Kirche aktuell

Caritas Armutsforum Armut und psychische Krankheit – Gibt es Hoffnung?

Die 13. Ausgabe des Armutsforums sollte kein schlechtes Omen sein, das Thema war jedoch auch so nicht heiterer als die vorangegangenen zwölf. Aber es gab durchaus Lichtblicke. Armut und psychische Erkrankung erscheinen wie ein Tabu-Zwillingspaar. In der Populärsprache wird dieses Tabu öffentlich im Ausruf: «Dä arm Siech!» – Das scheint dann ganz normal. Was aber nicht so sein dürfte.
25. Oktober 2019 / Katholische Kirche im Kanton Zürich

Gemäss einer kanadischen Studie haben 50 Prozent der Gründe, die Menschen krank machen können, im weitesten Sinne soziale und ökonomische Wurzeln. Das beschäftigte die 160 anwesenden Fachleute und Interessierte aus öffentlichen und privaten sozialen Diensten, aus Kirche, Politik und Hilfswerken. Engagiert wurden die Analysen und Forderungen an die drei Kantonsratsmitglieder auf dem Podium diskutiert.

Der Zwillingspatient «Armut/psychische Erkrankung» wurde gleichsam auf den Schragen gelegt und einer Diagnose unterzogen. Wir kamen kaum in Versuchung, das «Huhn- oder Ei-Dilemma» zu diskutieren: Zuerst arm, dann krank, oder zuerst krank, dann arm? Gibt es eine Wirkungskette? In den seltensten Fällen ist sie eindeutig.

Die Beziehung zwischen dem Duo «Armut/Krankheit» ist extrem komplex.

DSC_3585.jpg
Engagiertes Podium am Caritas Forum.

Psychische Krankheiten sind in der Schweiz weit verbreitet, aktuelle Erhebungen gehen von rund 1,5 Millionen Betroffenen aus. Psychisch Erkrankte bilden mit fast 50 Prozent die grösste Gruppe innerhalb der IV-Versicherten. Dennoch bleiben 50 Prozent der Erkrankten unbehandelt. Gründe dafür sind Scham, fehlende Informationen oder Angst vor Kosten.

Vier Vitamine Typ «B»

Aus dem Apothekerschrank der Heilmittel wurden vier Vitamine Typ «B» definiert: Bildung, Beruf, Beziehung, «Behausung».

  1. Der Zusammenhang von solider Bildung und Gesundheit ist plausibel und auch wissenschaftlich erwiesen. Investitionen in Frühe Förderung und in die Chancengleichheit lohnen sich.
  2. Beruf und damit auch wirtschaftliche Sicherheit sind ebenfalls Grundlage für ein psychisch ausgeglichenes Leben.
  3. Psychische Krankheiten wirken sich häufig negativ auf soziale Integration, auf die Beziehungen aus. Eindrückliches Bespiel ist «Maria». Ihre Geschichte wurde in der Schreibwerkstatt der Caritas Zürich dokumentiert. (Video «Die Geschichte von Maria» ) «Eine Beziehung ist die einzige Konstante in dieser Story.» Dramatisch, aber wahr: Eine Beziehung hält über Wasser.
  4. Fehlt noch das Vitamin «Behausung». Wenn eine Person keine menschenwürdige Wohnung hat, worin sie sich geborgen fühlt, nützen auch die anderen drei Vitamine nichts.

Sich dank Betroffener befreien

Mein persönlicher Lichtblick war die Präsentation der «Peer-Methode». Sibylle Pinzon, Peer-Mitarbeiterin, und David Briner, Chefarzt der Psychiatrischen Poliklinik Zürich, stellten Unterstützungsmöglichkeiten im Zusammenhang mit Armut und psychischer Krankheit vor. In der Stadt Zürich können dank der engen Zusammenarbeit zwischen Gesundheits- und Sozialdepartement ärztliche und psychologische Sprechstunden direkt in den Sozialzentren angeboten werden. Die Peer-Arbeit ist äussert hilfreich. Frau Pinzon war selbst jahrelang von Armut und psychischer Krankheit betroffen. Heute begleitet sie mit ihrem Erfahrungswissen psychisch belastete Menschen auf ihrem Weg zu einem selbstbestimmten Leben. «Schön wäre», so Sibylle Pinzon, «wenn Peer-Mitarbeitende auch auf Sozialämtern und IV-Stellen zum Einsatz kommen könnten.»

Hier finden Sie mehr zum Peer Recovery-Prozess: 

Was ist zu tun?

Am Schluss der Veranstaltung hat sich mir das Bild des Tabu-Zwillings Armut/psychische Krankheit gelöst. Ich stelle mir nun eher einen Strudel vor: Menschen werden in den Armut-Krankheits-Sog hinuntergerissen.

Welchen Rettungsring können wir ihnen zuwerfen? Wie lernt man Ertrinkenden den Rettungsschwumm?

Einen Ertrinkenden trainieren zu wollen, ist reichlich spät. Wie kann man sich präventiv selber so fit machen, dass jemand sich aus dem Grund seitwärts abstossen kann, um aus dem Strudel auszubrechen? Glücklicherweise gibt es dazu Methoden und Instrumente. Aber Früherkennung und Prävention sind noch sinnvoller und günstiger. Die Konstante darin ist Achtsamkeit und Beziehung. Die Tagung bot Anregung an die Politik, aber auch an jeden Beteiligten.

Max Elmiger, Direktor Caritas Zürich