Kirche aktuell

Was Kirche wirklich ausmacht

Was Kirche wirklich ausmacht
Leiter sozialethisches Institut «ethik22» in Zürich
Thomas Wallimann-Sasaki
Dr. theol. Thomas Wallimann-Sasaki ist Leiter des sozialethischen Instituts «ethik22» in Zürich, Präsident a.i. der sozialethischen Kommission Justitia et Pax der Schweizer Bischofskonferenz und Dozent für angewandte Ethik an verschiedenen Fachhochschulen.
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03. Juli 2015

Nein – nicht der Blick in die Bibel! Nein – auch nicht das Studium theologischer Literatur! … und auch nicht der Papst erinnerte mich letzthin in dieser Klarheit an das, was Kirche wirklich ausmacht!

Erinnern Sie sich, liebe Leserin, lieber Leser, wann Ihnen zum letzten Mal jemand in Erinnerung gerufen hat, worum es in der Kirche wirklich geht?

Mir ist dies am letzten Wochenende passiert. Zusammen mit meiner Frau habe ich auf youtube  die Gedenkrede von Präsident Barack Obama für den kürzlich zusammen mit anderen Kirchenmitgliedern bei einem Attentat in Charleston erschossenen Pastor Clementa Pinckney gehört.

„Er verkörperte das Ideal,

  • dass unser christlicher Glaube Taten verlangt – und nicht bloss Worte;
  • dass die schöne Stunde von Gebet und Gottesdienst wirklich eine ganze lange Woche andauert;
  • dass unser Glaube sich im Handeln zeigt – und dies mehr ist als nur persönliche Erlösung: es geht um gemeinschaftliche, kollektive Erlösung, denn der Ruf, den Hungrigen zu essen zu geben, die Nackten zu bekleiden und den Obdachlosen ein Dach über dem Kopf zu geben, ist mehr als der Ruf zu individuellem Gut-Tun, sondern der Imperativ für eine gerechte Gesellschaft.“

Obama bringt es in faszinierender Kürze und Präzision auf den Punkt: Kirche sein ist konkretes Leben! Und dieses Leben ist zuerst ein soziales – ein gesellschaftliches, ein Leben mit andern Menschen. Motivation und Kraft kommen aus Gnade, die den Menschen geschenkt ist – gratis!

Doch dieses Geschenk verpflichtet zum Handeln, nicht zum frommen Dasein im privaten Glauben, sondern zum gesellschaftlichen Verändern!

Die Mitglieder der Kirche von Charleston, South Carolina, haben den Mörder ihres Pastors und acht ihrer Kirchenmitglieder nicht verurteilt, denn sie sahen aus ihrem Glauben heraus etwas anderes als Rache, Zorn und Vergeltung. Präsident Obama hat diese Haltung der Menschen aufgenommen und so daran erinnert, worum es im Christentum, in der Kirche immer geht: Nächstenliebe, die Gesellschaft verändert!

Nur aus dieser Kraft heraus können die Menschen Hass und Vergeltung überwinden.

So bekommt das berühmte Lied „Amazing Grace“ – die wunderbare Gnade – erst seine Tiefe und seine Kraft.

Der Gottesdienst wird zum Kraftort, weil das Leben versammelt ist, weil das Leben im Zentrum steht… und weil es immer wieder Menschen gelingt, dies nicht nur in Worte zu fassen, sondern im Herzen zu berühren!

Obama ist es gelungen! Gott-sei-Dank! An uns liegt es, Worten Taten folgen zu lassen.

 

Quelle: Original: http://www.washingtonpost.com/news/post-nation/wp/2015/06/26/transcript-obama-delivers-eulogy-for-charleston-pastor-the-rev-clementa-pinckney/ )