Kirche aktuell

Berufung und Sendung der Familie

Berufung und Sendung der Familie
Redaktionsteam
Katholische Kirche im Kanton Zürich
Die Beiträge im Blog geben die Haltung der Autoren wider und müssen nicht in jedem Fall mit der offiziellen Haltung der kirchlichen Körperschaft übereinstimmen.
Author
09. Oktober 2015

Vor einem Jahr hat die vatikanische Umfrage über Ehe und Familie zu einem überwältigenden Echo geführt. Trotz der kurzen Zeitspanne zum Beantworten gingen schweizweit 25‘000 Rückmeldungen ein. Mehr als 9‘000 davon stammten aus dem Gebiet des Generalvikariats Zürich-Glarus. Die Antworten flossen in die Beratungen der ausserordentlichen Bischofssynode ein. Die Berichterstattung aus der Synode hat in der Öffentlichkeit grosses Interesse gefunden. Papst Franziskus verlieh der Kirche damit neuen Schwung, was sich auch im Ringen der Bischöfe eindrücklich zeigte. Im Herbst 2015 treffen sich die Bischöfe zur zweiten Synodensitzung, um definitive Antworten zu suchen. Papst Franziskus ruft auch jetzt wieder dazu auf, diesen Prozess des Nachdenkens fortzuführen und an der Basis Synodengespräche zu führen.

Papst Franziskus ermuntert, den Schlussbericht der ersten Synode zu reflektieren und kritisch anzuschauen: Fehlen vielleicht wichtige Aspekte? Müssten einzelne Aspekte anders gesetzt werden? Welche Schritte braucht es, damit die Kirche Menschen in besonderen Lebenssituationen besser dienen kann?

Eva-Maria Faber ist Professorin an der Theologischen Hochschule Chur (THC) und hat sich in einem Interview Gedanken dazu gemacht. Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf die entsprechenden Punkte im Schlussdokument der Synode.

Haben Themen wie Liebe, Partnerschaft, Ehe und Familie überhaupt noch religiöse Relevanz?

Viele Menschen finden, die Kirche solle zu den Fragen von Ehe und Familie eine Zeitlang besser gar nichts mehr sagen. Das ist verständlich auf dem Hintergrund schlechter Erfahrungen: Es gab und gibt zu viel Verbotsmoral statt Orientierung an Werten. Im Empfinden vieler Menschen hat die kirchliche Verkündigung oft zu wenig Bodenhaftung. Sie trägt zum Gelingen von Partnerschaft und Familie zu wenig konkrete Hilfe bei.

Aber heisst das gleich, dass der Glaube zu diesem Thema gar nichts zu sagen hat? Wer religiös ist, wird auch so zentrale Lebensinhalte wie Liebe, Ehe und Familie religiös deuten und leben wollen. Richtig verstanden stiftet der Glaube durchaus „Lebenskunst“ für Partnerschaft und familiäre Verantwortung.

Zu denken geben kann, dass der Soziologe Ulrich Beck die Liebe als „irdische Religion“ bezeichnet hat.

  • Macht es nicht einen grundlegenden Unterschied aus, ob Liebe Religionsersatz ist, oder ob Liebe und Partnerschaft im Licht einer gemeinsamen Beziehung zu Gott gelebt werden kann?

  • Hat der Glaube nicht die entlastende Konsequenz, dass zwei Partner füreinander nicht unendliche Sehnsüchte erfüllen müssen?

  •  Dass sie einander und ihre Kinder auch in die je persönliche und unvertretbare Gottesbeziehung freigeben dürfen?

Hier wären schon bedeutsame Beiträge christlicher Spiritualität für das Leben in Ehe und Familie! Ich bin überzeugt, dass Eheleute noch viel konkretere Hinweise geben könnten, was ihnen der Glaube in der Ehe bedeutet.

Haben die Bischöfe verstanden, welche Signale die Basis bezüglich der Realität des Ehealltags aussendete?

Das kann ich nur hoffen. Der Text, der von der Synode 2014 verabschiedet wurde und nun zur Vorbereitung der Synode 2015 dienen soll[1], atmet noch nicht den Geist der Lebensnähe und lässt darum auch die lebensgestaltende Kraft des Glaubens in der Ehe nicht überzeugend erkennen.

Können Sie uns einen kurzen Überblick über dieses Dokument geben?

Vom Aufbau her ist der Text zunächst vielversprechend: Man beginnt mit dem Blick auf die konkreten Lebensrealitäten in verschiedenen Ländern und Gesellschaften, bevor nach der Sicht des Glaubens gefragt wird. Der dritte Teil geht auf pastorale Handlungsfelder ein.

Was wäre denn das Vielversprechende des ersten Teils?

Die Überschrift sagt, dass man zuerst zuhören möchte – und das ist schon sehr viel, wird aber leider nicht wirklich eingelöst. Es geht darum, die sozialen, kulturellen Situationen „in der Vielschichtigkeit ihrer Licht- und Schattenseiten“ zu betrachten (4). Positiv genannt wird eine „grössere Ausdrucksfreiheit und breitere Anerkennung der Rechte der Frau und der Kinder“ (5). Vornehmlich aber werden negative Rahmenbedingungen der Familie genannt, wie

  • Armut,

  • demographische Krise,

  •  Migration,

  •  Scheidungen

  • oder geburtenfeindliche Mentalitäten.

Gibt es nicht auch Entwicklungen in unserer Gesellschaft, die das Gelingen von Ehe und Familie heute leichter als früher machen?

Eben das ist ein Kritikpunkt. Zum Beispiel stellen die neu gewonnenen Freiheiten gegenüber herkömmlichen Familienmodellen zwar gewiss eine Herausforderung an die Eigenverantwortung dar. Sie sind aber grundsätzlich doch positiv zu bewerten. Selbst die Möglichkeit der Scheidung sollte im Verhältnis zu jenem Leid angeschaut werden, das früher innerhalb von Ehen und Familien verborgen blieb.

Orten Sie einen blinden Fleck in den Überlegungen der Bischofssynode? Gibt es Bereiche, die zu stark betont sind oder die vernachlässigt wurden?

Überdeutlich wird die Gefahr des Individualismus beleuchtet. Nun hat es aber das „Risiko, in egoistischer Weise zu leben“ (9) wohl immer schon gegeben.  Vor allem: in Ehen und Familien wird vielfach mehr selbstverständlicher Verzicht und Dasein für andere gelebt als in ehelosen Lebensformen.

Zugleich wird über der Kritik am Individualismus eine der schwierigsten Herausforderungen in Partnerschaft und Familie übersehen: die Balance von Individualität und Partnerschaft bzw. von Autonomie und Verbundenheit.

Sie meinen: gerade diese Balance ist heute gefährdet?

Ja, denn viele Ehen scheitern gerade daran, dass es den Partnern nicht gelingt, das gemeinsame Leben mit ihren echten eigenen Bedürfnissen auszubalancieren. Nicht selten müssen Menschen erst lernen, sich das Äussern von Wünschen zu gestatten (weil auch der liebevollste Ehepartner sie nicht erraten kann) und ein Gespür für sich selbst zu gewinnen bzw. in der Partnerschaft zu bewahren.

Diesen komplexen Anforderungen des Lebens in Partnerschaft wendet der Synodentext wenig Aufmerksamkeit zu, so wie er insgesamt das Thema Familie dem der Ehe vorordnet.

Zu kurz kommt darüber die eigenständige Bedeutung der Partnerschaft gegenüber der Familie (vor, in und nach der Phase der Verantwortung für heranwachsende Kinder oder in einer kinderlosen Ehe).

Gibt denn der zweite Teil aus der Sicht des Glaubens praktische Antwort auf die Fragen des Alltags?

Auch hier tönt die Überschrift vielversprechend: „Evangelium der Familie“. Ehe und Familie werden im Glauben als Geschenk Gottes betrachtet. Der Text äussert die Zuversicht, dass die Ehe eine Aufgabe ist, die durch die Gnade des Sakramentes besser erfüllt werden kann. „Gott heiligt die Liebe der Eheleute und bestätigt ihre Unauflöslichkeit, indem er ihnen hilft, die Treue, die gegenseitige Ergänzung und die Offenheit für das Leben zu leben“ (21).

Doch dann wäre konkret zu beschreiben, was das bedeutet. Am besten wäre es, wenn hier Personen zu Wort kämen, die aus eigenen Erfahrungen sprechen können. Das fehlt im Text. Er beschränkt sich auf theologische Deutungen: Ehe und Familie sind Bild der Dreifaltigkeit, Darstellung des Verhältnisses Gottes zu seinem Volk und Hauskirche. Nur:

  •  Lässt sich mit solchen Idealen die Frage vieler Menschen beantworten, warum es bedeutsam wäre, kirchlich zu heiraten?

  •  Müsste dafür nicht die Perspektive des Glaubens mehr in die konkreten Fragen von Partnerschaft und Familie hineinbuchstabiert werden?

  • Wäre es nicht notwendig, schlichter und detaillierter zu beschreiben, was Christsein auf dem Weg von Ehe und Familie bedeutet?

Geschieht das dann im dritten Teil?

Tatsächlich wird der dritte Teil realitätsnäher.  Ziel ist es, nicht einfach „Normen vorzulegen, sondern Werte anzubieten, und damit auf eine Sehnsucht nach Werten zu antworten“ (33). Dies wird betont, um den verschiedenen Formen von Partnerschaft gerecht zu werden. Auch solche, die nicht dem katholischen Ideal der sakramentalen Ehe entsprechen, z.B. zivile Ehen oder das Zusammenleben ohne institutionelle Bindung, können an wichtigen Werten teilhaben. Darum werden sie nicht mehr ausschliesslich negativ beurteilt, sondern mit dem Modell von „Wachstumsstufen“ beschrieben.

Partnerschaften, die zerbrechen sind schmerzliche Realität. Ist das Ausmass dieser Realität bei den Synodenvätern angekommen?

Ja, und in diesem Teil finden sich Formulierungen, die sehr einfühlsam sind. So „sehen die Synodenväter die Dringlichkeit neuer pastoraler Wege, die von der tatsächlichen Realität der Zerbrechlichkeit der Familie ausgehen, im Wissen darum, dass Trennung und Scheidung oft eher mit Schmerz ‚erlitten‘, als aus freien Stücken gewählt werden“ (45). Die Synode empfiehlt (mit den Worten von Papst Franziskus) eine „Kunst der Begleitung”, „damit alle stets lernen, vor dem heiligen Boden des anderen sich die Sandalen von den Füssen zu streifen“ (46).

Einer der drei offen gebliebenen und noch zu klärenden Punkt ist die Frage des Umgangs mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften: ein kurzes Fazit dazu?

Im Blick auf Homosexuelle lehnt die Synode jegliche Diskriminierung ab. Damit wird eine gewisse Kehrtwende der kirchlichen Lehre deutlich, die auch in den Katechismus der Katholischen Kirche Eingang gefunden hat. Doch hier bleibt es ansonsten bei dem negativen Befund: homosexuelle Partnerschaften entsprechen nicht den Normen der Kirche, und man findet zu keiner Anerkennung der auch in solchen Partnerschaften gelebten Werte.

Was können Sie dem synodalen Prozess des vergangenen Herbstes abgewinnen?

Insgesamt lässt der dritte Teil behutsame Annäherungen an die konkreten Realitäten von Partnerschaft und Familie erkennen. Pastoral wirksame Entscheidungen sind noch nicht gefallen.

Umso mehr sind alle eingeladen – Katholiken und Katholikinnen ebenso wie alle Menschen „guten Willens“ – sich am Prozess des Nachdenkens über Ehe und Familie zu beteiligen!

 

[1] http://www.vatican.va/roman_curia/synod/documents/rc_synod_doc_20141209_lineamenta-xiv-assembly_ge.html (2.1.2015). Im Text mit Nummern zitiert.