Kirche aktuell

Film und Kirche im Fokus Was würde Jesus machen?

künstlerischer Direktor Zurich Film Festival
Christian Jungen
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Mit einem Besucherrekord endete das Zurich Filmfestival am vergangenen Wochenende. Die reformierte und katholische Kirche verliehen in diesem Rahmen zum 5. Mal den Filmpreis der Kirchen. Christian Jungen, künstlerischer Direktor des ZFF, hielt die folgende Rede an der Verleihung des Filmpreises der Kirchen.
08. Oktober 2021

«Was würde Jesus machen?»
Diese Frage beschäftigt mich, weil ich Christ bin und weil ich oftmals ein wenig hadere mit der Kirche.

Eigentlich finde ich das Angebot gar nicht so schlecht. Die Kirche hat starke Inhalte: Die zehn Gebote haben nichts von ihrer Aktualität eingebüsst. Kirchen sind für mich Oasen der Ruhe, der Reflexion. Aber oft sind sie so leer.

Vielleicht hat das auch mit der Art der Kommunikation zu tun. Meine Tochter ist jetzt sieben Jahre alt und besucht den Religionsunterricht. Informationen bekomme ich wie meine Eltern in den 80er-Jahren im Couvert. Mit Briefmarke. Da ich aber viel unterwegs bin und abends oft spät nach Hause komme, entgehen mir diese Informationen. Warum schickt man mir nicht eine E-Mail? Die sehe ich subito, und die Kirche würde Geld sparen, das sie für Bedürftige ausgeben könnte.

 

Was würde Jesus machen, wenn er heute in der Welt wäre?

Ich glaube, er würde twittern, einen Youtube-Channel betreiben und über Filme sprechen. Denn er möchte ja von den Leuten wahrgenommen und gehört werden. Er möchte die Leute emotional ansprechen. Kirchen nutzen alle Kunstformen: Zuerst das Wort, die Schriftlichkeit, denn «am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott». Natürlich nutzen Kirchen auch die Kunst: Biblische Geschichten werden illustriert, unterdessen auch in reformierten Kirchen. Ausserdem die Musik: Wir singen in der Kirche, es gibt Kirchenchöre und Orchester.

Aber was ist mit dem Film? Warum nutzt die Kirche das bewegte Bild nicht? Es spielt heute im Leben der Menschen eine überragende Rolle. Jugendliche verbringen bis zu sechs Stunden pro Tag auf Tiktok, Instagram und Youtube. Warum sind die Kirchen dort nicht stärker präsent? Meine Tochter lernt jetzt lesen. Seit sie zwei Jahre alt ist, kann sie ein iPad bedienen.

Warum schickt mir die Kirche nicht ein Kurzvideo mit einer biblischen Geschichte?

Kino und christliche Werte

Toll, dass wir einen Kirchenpreis haben am ZFF. Ich finde es gut, dass die Kirche dort ist, wo die Leute sind. Wenn die Leute nicht mehr zu ihr kommen, muss sie halt die Gemäuer verlassen und auf die Leute zugehen. Und deshalb habe ich es geschätzt, dass mit Joseph Maria Bonnemain ein Bischof an die Eröffnung kam und mit Rita Famos die oberste reformierte Pfarrerin.

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Festivaldirektor Christian Jungen mit Bischof Joseph Bonnemain der Verleihung des Filmpreises der Kirchen.

Und ich glaube, dass Kino sehr geeignet ist, um über Werte und existenzielle Fragen zu diskutieren. Kino ist das Medium der Empathie. Ein aktuelles Beispiel: Wir alle – und gerade auch die Medien machten sich lustig: «Die dümmsten Geiseln der Welt», hiess es. Dabei ist die Geschichte um das junge Schweizer Paar Daniela Widmer und David Och im Film «UND MORGEN SEID IHR TOT» doch so anders gewesen. Der Film zeigt die Geschichte durch die Augen der beiden Geiseln, die auf ihrer Reise entführt wurdenund 8 Monate in Geiselhaft waren. Im durch die Kirchen ausgezeichneten Film LA MIF sehen wir ein Heim für Kinder aus prekären Verhältnissen durch die Augen ihrer jugendlichen Bewohnerinnen.

Die christlichen Themen sind da. Ein paar Beispiele vom Zurich Filmfestival 2021:

  • Regisseur Paolo Sorrentino hat an einer unserer Master-Klassen erzählt, dass er Katholik sei und ein positives Verhältnis zur Kirche habe, dass sie ihn auch inspiriere.
  • Regisseur Paul Schrader war in Zürich. Er ist in einer Baptistengemeinde gross geworden. Er durfte nicht ins Kino, bis er 18 Jahre alt war. Sein am Festival präsentierter Film THE CARD COUNTER ist ein Film voll christlicher Motive. Es geht um das Verlangen nach Erlösung und Vergebung.
  • Sängerin Shania Twain war auch zu Gast am ZFF. Sie hat in einem Film mitgespielt, mit dem Titel I STILL BELIEVE, in dem es um die Bedeutung des Glaubens geht. Sie hat gar kein Problem, sich dazu zu bekennen.

Ich verstehe die Angst vor dem C nicht. Warum wirft die CVP das C über Bord, ihren Unique Selling Point, das Alleinstellungsmerkmal?

Man sollte nicht vor lauter Angst vor dem Tod Suizid begehen.

Grundsätzlich gibt es so viele gute Geschichten, die man aus christlicher Warte und mit der Haltung eines Christen verfilmen könnte. Ich frage mich: Warum gibt es christliche Buchhandlungen? Christliche Musikverlage? Christliche Radiostationen? Aber kaum christliche Filmproduktionen? Warum überlässt man dieses Feld den anderen?

In diesen Tagen schauen tausende Menschen in der Schweiz den neuen James-Bond-Film NO TIME TO DIE. Warum in einer Predigt nicht einmal Bezug auf diesen Film nehmen? Die Leute dort abholen, wo sie stehen. Das hat für mich hat nichts mit Anbiederung zu tun. Sondern mit Nähe zu den Menschen und ihren alltäglichen Themen.

Was würde Jesus machen, wenn er heute in der Welt wäre? Vielleicht würde er Filme drehen, bewegte Bilder nutzen. An ein Filmfestival kommen – und sich freuen, wenn Filme Anlass geben zu Wertedebatten.

 

Christian Jungen ist seit 2020 künstlerischer Direktor des Zurich Film Festival. An der Verleihung des Filmpreises der Kirchen hielt er diese Festrede. Den Filmpreis der Kirchen erhielt der Westschweizer Film LA MIF. Regisseur Fred Baillif wurde mit dem Preisgeld von 10 000 Franken für seine Arbeit belohnt.