Kirche aktuell

Vom wahren Dialog des Bischofs Abblitzen und Aufblitzen beim Churer Hof

Informationsbeauftragter Synodalrat und stellvertretender Bereichsleiter
Aschi Rutz

Schwerpunkte: Verhältnis Kirche Staat, Kirchgemeinden, Jahresbericht und Informationsblatt

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Wallfahrende machten sich von Zürich auf den Weg nach Chur. Adressiert war die im Rucksack mitgetragene Petition an den Churer Bischof. Zur Entgegennahme hat er seine Kanzlerin geschickt. Und sein Medienbeauftragter liess in letzter Minute ausrichten, dass die Petition als politisches Druckmittel etwas Ungehöriges sei. Persönliche Eindrücke von der letzten Etappe der Pilgerreise und der Petitionsübergabe.
19. Juni 2020 5 Kommentare

Donnerstag, 18. Juni. Der Himmel über mir in Chur ist blau, durchzogen von weissen Wolkenfetzen. Gegen 10 Uhr tritt Kanzlerin Donata Bricci auf den Vorplatz der Bischöflichen Kanzlei und nimmt mit spür- und sichtbarem Unbehagen die Petition mit knapp 4'000 Unterschriften entgegen. Die Petitionäre sind mit ihren Anliegen – Protest gegen die Absetzung von Martin Kopp als Generalvikar der Urschweiz, die Einforderung einer anständigen Art der Kommunikation und einen Dialog, der auf gegenseitigem Zuhören beruht – auf verlorenem Posten.

Ich nehme wie alle Anwesenden zur Kenntnis: Kein Grusswort des Bischofs, kein Eingehen auf die Petitionäre, lediglich die wiederholte Aussage der Kanzlerin, dass sie lediglich den Auftrag habe, die Petition entgegenzunehmen. Die Churer Kirchenleitung lässt die Petitionäre abblitzen, delegiert die Übergabe kleinmütig an eine Frau, die einem fast schon leidtun kann. Aber auch sie müsste ihren Bischof mal ernsthaft fragen, was mit dem von ihm gestarteten Prozess der Erneuerung der Kirche eigentlich gemeint ist.

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Schwester Ingrid Grave ist für diesen Anlass eigens vom Kloster Ilanz nach Chur gereist. Wir begrüssen uns und bilden mit rund 80 weiteren Personen um 9 Uhr auf dem Platz vor der Kathedrale schweigend einen Kreis, nachdem kurzfristig bekannt geworden war, dass die Kathedrale erst später zugänglich sein wird.

«Ich bin hier in meinem Ordenskleid, damit mich die Herrschaften hinter den Fenstern als Nonne erkennen. So geht man einfach nicht mit Menschen um, das hat keiner verdient, gerade Martin Kopp nicht.»

Verschiebung zum Vorplatz der Kirche St. Luzi, wo Martin Kopp den besten Dank für sein langjähriges Wirken als Priester der Diözese und Generalvikar der Urschweiz entgegennehmen kann. Simone Curau-Aepli, Präsidentin des Schweizerischen Katholischen Frauenbunds, schlägt in ihrer Ansprache einen Bogen von Martin Kopp auf andere Menschen, die wie er von der Kirchenleitung keine oder kaum eine Wertschätzung erfahren: Frauen, Priester in Liebesbeziehungen, homosexuelle Menschen sowie Professorinnen, Schriftsteller und Mystikerinnen, die mit einem Rede-, Schreib- oder Auftrittsverbot gemassregelt wurden und werden.

Pfarrblattredaktor Eugen Koller würdigt Kopp für seine Verdienste zugunsten einer glaubwürdigen und zeitgemässen Kirche und seinen Einsatz für Jugend und Flüchtlinge. Der grosse Dank sei, so Koller mit einem Augenzwinkern, keine «Heiligsprechung von unten». Schliesslich wird Martin Kopp auch von der Theologischen Hochschule geehrt: Es sind Dozenten unter den Anwesenden, und Rektor Christian Cebulj schenkt Kopp einen Grappa von einem hiesigen Weinberg für den Fall, dass er wieder mal Unverdauliches aus Chur zu hören bekäme …

Als aufmerksamen Zuhörer mache ich auch Werner Inderbitzin aus. Er ist Präsident der Schwyzer Kantonalkirche und langjähriger Sprecher der Biberbrugger Konferenz.

«Heute ist mein letzter Tag als Präsident der Kantonalkirche Schwyz. Ich solidarisiere mich hier und heute mit Martin Kopp, mit dem ich lange Jahre sehr gut und intensiv zusammengearbeitet habe und der sehr viel geleistet hat.»

Der gemeinsam gesungene Kanon «nicht müde werden» wird zum Motto, mit dem die Anwesenden auch künftig unterwegs sein wollen. Martin Kopp nimmt diesen Gedanken auf und dankt sichtlich bewegt allen, die hier sind, zusammenstehen und sich für einen zuhörenden Hirten einsetzen.

«Wir haben ein unglaubliches Kommunikationsproblem im Bistum. Der neue Bischof muss uns neu lehren, einander zuzuhören.»

Nach Chur gereist ist auch Felix Caduff, Präsident der Zürcher Synode.

«Ich bin hier, weil es so nicht weitergeht. Es muss sich etwas bewegen. Wir müssen solidarisch sein und nach vorne schauen. Ich bin guter Hoffnung, dass Rom um die Misere im Bistum Chur weiss und entsprechend handeln wird.»

Rückblende. Mittwoch, 17. Juni. Ich bin frühmorgens unterwegs. Unterwegs nach Bad Ragaz. Vorbei am verträumten Türlersee und wolkenverhangenen Uetliberg. Mit Espresso und Gipfeli im Speisewagen des IC 3 gestärkt, erreiche ich pünktlich Bad Ragaz zur letzten Etappe des Pilgerwegs nach Chur.

Gestartet am letzten Samstag in Zürich, erwartet mich am Bahnhof Veronika Jehle. Jene Theologin, Wort-zum-Sonntag-Sprecherin und Spitalseelsorgerin, die die Wallfahrt initiiert und den ganzen Weg mit rund 130 Kilometern unter die Füsse genommen hat. Sie war die ganzen Tage nie alleine unterwegs. Heute sind wir bis Landquart zu sechst, hier stossen noch zwei Pilgernde hinzu. Mit etwas mehr oder weniger Regen im Nacken wandern wir weiter: Veronika sowie Monika, Béatrice und Maria (Mitglieder der Züricher Synode), Amanda (Präsidentin des Katholischen Frauenbundes Zürich), der Pfarreibeauftragte Ludwig und Martin. Es ist Martin Kopp, der von Bischof Bürcher Mitte März abserviert und als Generalvikar für die Urschweiz fristlos entlassen wurde.

«Ich marschiere mit, weil ich die Idee mittragen möchte, pilgernd unterwegs zu sein für einen zuhörenden Hirten im Bistum Chur.»

Martin wandert heute nicht zum ersten Mal und ist von seiner Absetzung ebenso überrascht worden, wie viele andere auch. Schliesslich hatte er in einem Interview in NZZ am Sonntag lediglich wiederholt, was viele im Bistum Chur einmal mehr in Gefahr sehen: den innerkirchlichen Frieden und die Beziehung der Kirche zum Staat. Wegen Martin trägt Veronika 3'865 Unterschriften im Gepäck mit. So viele Personen distanzieren sich in einer Petition und mit über 1'500 Kommentaren gegen den Entschied Bürchers, die Petition soll morgen in Chur dem Bischof übergeben werden.

«Ob wir die Petition in Chur übergeben können, weiss ich nicht. Bis jetzt haben wir offiziell keine Antwort auf unser Anliegen erhalten.»

In der Pilgergruppe wird in unterschiedlichen Konstellationen angeregt geplaudert, gelacht, die Umgebung gewürdigt, und es werden Geschichten ausgetauscht. Besinnlicher Halt in der reformierten Kirche in Zizers, ein Blick auf das ehemalige Alters- und Pflegeheim St. Johannes-Stift, wo die letzte Kaiserin von Österreich, Zita von Bourbon-Parma, ihren Lebensabend verbrachte. In ihrer Anwesenheit stand Martin hier vor langer Zeit als Armeeseelsorger einem Gottesdienst vor und hat alle Anwesenden gebeten, die Soldaten der Schweizer Armee in ihr Gebet miteinzuschliessen …

Im Restaurant Krone in Trimmis gibt’s feinen Zmittag, begleitet von süffigem Fläscher- und Beerli-Rotwein, derweil sich die Wolken völlig hemmungslos entleeren. Vorbei am Gutshof Molinära, Eigentum des Bistums Chur, erreichen wir über den Waldweg hoch über der Stadt – die letzte halbe Stunde schweigend – die Kathedrale in Chur. Stilles Gebet in der düster wirkenden Kirche, eine verdiente Dusche im Hotel Post und Einladung der Theologischen Hochschule zum Nachtessen im Restaurant Marsoel in der Churer Altstadt.

Um 20.48 Uhr dann ein Verbot und eine Belehrung des bischöflichen Medienbeauftragten als einzige Antwort auf eine Nachricht der Petitionäre vom 5. Juni: Es dürften keine Ton- und Bildaufnahmen in den Kirchen gemacht werden, die Kathedrale stehe erst eine halbe Stunde später zur Verfügung. Ach und ja: Bischof Peter habe die Kanzlerin des Bistums beauftragt, die Petition morgen entgegenzunehmen, da er selber um diese Zeit an einer digitalen Konferenz (Bischofsrat) beiwohne. Der Bischof betrachte die Übergabe der Petition als politisches Druckmittel, «um durch die Instrumentalisierung der Medien und der öffentlichen Meinung die eigene Position durchzusetzen. Er lädt alle ein, gemeinsam andere und neue Wege zu finden, die zu einem wahren Dialog führen können». Solche Sprüche habe ich so was von … müde sinke ich ins Hotelbett.

 

Gut ausgeschlafen wird mir am nächsten Morgen bei der Petitionsübergabe bewusst, was der von der Kirchenleitung gepredigte wahre Dialog wert ist. Sie schafft nicht mal den Gang zu ihrem Gegenüber auf dem eigenen Hof. Für mich blitzt da was auf: Eine befreite und solidarische Kirche, wie ich sie in den letzten beiden Tagen im Kleinen erleben durfte, braucht keine autoritären Hirten. Sie lebt aus anderen Quellen.

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Start zur letzten Etappe kurz nach Bad Ragaz

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Weiss jemand, wo's langgeht

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Viele Wege führen nach Chur

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Rasten auf der letzten Etappe

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Martin Kopp

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Unterwegs auf der letzten Etappe

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Schon etwas müde

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Im Weinberg des Herrn

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Kurz vor dem Ziel in Chur

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PilgerInnen bei der Kathedrale am Ziel

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Besinnlicher Kreis vor Kathedrale

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Veronika Jehle, Initiantin der Pilgerreise

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Veronika Jehle (rechts) und Werner Inderbitzin (links)

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Ingrid Grave

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Martin Kopp im Blickfeld

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Martin Kopp studiert Anwesende

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Bischöfliche Kanzlei

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Hella Sodies fragt bei der Kanzlerin nach

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Amanda Ehrler vor Übergabe der Petition

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Übergabe Petition an Kanzlerin

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Auf dem Platz vor der Kirche St. Luzi

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VertreterInnen der Petitionäre

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Simone Curau

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Eugen Koller

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Martin Kopp dankt den Anwesenden

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Martin Kopp mit seinen Geschenken