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Wie Antony Winslows Schutz bei einem Pfarrer fand Vom Flüchtling zum Brückenbauer

Die Flucht liegt 35 Jahre zurück – und doch: Wenn Antony Winslows von den bewegenden Momenten erzählt, die sein Leben veränderten, dann scheint alles erst gestern geschehen zu sein. Heute arbeitet er als Dolmetscher und ist stolzer Vater zweier erwachsener Kinder. Und ganz in der Schweiz angekommen. Seine Dankbarkeit gehört einem Pfarrer, dem er nun ein Buch gewidmet hat.
29. Juni 2026 Katholische Kirche im Kanton Zürich
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Antony Winslows hat ein Buch über seine Flucht geschrieben. Foto: Manuela Moser


Antony Winslows war 23 Jahre alt, als er seine Eltern und acht Geschwister in Sri Lanka zurückliess. Im eigenen Land herrschte Bürgerkrieg. 1991 befand sich das Land in einer besonders intensiven Phase, nachdem Friedensgespräche ein Jahr zuvor gescheitert waren. Die Tamil Tigers und die sri-lankischen Streitkräfte kämpften wieder mit grosser Härte gegeneinander. Antony Winslows, der 1967 geborene Sohn, war die Hoffnung der Familie. Die Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa.

«In einer Gruppe mit fünf anderen Männern bin ich nach Ex-Jugoslawien geflogen und dann zu Fuss Richtung Ljubljana losgelaufen», erzählt Winslows, noch heute sichtlich gerührt. Zuvor war er als vermeintlich Verdächtiger in seiner Heimat verhaftet worden, und hatte einen Tag im Gefängnis verbracht. «Es war bedrohlich. Ich wurde in einen völlig dunklen Raum geschlossen und hatte grosse Angst.» Ihm war klar: Er musste aus seiner Heimat fliehen.

Wasser wie im Traum

Ein Schlepper begleitete die Gruppe von jungen Männern. Die Flucht hatten die Eltern bezahlt und dafür Schulden aufgenommen. «Sie wollten unbedingt, dass ich weggehe», so Antony Winslows. Doch beinahe hätte der junge Mann es nicht geschafft. Er erinnert sich an den Tiefpunkt, es war auf dem Marsch Richtung Italien. «Ich war aus Erschöpfung zusammengebrochen, wir hatten kaum etwas zu essen, und ich hatte unendlichen Durst.» 

Der tief gläubige Katholik erinnerte sich an seinen Schutzpatron, den heiligen Antonius. Ein Bild des Heiligen trug Antony Winslows stets bei sich. «Antonius hilf mir», betete er. Dann drehte er den Kopf – «und direkt vor mir stand ein Brunnen. Mit dem klarsten, reinsten Wasser. Ich habe davon getrunken und konnte weiterlaufen.»

Von Wundern getragen

Die ganze Flucht bis in die Schweiz erscheint rückblickend wie eine Kette von Wundern: An der Grenze zu Italien läutete die Gruppe an einem Haus. «Ich konnte kein Wort Italienisch, aber ich machte das Kreuzzeichen.» Der Mann, der die Tür öffnete, rief die Polizei.

In Italien kam Antony Winslows vorerst auf den Polizeiposten. Alle anderen aus seiner Gruppe wurden von Verwandten abgeholt – nur auf ihn wartete niemand. Wieder betete er zu Antonius, und  Jesus Christus: «Hilf mir, ich habe niemanden.» 

Ein Mitflüchtling gab ihm einen letzten Rat: Versteck dich in einem Zug in die Schweiz. Antony Winslows kroch unter einen Sitz, bevor die anderen Passagiere einstiegen. Stundenlang bewegte er sich kaum und wagte nicht zu atmen. In Chiasso kontrollierte die Grenzpolizei den Zug mit Schäferhunden. «Ich habe die ganze Zeit gebetet», erzählt er. «Und sie haben mich nicht gefunden.»

Ankunft am Zürcher HB

Kurz vor Zürich konnte er nicht mehr, kroch unterm Sitz hervor. Die Menschen starrten ihn an und verliessen ihre Plätze. Dann kam der Schaffner. Antony Winslows war nur erleichtert, endlich sitzen zu können. Mit Händen und Füssen machte er verständlich: «Ich habe kein Ticket, kein Geld und keinen Pass.» Diesen hatte ihm der Schlepper unterwegs abgenommen.

An den Moment seiner Ankunft erinnert sich Antony Winslows, als wäre er gestern gewesen. «Am 15. März 1991 um 6.19 Uhr kam mein Zug aus Italien im Hauptbahnhof Zürich an. Es regnete», erzählt er. Zwei Polizisten warteten bereits auf ihn, legten ihm Handschellen an und brachten ihn im Polizeiwagen in eine Asylunterkunft.

Dort teilte er ein Zimmer mit vier weiteren Personen. Pro Woche erhielt er 101 Franken. 50 Franken fürs Essen, den Rest fürs Telefonieren mit seiner Familie. «Deutsch lernen konnte ich damals nicht. Mein Kopf war voller Sorgen.»

Um Geld zu sparen, begann er, Briefe in die Heimat zu schreiben. «Ich träumte immer wieder von einer grossen Welle. Man muss wissen: Mein Vater war Fischer und ich bin oft mit ihm auf dem Meer gewesen.» Immer, wenn dieser Traum wiederkehrte, lag am nächsten Tag ein Brief seiner Familie im Briefkasten.

Harte Arbeit, schwerer Schock

Gar nicht magisch, sondern harte Arbeit: So liest sich die weitere Lebensgeschichte von Antony Winslows. Er begann als Putzhilfe in einem Restaurant in Oerlikon. Weil er sich bewährte, durfte er bleiben. Er erhielt einen Arbeitsvertrag, verdiente 800 Franken im Monat und wurde aufgrund seiner guten Leistung befördert: Zunächst betreute er das Buffet, später - mit besseren Deutschkenntnissen - arbeitete er im Service. Dann kam der Schock: Im Juni 1994 erhielt er die Kündigung.

Die Schweiz war damals zum Schluss gekommen, dass sich die Lage in Sri Lanka ausreichend verbessert habe und Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren könnten. Insgesamt waren rund 2000 Tamilinnen und Tamilen von diesem Entscheid betroffen. Einer von ihnen war Antony Winslows, der damals von einer Schweizer Zeitung interviewt wurde. Dort sagte der junge Mann: «Ich hab Angst vor Gefängnis und Folter bei meiner Rückkehr in die Heimat.»

Verzweifelt wendete sich Winslows wieder seinem Glauben zu. Er setzte sich in die Zürcher Liebfrauenkirche und betete. Ein inneres Gefühl habe ihm gesagt, beim Haus neben der Kirche zu läuten. Als ein Mann die Tür öffnete, wünschte sich Winslows, dass jener ein Pfarrer wäre. Und tatsächlich: Der Mann war Pfarrer – Reto Müller, Pfarrer der Liebfrauenkirche zwischen 1994 und 2006.

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Freunde fürs Leben (v.l.): Pfarrer Reto Müller (Mitte) und Antony Winslows mit seiner Frau. Foto: Manuela Moser

Der rettende Pfarrer

Dieser Mann wurde zu seinem Retter. Müller nahm Winslows bei sich im Pfarrhaus auf – ohne Aufenthaltsbewilligung und damit illegal. Schritt für Schritt integrierte er ihn ins Pfarreileben. Nach einer schweren Krankheit – «ich brach vor Erschöpfung zusammen», erinnert sich Winslows - kämpfte er sich zurück ins Leben. Sieben Jahre später, als die Schweizer Behörden ihre Politik änderten, konnte er sich legal anmelden.

Was folgte, ist eine Geschichte mit einem glücklichen Ausgang. Oder wie es Pfarrer Müller im Vorwort des Buches, das Antony Winslows über sein Leben verfasst hat, zusammenfasst: «Du hast an einem Konzert deine Frau getroffen. Du hast dir im Service eine neue Existenz aufgebaut. Du hast deine Berufung als Übersetzer für den Kanton entdeckt. Du bleibst in deiner Kultur verankert und hast dir ein immenses Wissen über die Mentalität der Schweiz angeeignet. Du bist Brücke zwischen den Kulturen geworden.»

Heute arbeitet Antony Winslows als Dolmetscher. Seine beiden Kinder sind erwachsen und «tolle Menschen geworden», wie es Pfarrer Müller ausdrückt. Sein Buch hat Antony Winslows Pfarrer Müller gewidmet. Die Vernissage fand kürzlich statt – genau an Müllers 75. Geburtstag.

«Ein entwurzeltes Leben – der Weg der Tamilen in der Schweiz» von Antony Winslows ist in einer deutschen Auflage von 300 und einer tamilischen Auflage von 500 Exemplaren erschienen. Das Buch erzählt nicht nur eine persönliche Lebensgeschichte, sondern leistet auch einen Beitrag zum Verständnis der tamilischen Diaspora. Bestellt werden kann es direkt bei Antony Winslows unter Email: antony.dhanson@bluewin.ch. Der Synodalrat  unterstützt die Publikation.