Kirche aktuell

Menschwerdung im Taschenformat – Ein Weihnachtswunder

Menschwerdung im Taschenformat – Ein Weihnachtswunder
Redaktionsteam
Katholische Kirche im Kanton Zürich
Die Beiträge im Blog geben die Haltung der Autoren wider und müssen nicht in jedem Fall mit der offiziellen Haltung der kirchlichen Körperschaft übereinstimmen.
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15. Januar 2016

Ein letztes Mal vor der Pensionierung die Christmette in bewegten Zeiten gestalten dürfen und dabei ein grosses Risiko einzugehen – das war die Situation von Pastoralassistent Bernd Kopp in der St. Benignus Kirche in Pfäffikon ZH am Heiligen Abend um 23 Uhr. Hat sich das Risiko gelohnt? Hier sein Erfahrungsbericht.

Neugeborenes Kind in New Yorker Krippe

Ein neugeborenes Baby wurde in einer New Yorker Krippe abgelegt und vom Pfarrer gefunden. Dieses Ereignis sollte dem Gottesdienst den Stempel aufdrücken. Einmal wird in der Weihnacht Gott Fleisch und Blut und zum andern kommt etwas völlig Neues in die Welt, das vorher so noch nicht da war: ein Mensch, der nach Rettung schreit, der nach mir ruft.

Niemand könnte vor einer Krippe mit einem schreienden Baby niederknien und beten, jeder würde das Kleine in den Arm nehmen. Bei der Krippe als Kulisse hingegen können wir andächtig werden. Daran hindert uns nichts Lebendiges. Weihnachten durchbricht dieses blosse Frommsein und bringt eine neue Weise des Glaubens ans Licht. Gott ist nicht mehr nur Geist, Symbol, ein nur Geglaubter. Nein, Gott inkarniert sich, er zwängt sich ins Fleisch, wird ein Du, ein Körper mit Rückgrat und Blutgruppe.

Weihnachtliche Menschwerdung geschieht in einer Begegnung mit Blickkontakt, die mit Rettung zu tun hat und ganz und gar Neues gebiert.

Baumwolltasche motiviert, Flüchtlingsfamilie zu besuchen

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In der Predigt erläuterte ich, warum jeder Besucher eine Baumwolltasche mit dem Aufdruck: ‚ Jesus war Flüchtling, kein Tourist‘ geschenkt erhält. In der Tasche poche die Einladung, am Ende bei den Kirchtüren die Adresse einer örtlichen Migrantenfamilie mitzunehmen und diese in den nächsten Tagen zu besuchen.Das war meine grosse Bitte. Um die Hürden der Kontaktaufnahme etwas abzusenken, hatte ich die 22 Familien informiert: „Vielleicht wünscht ihnen jemand nach Weihnachten mit einem kleinen Geschenk Schalom, Salam, Friede, Willkommen, ein gutes Jahr.“ Alle Flüchtlingsfamilien stimmten zu und freuten sich.

„Die Tasche ist eine weihnachtliche und redet deshalb mit ihren Besitzern, spricht Mut zu, lächelt bei Hemmungen, provoziert garantiert Diskussionen in der Familie und mit Freunden, weint bei absichtlichem Vergessen und hat Platz für Tausend Bedenken. Diese haben sich am Ende der Mette oder in wenigen Tagen in ein Ja verwandelt. Und die Tasche klammert sich an jeden wie das Neugeborene in der New Yorker Krippe“

Soweit meine Taschenphantasie während der Mette.

Hemmungen abgelegen und Mauern überwinden

In der Tasche lagen konkrete Tipps für sinnvolle Geschenke (wie etwa ein Glas Honig, Kaffee, Obst, Süssigkeiten oder die Friedenskerze von Amnesty International), Tipps fürs Überwinden vom Fremdeln und ein Kinderfoto drin.

Jeder wusste: In 30 Minuten konnte eine wirklich neue Begegnung geboren werden. Dabei geht es weniger ums Teilen, wie beim Kirchenopfer, sondern um Beziehung.

Nun ja, und letztlich entscheidet ein ‚eritreischer Christus‘ in der Hochstrasse 63 am Lebensende mehr über mein Ewigsein (Mt 25, 31*) als meine Frömmigkeit. Das leuchtete ein, zumal alles nur als Einladung und freiwillig von mir gedacht war. An unserer Freiheit vorbei kommt nämlich kein Christuskind in die Welt. Das ist Gottes grosse Chance und gleichzeitig seine grosse Tragödie.

Beim abschliessenden ‚Stille Nacht‘ schlugen die Herzen eh lauter und alle 22 Adressen wurden danach – etliche doppelt – mitgenommen.

Kontakte fanden mittlerweile statt, teils nach längerem Zögern. Viele von uns wurden zu Tee oder Kaffee eingeladen und einzelne Begegnungen verwandeln sich momentan in Beziehungen.

Nach der Mette war ich enorm erleichtert, dass mein Risiko sich bewährt hatte, nicht zuletzt deshalb, weil ich sonst arg viele Familien vor Enttäuschungen hätte retten und selber besuchen müssen.

Ein kleines Weihnachtswunder im Taschenformat.

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Bernd Kopp ist Pastoralassistent in der Pfarrei St. Benignus in Pfäffikon ZH und Leiter der kirchlichen Stelle für Gemeindeberatung und Supervision