Kirche aktuell

Flüchtlinge: "Dem Negativen keine Kraft geben"

Flüchtlinge: "Dem Negativen keine Kraft geben"
Kerstin Lenz
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04. September 2015
Peter Balleis in der Schweizerischen Jesuitenmission.

Peter Balleis in der Schweizerischen Jesuitenmission.

Seit 2007 leitet Peter Balleis , ein deutscher Jesuit, den internationalen Flüchtlingsdienst der Jesuiten. Der Dienst ist in 50 Ländern der Welt vor Ort, um rund 1 Million Flüchtlingen zu helfen. Dies beinhaltet die Betreuung und Notfallhilfe in Camps, Gesundheitsdienste und die Bildungsangebote. Die Katholische Kirche im Kanton Zürich hat 2013 und 2014 namhafte Beiträge an Projekte des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes gesprochen. Der zum November abtretenden Leiter war für Fernsehaufnahmen in Zürich und stand auch uns für ein Gespräch zur Verfügung.

Peter Balleis, Flüchtlinge aus Afrika und Syrien kommen in Scharen nach Europa. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage ein?

Die Weltlage hat sich verändert in den letzten 5 Jahren, wir haben die zwei bis drei grosse Konfliktzonen – in Afrika entlang der Sahelzone, da geht es um Armut und Umweltveränderungen, um Erdöl. Dann der Nahe Osten, dort sind die Konflikte stark von unterschiedlichen Auslegungen des Islam geprägt. Dann ist da noch die Ukraine.

Eigentlich darf es nicht überraschen, dass die Menschen aus den Konfliktgebieten nach Europa kommen, um Schutz zu bekommen. Millionen von Menschen sind auf der Flucht, in Syrien allein 6 Mio. Menschen oder mehr. Davon kommt im Grunde nur ein kleiner Teil nach Europa, wenn man von 52 000 spricht, die hier nach Europa kommen – weniger als 10 Prozent.

Warum hat man das Gefühl, dass im Syrienkonflikt keiner eingreift?

Der Konflikt ist längst kein regionaler Konflikt mehr. Man hat gehofft, der Westen würde militärisch eingegreifen, und der Westen hat nichts getan. Und so sassen wir bald im Regen, weil das Assad-Regime mit schweren Waffen brutal vorgegangen ist. Ich habe Homs besucht. Die Innenstadt sieht aus wie deutsche Städte nach dem 2. Weltkrieg.

Der Westen hat nur Waffen geliefert, die nicht stark genug waren. In diesem Vakuum konnte sich der islamistische Staat (IS) formieren, die Kämpfer aus der ganzen Welt rekrutiert haben. Viele Menschen waren frustriert und gaben dem Ganzen eine idealistische Ideologie. Das ist kein interner Konflikt, sondern das ist eine ganz neue Konstellation sondern ein innerislamischer Konflikt. Der ungeliebte Assad-Staat ist jetzt noch die bessere Option als IS. Wer will denn, dass der IS an den Grenzen Israels steht?

Soll sich der Westen einmischen?

Soll man sich denn gar nicht einmischen? Die internationale Politik muss sich zusammensetzen, mit den Russen, den Iranern. Die Syrer haben keine Kontrolle mehr, das sind ja nicht mehr mal ihre Kämpfer, die dort kämpfen. Das ist ein Problem internationalen Ausmasses. Es ist noch nicht klar, wo das hinführt. Es war nicht mehr an den Grenzen zu stoppen. Die Verzweiflung, nach Schutz zu suchen, ist zu hoch. Man muss das zur Kenntnis nehmen. So ist es jetzt. Wir haben politische Fehler gemacht, aber es ist nicht unsere Verantwortung. Die Menschen sehen Europa als sicheren Bereich. Es ist eine hochkomplexe internationale Situation.

Gibt es Lösungen, dass Flüchtlingen in ihren Ländern bleiben?

Viele bleiben ja im Norden Iraks, bleiben in ihrer Ländern. Wir müssten halt der IS standhalten. Es ist ja nur 50 km weit weg von Erbil, wo wir als Jesuiten arbeiten.

Man kann Stück weit ein normales Leben führen. Wir tun sehr viel, wir haben 380 000 Menschen mit Lebensmitteln versorgt. Unsere Strategie ist nicht Nothilfe sondern psychosoziale Betreuung und Bildung. Darin stecken die Elemente der Zukunft. Bildung ist der Schlüssel, die Jungen können noch gestaltet werden durch die Bildung. Wenn jungen Leute ungebildet und frustriert sind, sind sie das „gefundene Fressen“ für extremistische Ideen. Es ist auch gut, dass viele rausgehen und dass viele einem friedlichen Kontext überleben.

Heimat ist immer noch Heimat, viele gehen dann auch wieder zurück und helfen aufbauen.

Masisi D.R. Kongo-001

In einem Flüchtlingslager in Kongo

Was kann hier vor Ort getan?

Menschen können auf verschiedener Ebene das Kleine tun. Viel ist schon, die eigene Meinung mit grösserer Differenzierung auszusprechen, versuchen zu verstehen. Dass man auf jemanden, der auch in diesem Land ist, schon mit Freundlichkeit begegnet und nicht mit Angst und offener Ablehung. Dann Sprachunterricht geben, Geld spenden. Dann muss der Staat die Strukturierung der Hilfe übernehmen.

Es hilft nichts, den Leuten ein schlechtes Gefühl geben. Damit macht man das Flüchtlingsthema zu einem unliebsamen Thema. Jeder darf ein bisschen tun. Das ist schon viel. Eine Bereitschaft, kreative Lösung zu finden. Das ist alles lösbar und machbar.

Eigentlich sind die ja Flüchtlinge nichts Neues. Damals zum Kosovokonflikt sind auch viele gekommen. Ich habe gestern Zahlen bei der BBC gesehen: In Schweden leben 8 Asylbewerber auf 1000 Bewohner, in Deutschland 2 auf 1000 Bewohner. Das kann doch keine Bedrohung sein!

Wir alle sind mehr fasziniert vom Negativen als vom Guten. Das Negative hat die Tendenz zu dominieren und Angst zu machen.

Wir dürfen uns von dem Negativen nicht zu sehr beeindrucken lassen. Die paar Flüchtlinge können doch nicht grosse europäische Staaten aus dem Gleichgewicht werfen. Man muss etwas tun, das ist herausfordernd. Aber die Flüchtlinge schmeissen doch nicht die Bevölkerung Europas aus dem Gleis!

Am Sonntag, 6. September 2015, war Pater Balleis in den „Sternstunden“ auf SRF 1 zu Gast. Norbert Bischofberger sprach mit ihm über die aktuelle Flüchtlingstragödie.

http://www.srf.ch/sendungen/sternstunde-religion

Die Katholische Kirche im Kanton Zürich hat den Flüchtlingsdienst der Jesuiten in den vergangenen zwei Jahren finanziell unterstützt: Für den Aufbau einer Schule (hier ein Bericht von dort) in einem Flüchtlingslager in Erbil im Norden Iraks sprach die Synode 200 000 Franken. Bereits 2013 wurden 200 000 Franken für Projekte des Flüchtlingsdienstes in Syrien gesprochen.

www.jrs.net