Kirche aktuell

Spitalseelsorgerin Susanne Hirsch zum Pride-Gottesdienst «Wir alle brauchen einen Eli, der uns ernst nimmt»

Seit 22 Jahren gehört der ökumenische Pride-Gottesdienst zur Zürich Pride. Während am Samstag tausende Menschen an der Demo teilnahmen, versammelten sich Sonntag, 21. Juni, rund 100 Personen zum gemeinsamen Feiern und Beten. Die katholische Theologin Susanne Hirsch (60) ist von Anfang an immer dabei. Sie erzählt, weshalb dieser Gottesdienst für sie als Lesbe mehr ist als ein symbolisches Zeichen.
24. Juni 2026 Katholische Kirche im Kanton Zürich

Was hat Sie am diesjährigen Pride-Gottesdienst besonders berührt?

Susanne Hirsch: Die Geschichte von Samuel aus dem Ersten Testament. Sie zog sich wie ein roter Faden durch den Gottesdienst. Samuel wird von Gott gerufen, obwohl er noch gar keine Ahnung von Gott hat. Er ist weder besonders vorbereitet noch besonders fromm. Er hört einfach diese Stimme in der Nacht und läuft immer wieder ratlos zu Eli.

Was macht diese Geschichte für Sie so aktuell?

Zum Glück hat Eli die Weisheit, Samuel zu sagen, dass er dieser Stimme antworten soll. Er hätte auch anders reagieren können. Er hätte sagen können: «So ein Quatsch.» Oder er hätte beleidigt sein können, weil Gott zu einem Kind spricht und nicht zu ihm. Stattdessen stärkt er Samuel und ermutigt ihn, auf seine Ahnung zu hören. Wir alle brauchen doch solche Menschen. Einen Eli, der uns ernst nimmt. Und gleichzeitig können auch wir gerufen werden, so unfertig wir sein mögen.

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Susanne Hirsch 60 ist katholische Theologin und Kunsthistorikerin. Hier an einer Führung im Fraumünster. Foto Sabine Zgraggen

Ist das eine Botschaft speziell für queere Menschen?

Nein, genau das hat mich beschäftigt. Diese Gedanken sind nicht nur für queere Menschen wichtig. Wir sind doch alle unfertig und dankbar, wenn wir eine Chance bekommen. Und dankbar, wenn wir Menschen finden, die uns unterstützen und an uns glauben.

Sie besuchen den Pride-Gottesdienst seit vielen Jahren. Warum?

Ich glaube, ich bin inzwischen wirklich jedes Jahr hingegangen. Dort muss ich mich nicht verstecken oder erklären, weil ich lesbisch bin. Es tut gut, andere schwule, lesbische oder queere Menschen zu treffen, die sich ihr Christsein nicht nehmen lassen wollen. Und natürlich traf ich dort auch Bekannte.

Haben sich die Gottesdienste im Laufe der Jahre verändert?

So seltsam es klingen mag: Ich glaube, sie sind etwas traditioneller geworden. Seit einigen Jahren gibt es eine Band, die teilweise Lieder spielt, die ich eher dem freikirchlichen Bereich zuordnen würde. Gleichzeitig freut es mich, dass sich junge Menschen engagieren. Für mich war immer wichtig, dass dieser Gottesdienst am Wochenende der Pride stattfindet. Als ich hörte, dass es dieses Jahr kein Festival geben würde, wollte ich bereits den Verantwortlichen schreiben, dass der Gottesdienst unbedingt stattfinden müsse. Das war dann gar nicht nötig – sie hatten das längst auf dem Schirm.

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Hat längst einen festen Platz an der Pride: der ökumenische Gottesdienst. Foto Susanne Hirsch

Weshalb ist dieser Gottesdienst für Sie so wichtig? 

Im Vergleich zur grossen Demo am Samstag ist der Gottesdienst mit rund 100 Teilnehmenden winzig. Und trotzdem ist er wichtig. Etliche Menschen, die bereits am interreligiösen Pride-Schabbat teilgenommen hatten, waren auch hier dabei. Es ist ein besonderer Ort. Man trifft Menschen mit ähnlichen Erfahrungen, kann Glauben teilen und merkt, dass man nicht allein ist. Das stärkt mich persönlich und stärkt auch meinen Glauben.

Ist der Pride-Gottesdienst also ein echtes Bedürfnis oder eher ein symbolisches Zeichen kirchlicher Präsenz?

Für mich ist er ganz klar ein echtes Bedürfnis. Sonst würde er nach all den Jahren nicht mehr bestehen. Ich bin selbst froh, dass es einen Anlass gibt, zu dem ich einfach hingehen kann. Gottesdienst und anschliessend der Apéro – das ist einfach schön. Beten kann man allein. Für einen Gottesdienst aber braucht es Gemeinschaft. Genau das erlebe ich hier.

Wenn Sie selbst etwas gestalten könnten: Was würden Sie sich für die Zukunft wünschen?

Im Vorbereitungsteam gibt es immer wieder Veränderungen, und dadurch entstehen auch neue Akzente. Das finde ich gut. Mein Wunsch wäre, dass dieser Gottesdienst ein Ort bleibt, an dem queere Menschen ihr Christsein einfach und unhinterfragt feiern dürfen. Ein Ort, an dem niemand erklären muss, warum er oder sie da ist. Ich bin natürlich dankbar, muss ich hier nichts organisieren. Es gibt ja ein ökumenisches Vorbereitungsteam.