Kirche aktuell

Notfallseelsorge mit Hosentaschen-Jesus

Notfallseelsorge mit Hosentaschen-Jesus
Spitalseelsorgerin, Sprecherin "Wort zum Sonntag"
Nadja Eigenmann
Author
09. April 2014

Heute stehe ich in einfachen Kleidern vor Ihnen. Das hat einen Grund. Diese Kleider trage ich, wenn ich Pikettdienst für die ökumenische Notfallseelsorge im Kanton Zürich habe.

Gedenkblumen Bahnhofstrasse Aufnahme MCS
In anderen Kantonen spricht man auch von Care Team. Die Einsatz-Leitzentrale von Schutz und Rettung Zürich bietet uns Notfallseelsorgenden auf, wenn wir Angehörige oder Zeugen eines tragischen Ereignisses, wie Suizid oder Unfalltod, zu betreuen haben.

Emotionale und körperliche Stärkung

Unsere Aufgabe ist es dann, den Betroffenen, die meistens unter Schock stehen, erste psychosoziale Unterstützung zu geben. Wir versuchen Sicherheit zu vermitteln, nehmen Anteil und anerkennen die Krise. Wir achten darauf, dass die Grundbedürfnisse , wie Trinken und trockene Kleider, gedeckt sind und wir helfen Kontakte zu Familienmitgliedern und guten Bekannten herzustellen.

Wenn wir ausrücken, haben wir einen Notfallrucksack dabei. Darin sind 1 l Wasser, Trockenkekse, Schokolade und Bouillonwürfel, eine Rettungsfolie als Kälte- oder Hitzeschutz, Malstifte für Kinder und ein Ordner mit Adressen, damit wir bei Bedarf einen Dolmetscher oder Seelsorgende anderer Religionsgemeinschaften aufbieten können.

Bei einem Einsatz ist für mich diese Hose mit ihren vielen Taschen praktisch. Darin kann ich wichtige Dinge verstauen: Handy, Notizblock und Stift; einen Notbatzen; hier das persönliche Nastuch, da Papiernastücher zum Abgeben. Dann ist hier unten noch eine Tasche, deren Inhalt für mich sehr wichtig ist! …

Das Kreuz im Hosensack

Wenn ich Menschen mit christlichem Hintergrund in einer Krise betreue, hat das Symbol des Kreuzes für sie oftmals eine grosse Bedeutung. Jesus hat auch Schweres durchgemacht und erlitten. Die Betroffenen stellen sich dann quasi unter das Kreuz in seinen Schutz, als Zeichen des Leids und des Todes, aber auch als Zeichen der Hoffnung und der Auferstehung und dass es für sie selber wieder eine Zukunft gibt.

Ich möchte den Menschen Offenheit signalisieren, d.h., für Menschen aller Weltanschauungen und Religionen da sein. Deshalb trage ich bewusst kein sichtbares Kreuz, z.B. als Kettenanhänger. Aber ich habe Jesus immer bei mir, auch im Zeichen des Kreuzes: Hier unten im Hosensack.

Wenn ich bei einem Einsatz selber Kraft brauche und mich beruhigen muss, fasse ich mit der Hand an die untere Hosentasche. Dann spüre ich das Holzkreuz des kleinen Rosenkranzes und ich weiss: Auch ich stehe im Schutz des Kreuzes, mein Hosentaschen-Jesus ist immer bei mir.

Ich wünsche Ihnen in dieser vorösterlichen Zeit eine wohltuende Besinnung, dass Sie, egal was passiert, immer im Schutz des Kreuzes stehen dürfen.

Schweizer Fernsehen, Wort zum Sonntag vom 5. April 2014

Im Wort zum Sonntag werden keine politischen Aussagen gemacht, das ist auch gut so. Auf dem Hintergrund der aktuellen Diskussion um die Abstimmung zur Kirchensteuerinitiative ist es zhkath wichtig, folgenden Hinweis ergänzend anzufügen:

Die Notfallseelsorge ist ein ökumenisches Angebot das von beiden Landeskirchen im Kanton Zürich finanziell getragen wird. Sie ist an 365 Tagen während 24 Stunden auf Abruf bereit. Bei einem Notfall ist innert einer Stunde einer der 97 Notfallseelsorgenden vor Ort. 2013 haben Seelsorgerinnen und Seelsorger insgesamt 209 Einsätze für Menschen in Not geleistet – dabei spielen weder Taufschein noch Weltanschauung eine Rolle. Über die Kirchensteuern tragen auch juristische Personen (AG, GmbH, Genossenschaften) zu diesem wichtigen Dienst an an der Gesellschaft bei. Wer diesem Dienst Sorge tragen will, legt am 18. Mai 2014 ein Nein zur Abschaffung der Kirchensteuer in die Urne. Vielen Dank.