Kirche aktuell

Flüchtlingsaufnahme als Christenpflicht?

Flüchtlingsaufnahme als Christenpflicht?
Leiter sozialethisches Institut «ethik22» in Zürich
Thomas Wallimann-Sasaki
Dr. theol. Thomas Wallimann-Sasaki ist Leiter des sozialethischen Instituts «ethik22» in Zürich, Präsident a.i. der sozialethischen Kommission Justitia et Pax der Schweizer Bischofskonferenz und Dozent für angewandte Ethik an verschiedenen Fachhochschulen.
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23. Oktober 2015

„Mein Vater war ein heimatloser Aramäer. Er zog nach Ägypten, lebte dort als Fremder mit wenigen Leuten und wurde dort zu einem grossen, mächtigen und zahlreichen Volk. Die Ägypter behandelten uns schlecht, machten uns rechtlos und legten uns harte Fronarbeit auf. Wir schrien zum Herrn, dem Gott unserer Väter, und der Herr hörte unser Schreien und sah unsere Rechtlosigkeit, unsere Arbeitslast und unsere Bedrängnis.“

So lautet ein Schlüsseltext für das Selbstverständnis jüdisch-christlicher Existenz (5. Buch Mose, Deuteronomium 26,5f). Der Gott Jesu Christi und aller Christinnen und Christen steht auf der Seite jener, die auf der Flucht sind, die arm sind und nichts haben. Diese Grundaussage ist heute Anspruch und Provokation zugleich.

 Die Welt verändert sich

Zu Recht bringen wir nun ein, dass die Welt von heute nicht jene ist wie damals – obwohl wir uns im genau gleichen Gebiet bewegen, im Nahen Osten (wie wir ihn nennen). Wenn wir die Situation betrachten, dann sehen wir, dass aus den Syrischen Kriegsgebieten zur Zeit etwa 10% aller Menschen auf der Flucht, den Weg nach Europa riskieren. Sie setzen dafür nicht nur ihr Vermögen aufs Spiel, sondern auch das eigene und das Leben ihrer Familien. Ähnlich geht es Menschen aus Eritrea. Auch sie sehen sich gezwungen zu fliehen, um Schutz zu finden – nicht so sehr wegen einer kriegerischen Bedrohung, sondern wegen einem totalitären Regime.

Fehlendes Hintergrundwissen erschwert Entscheiden

Die Tatsache, dass uns in vielen Fällen gesichertes und fundiertes Wissen über die Zustände vor Ort fehlen, macht es zusätzlich schwierig, die richtigen Entscheide zu fällen. Doch gewiss ist, dass es gleichzeitig nicht wenige Menschen gibt, die als Händler und Schlepper die Not dieser Menschen kaltherzig ausnützen und dabei Unmengen von Geld verdienen. Denn es gibt für diese Menschen auf der Flucht keine legalen Möglichkeiten in ein anderes Land zu kommen, ausser auf diesem lebensgefährlichen Weg. Es sind also auch die Verunmöglichung von legalen Ausreisemöglichkeiten wie Botschaftsasyl etc., die nebst Krieg und Diktatur die aktuelle Bewegung von Flüchtlingen mitverursacht.

Hoffnung auf Respekt der Würde

Schliesslich darf auch noch ein anderer Punkt in Erinnerung gerufen werden:

Dass diese Menschen den Weg nach Europa wählen (nicht primär die Schweiz!) kann auch als ein Zeichen gesehen werden, dass diese Menschen wissen, dass in Europa Menschen in ihrer Würde respektiert und ernstgenommen werden. Dies ist keine Selbstverständlichkeit.

All dies dürfen wir uns in Erinnerung rufen, wenn uns die Bilder und Geschichten zur Zeit so stark berühren, dass wir vor lauter Hilflosigkeit Gefahr laufen, entweder die Tür zur Schweiz und zu Europa zuzuschlagen und damit die Augen vor der Realität zu verschliessen, oder in einem Anfall von Hilfsbereitschaft alle Ankommenden einfach mit Hilfsmitteln überhäufen.

Wie gehen wir mit Armen und Fremden um?

Für Christinnen und Christen ist jeder Mensch – unabhängig wer er ist, woher er kommt und was er tut – ein Mensch mit gleicher Würde, ein Bruder und eine Schwester! Dieser fundamentale Blick auf Menschen verlangt, dass wir alle Menschen mit Respekt behandeln.

Ob wir dies auch tatsächlich tun zeigt sich in erster Linie, wie wir mit Fremden und Armen umgehen. Auch darum – nebst der Erinnerung an die eigene Flucht – sind die Sorge für Fremde und die Gastkultur in der Bibel so entscheidende Orte für den gelebten Glauben. Daraus entsteht zuerst einmal eine Grundhaltung der Einfühlung: im Fremden, im Flüchtling begegnet mir ein Mensch, mit Herz, Gefühlen und Gedanken.

Was heisst dies nun konkret im Umgang mit den Flüchtlingen, die zu uns kommen?

  • Es gilt zuerst einmal ein menschen- und bewusst auch fremden-freundliches Klima zu schaffen! Migration ist ja nicht etwas Neues, sondern gibt und gab es immer. Viele von uns selber kennen Migrationsgeschichten (auch innerhalb des eigenen Landes). Ein wohlwollendes „Grüezi“ zeigt, dass ich Menschen achte.
  • Dann müssen wir dafür sorgen, dass mit diesen Menschen respektvoll umgegangen wird. Dazu ist es wichtig, dass ich sie kennenlerne, dass wir alle voneinander wissen, wie wir „funktionieren“.

All dies geht nicht ohne Kommunikation und damit ohne Sprachkenntnisse. Wer nichts versteht, kann sich auch nur schwerlich richtig benehmen!

Nebst der Sprache, die Menschen, die zu uns kommen, hier erlernen müssen, gibt es aber auch für uns eine nicht geringe Herausforderung: früher sind Schweizerinnen und Schweizer in alle Welt ausgewandert. Wir erlernten neue Sprachen  und lernten uns zurechtzufinden (was übrigens lange nicht allen gelang!). Nun müssen wir (vielleicht zum ersten Mal in der modernen Geschichte) andern Menschen erklären, wie wir hier funktionieren. Oft wissen wir das selber nicht so genau, weil wir uns einfach gewohnt sind. Denken wir nur an den Gebrauch des Konjunktiv, wenn wir etwa ein Café bestellen!

Nutzen und Lasten fair verteilen

Schliesslich dürfen wir auch Nutzen und Lasten so verteilen, dass niemand Unmögliches leisten muss. Auch hier gilt es, zwischen den Kantonen und Bund, aber auch in Zusammenarbeit mit den Flüchtlingen selber (häufig) neue Weg zu suchen und zu gehen. Dies betrifft insbesondere die Möglichkeit zu Arbeiten. Aber auch das Schaffen von legalen Möglichkeiten der Einwanderung und damit auch der Bekämpfung des Missbrauchs dieser Menschen auf der Flucht durch Schlepper und Menschenhändler.

Unseren Einfluss geltend machen

Und dann bleibt noch der Blick in die Herkunftsregionen der Flüchtlinge. Hier sind unser Staat, aber auch häufig grosse Unternehmen gefordert, ihren Einfluss geltend zu machen, wenn sie Menschenrechtsverletzungen wahrnehmen. Vielfach sind in diesen Ländern Bildung und Wissen sehr ungleich verteilt und mit ein Grund für kriegerische Auseinandersetzung.

Hier können wir uns an die Geschichte der Katholischen Arbeitnehmerbewegung KAB selber erinnern: die KAB hat seit ihrem Anfang den Arbeitern Bildung mit auf den Weg geben, denn sie wusste: nur wer weiss, kann sich auch richtig für Achtung und Gerechtigkeit einsetzen!

Und wie gehen wir nun mit unseren Gefühlen der Betroffenheit und Hilflosigkeit um? Zuerst einmal gilt es, diese wahrzunehmen, im Gespräch zu teilen. Dann können wir sehen, dass an vielen Orten schon viele Menschen ähnliche Fragen hatten und viele Wege gefunden haben, wie wir einander helfen können.

Die aktuelle Flüchtlingssituation ist nicht unlösbar. Sie ist vielmehr auch ein Prüfstein, ob wir fähig sind, das in den letzten 70 Jahren an Gerechtigkeit und Menschlichkeit erreichte andern Menschen weiterzugeben! Denn jüdisch-christliche Tradition ist nicht nur geprägt von ihrer eigenen Flucht-Geschichte, sondern auch von einer Hoffnung wider alle Hoffnungslosigkeit.

 

Erschienen im treffpunkt Nr. 10/2015
(Der treffpunkt ist das sozialethische Magazin der Katholischen ArbeitnehmerInnen-Bewegung (KAB) Schweiz).