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Seelsorge im Asylzentrum - Ein Augenschein

Seelsorge im Asylzentrum - Ein Augenschein
Redaktionsteam
Katholische Kirche im Kanton Zürich
Die Beiträge im Blog geben die Haltung der Autoren wider und müssen nicht in jedem Fall mit der offiziellen Haltung der kirchlichen Körperschaft übereinstimmen.
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12. Juni 2014

Seit Anfang Jahr erprobt der Bund in Zürich-Altstetten beschleunigte Asylverfahren. Die Landeskirchen sind im Testzentrum ab Juli häufiger präsent. Christa Amstutz von der Zeitung „reformiert.“ war mit den Seelsorgenden unterwegs und durfte vor Ort einen Besuch machen. Hier ihr Bericht .

Sind Marcel Cavallo, reformierter Pfarrer, und Jeanine Kosch, katholische Theologin, im Zentrum Juch unterwegs, werden sie von vielen Seiten gegrüsst, von Bewohnerinnen, Bewohnern, Betreuenden. Immer wieder bleiben die beiden stehen, unterhalten sich kurz. «Unsere Anwesenheit hier wird geschätzt», sagt Cavallo und fragt bei einem jungen Tunesier mit väterlicher Strenge nach, ob er nun endlich seine Eltern angerufen habe. Hat er.

Marcel Cavallo vor Ort im Asylzentrum Juch.

Marcel Cavallo vor Ort im Asylzentrum Juch.

Samowar und Gebetsteppich

Eigentlich hätte Marcel Cavallo heute eine Überraschung mitbringen wollen: einen Samowar, Teegläser, ein Zeltdach. Doch es regnet in Strömen, kein guter Moment für die Einweihung. Seine katholische Kollegin hält Ausschau nach einer Syrerin, die vor einem Monat im Triemlispital ihr viertes Kind zur Welt gebracht hatte. Die Frau machte sich Sorgen, wo sie denn hier ihren Buben beschneiden lassen könne. Kosch gab dem Gesundheitsdienst des Zentrums eine von Zürcher Imamen empfohlene Kinderklinik an und möchte wissen, was daraus geworden ist.

Seit Januar wird im Zentrum Juch in Altstetten das beschleunigte Asylverfahren des Bundes erprobt. Während dieser Zeit sind die Asylsuchenden im Zentrum Juch untergebracht, das von der Zürcher Fachorganisation AOZ betrieben wird. Innerhalb von maximal 140 Tagen sollen ihre Gesuche abgeschlossen sein. Die Testphase dauert bis September 2014. Bewährt sich das Verfahren, soll es landesweit zum Standard werden.

Die Seelsorger der Zürcher Kirchen arbeiten während zweier Nachmittage in der Woche in der zwischen Industrie und A1 eingeklemmten Barackensiedlung Juch. Sie haben einen kleinen Raum als Besprechungs- und Gebetszimmer zur Verfügung – Platz für einen Tisch, ein Regal mit Bibeln in verschiedenen Sprachen, Koranen, jüdischen Gebetsbüchern. Ein mit Filzstift auf den Boden gezeichneter Pfeil weist nach Mekka, der Teppich liegt bereit. Das Zimmer wird mässig genutzt, doch gebetet wird schon im Zentrum Juch.

Jeanine Kosch nah
«Am Anfang hatten wir vier Teppiche, jetzt sind es noch zwei – ergo werden sie gebraucht», sagt Jeanine Kosch.

Bei Bedarf haben sie Seelsorger für religiöse Feiern einen weiteren Raum zur Verfügung. Doch noch sind sie meist in den Aufenthaltsräumen und draussen vor den Baracken unterwegs.

Ideal wäre eine Präsenz an sieben Tagen in der Woche, finden Cavallo und Kosch. Denn die Bewohnerinnen und Bewohner sind oft ausser Haus, sie dürfen sich frei bewegen, vor allem aber haben sie viele Termine: Befragungen beim Bundesamt für Migration, Rechtsberatung bei der Schweizerischen Flüchtlingshilfe – beide haben für den Testbetrieb an der nahe gelegenen Förrlibuckstrasse ihre Zelte aufgeschlagen.

Kinder und Trauma

Frauen aus Eritrea sitzen in einem der Aufenthaltsräume, necken und kosen ein Mädchen. «From Syria», sagt eine der Frauen und herzt die Kleine weiter. Während sich die Erwachsenen oft in Landesgruppen zusammensetzen, sind die Kinder ein bisschen überall, am Billardtisch, am Tischfussballtisch. Wochentags gehen sie im Quartier in die zentrumseigene Schule. Unter den momentan rund 270 Bewohnerinnen und Bewohnern sind 38 Nationen vertreten. Ein Drittel von ihnen kommt aus Eritrea, an zweiter Stelle steht Syrien, gefolgt von Sri Lanka.

«Alle Menschen hier sind in irgendeiner Weise traumatisiert», erzählt Cavallo.

Von Krieg, Verfolgung, Misshandlung, furchtbaren Reisen oder auch einfach von einem Leben auf Wanderschaft durch Europa am Rande der Legalität. Für die Seelsorger haben die Kategorien «echter» oder «unechter» Flüchtling keine Bedeutung.

«Wir sind für alle da. Und wir kommen von aussen, haben nichts zu tun mit Ämtern. Das weckt Vertrauen», sagt Kosch.

Kirchen und Seelsorge

Schweizweit sind die Kirchen seit 1999 in den fünf Empfangs- und Verfahrenszentren des Bundes und in den Transitzonen der Flughäfen vertreten: momentan mit dreizehn reformierten, neun römisch-katholischen, einem jüdischen und einem christkatholischen Seelsorger. Auf reformierter Seite werden die Kosten dafür solidarisch von den Mitgliedkirchen mitgetragen. Da künftig immer mehr Asylverfahren in Bundeszentren durchgeführt werden sollen, wird es mehr Seelsorger vor Ort brauchen. Mitte Juni wird die Abgeordnetenversammlung des Kirchenbundes über die Erhöhung der Beiträge an die Seelsorgedienste von bisher 220 000 auf 350 000 Franken entscheiden.

Neu wird Marcel Cavallo nachmittags immer im Zentrum Juch sein. Sein Pensum wird ab 1. Juli von der reformierten Zürcher Kirche auf 50 Prozent erhöht. Die Nachfolge von Jeanine Kosch, die eine Stelle im Ausland antritt, ist noch nicht geregelt. Unbestritten ist aber, dass die katholische Kirche die Seelsorge im Zürcher Testzentrum weiterhin mit jährlich bis zu 65 000 Franken unterstützen wird. Klar ist auch, dass die beiden Kirchen ihre muslimischen Partner einbeziehen wollen. Entsprechende Verhandlungen mit dem Bundesamt für Migration sind im Gang. Zur Not funktioniert es aber auch so: Marcel Cavallo hat schon mit einigen Muslimen gebetet.

«Wir beten zusammen zum einzigen Gott, für die zurückgelassene Familie, die Zukunft, dann geben wir uns die Hand.»

(Dieser Text ist in der aktuellen Ausgabe von „reformiert“ erschienen, dem Kirchenboten der reformierten Kirche im Kanton Zürich.)