben nebeneinander auf dem Trottoir gehockt und das Glitzern von ganz nah bestaunt. Konrad hat mit seinen Fingern das Glitzern betastet und versucht, es zu greifen; ich habe es ihm nachgemacht.

Ich mag mich noch gut erinnern, dass dieser Tag für mich im Beruf sehr intensiv gewesen ist. Doch dieses Kind hat mich mit seinem Blick zum Himmel und zur Erde geerdet und zur Ruhe geführt. – Konrad ist mein Patenkind mit Down-Syndrom.

Suchende und Himmelsdeuter

Erinnern Sie sich an die Sterndeuter, von denen in der Weihnachtsgeschichte nach Matthäus die Rede ist? Diese haben einen Stern aufgehen sehen, dem sie nachgefolgt sind, weil sie seine Botschaft deuten konnten. Es heisst: Als sie den Stern sahen, überkam sie grosse Freude. (Mt 2,10) Der Stern hat ihnen den Weg zum neu geborenen König der Juden, zu Jesus, gezeigt. Die Sterndeuter oder Weisen aus dem Morgenland sind auch Himmelsgucker gewesen, wie Konrad. Als Suchende sind sie unterwegs gewesen. Mit dem Blick hoch zum Himmel und nach unten zur Erde haben sie ihr Ziel gefunden.

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Wenn wir Menschen zum Himmel und zur Erde blicken, können wir durchaus das Göttliche in der Natur wahrnehmen und es kann Wegweiser für unsere Sinnsuche im neuen Jahr sein. Als Suchende und Staunende werden wir die Vorurteile, das Plakative, Laute und Unehrliche in der Welt eher durchschauen und wir werden in der Lage sein, das Wesentliche im Leben, das oftmals verborgen ist, wahrzunehmen.

Mit dem Blick und Gespür eines Kindes – und für ein Kind – können wir Achtsamkeit und Mitmenschlichkeit entwickeln. Ich wünsche uns allen dieses Gespür und Gottes Segen auf unseren Wegen durch das Jahr 2014!

Nadja Eigenmann

Schweizer Fernsehen, Wort zum Sonntag vom 04.01.2014