Kirche aktuell

Fachtagung zur Kirchenentwicklung Schwimmen, um nicht unterzugehen

Über 100 Interessierte haben sich mit der Frage beschäftigt, wie Kirche sich weiterentwickeln kann. Den Auftakt machte Prof. Bernhard Spielberg mit Impulsen, die zum Weiterdenken anregten. In fünf Workshops konnten die Teilnehmenden einzelne Themenfelder vertiefen. Bereits sind zwei Folgetagungen geplant.
21. September 2026 Katholische Kirche im Kanton Zürich

«Kirche im Kanton Zürich auf Zukunftskurs»: Unter diesem vielversprechenden Titel hatte die neu einberufene Kommission Kirchenentwicklung am Freitag, 10. September, zur ersten öffentlichen Fachtagung in die Paulus Akademie eingeladen. Einen ganzen Tag lang setzten sich Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Akteure des dualen Systems mit der Frage auseinander, wie Kirche unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen glaubwürdig gestaltet werden kann.

Fachtagung stösst auf grosses Interesse

Über 100 Teilnehmende aus Pfarreien, Kirchgemeinden, Fachstellen, Missionen, Verwaltung, Synode, Synodalrat, Generalvikariat sowie Freiwillige nahmen an der Fachtagung teil. «Das ganze Volk Gottes ist zur Teilhabe aufgerufen», begrüsste Generalvikar Luis Varandas die bunte Schar aus allen Bereichen der katholischen Kirche, «denn sie sollen sich an Orten und bei Gelegenheiten treffen, wo man sich gegenseitig zuhören kann.»

Auch Synodalrat Tobias Grimbacher, Vorsitzender der dual geführten Kommission, erinnerte die Anwesenden zusammen mit Vize-Vorsitzenden Judith Weber vom Generalvikariat daran, dass sie gemeinsam die Richtung vorgeben. «Euch alle braucht es, um den Raum innerhalb der Leitplanken zu gestalten.»

 

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Begrüssen die Teilnehmenden: Judith Weber und Tobias Grimbacher, Vorsitzende der Kommission Kirchentwicklung. Foto: Manuela Moser

 

Input-Referat mit Bernhard Spielberg

Daraufhin hielt Bernhard Spielberg von der Universität Freiburg im Breisgau ein spannendes Inputreferat, angelehnt an Bob Dylans bekannten Song «The Times They Are A-Changin’»: Sinnbildlich ging es um den Umstand, dass sich die Zeiten ändern und man schwimmen muss, wenn einem das Wasser bis zum Hals steht. «Manche Stimmen haben schon geraten, das Generalvikariat in Admiralsvikariat umzubenennen», scherzte der Professor für Pastoraltheologie und erreichte das Publikum mit seiner lockeren Art direkt. Er skizzierte eine Kirche mitten in einer Umgebung, in der alles fluider geworden ist und man sich neu ausrichten muss. Einen vermeintlich festen Grund zu suchen, sei zwecklos; lieber solle man anfangen zu schwimmen und darauf vertrauen, dass das Wasser trägt.

Auch brauche es diesen besonderen Mut, im Scheitern aufzuhören: «Da, wo die Dinge nicht funktionieren, soll man loslassen.» Eingängig war sein Bild der Kirche als Frucht: «Viele sagen, Kirche solle sich auf ihren Kern konzentrieren. Allerdings muss man bedenken, dass die Kirche keine Pflaume ist», so Spielberg. Dabei sei sie eine Erdbeere, also eine Sammelnussfrucht: «In der Mitte liegt ein Geheimnis, die Kerne liegen am Rand.» Überall dort, wo Kirche das Aussen berühre.

Es folgte ein Aufruf: «Wir sollen nicht nur ertragen, sondern ausgestalten. Und zwar eine plurale Katholizität fördern.»

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Referent Bernhard Spielberg von der Universität Freiburg regte zum Ausprobieren an. Foto: Manuela Moser

Kirche, ermutigte der Universitätsprofessor zum Schluss, habe starke Dinge zu sagen. «Christsein ist ja nicht nur eine Religion, es ist ein Lebensstil.» Und auch eine säkulare Gesellschaft habe berechtigte Erwartungen an die Kirche: «Wir sollten also - zusammen mit anderen - Zeichen setzen: gegen Armut, für Gerechtigkeit, gegen Krieg, für die Bewahrung der Schöpfung.» Zudem brauche es die Kirche nicht mehr, um den vermeintlichen Sinn des Lebens zu erklären - wohl aber Orte, an denen Menschen Sinn im Leben erfahren.»

Die Kunst der Kirchenentwicklung bezeichnete er schliesslich als ein Ausprobieren und ein «Sehen, was passiert». Eine Kirche werde gleichzeitig von verschiedenen Menschen in unterschiedlichen Stilen gebaut: «So soll jeder in seinem Stil weiterbauen, damit Kirche noch lange gastfreundlich bleiben kann.»

Workshops zu den Themenfeldern

Die Teilnehmenden waren in fünf verschiedenen Workshops dazu aufgerufen, ihre Diskussions- und Gestaltungsfreude auszuleben. In der ersten Gruppe unter Leitung von Christof Eberle, Marcus Scholten und Natascha Rüede stellten sie sich der Frage, wie die verschiedenen Organisationsformen innerhalb der Kirche von Territorial-, Kategorial- und Migrantenseelsorge besser zusammenarbeiten können. Anhand gelingender Beispiele, von denen die Teilnehmenden erzählten, schälten sich die Schlüsselfaktoren heraus: Es braucht Ideen und Mut; es braucht Offenheit und Neugier und es braucht gemeinsame Anlässe wie Gottesdienste, ein Essen oder ein Gebet.

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Der Workshop zur besseren Zusammenarbeit wurde geleitet von (v.l.): Marcus Scholten, Natascha Rüede und Christof Eberle. Foto: Manuela Moser

Judith Weber und Anika Trütsch arbeiteten mit ihrer Gruppe am «Ausprobieren erwünscht», so der Titel dieses Workshops. Sie ermutigten dazu, die Optimierungskultur abzulegen und stattdessen Erprobungsräume zu bespielen, in denen auch Scheitern erlaubt ist. Mithilfe der sogenannten Walt-Disney-Methode – einer Kreativitäts- und Problemlösungstechnik, die eine Idee aus drei verschiedenen Perspektiven betrachtet – spielten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Visionen durch. Einmal aus der Perspektive des Träumers, der Macherin und des Kritikers.

Wie funktioniert das duale System am besten?

Die dritte Gruppe unter der Leitung von Andrea Müller und Tobias Grimbacher nahm das duale System unter die Lupe: Wie funktioniert das Zusammenspiel von Kirchgemeinde und Behörde in der Praxis – und woran kann es scheitern? Im Idealzustand sind beide Seiten wie die Waagschalen einer Waage im Gleichgewicht und agieren auf Augenhöhe.

Die vierte Gruppe widmete sich der Frage, wie Freiwillige gewonnen, begleitet und gestärkt werden können. Samuel Malapati und Igor Lukenda veranschaulichten die Ausgangslage mit dem Bild eines Baumes: Freiwilligenarbeit braucht tiefe Wurzeln, einen kräftigen Stamm und eine prächtige Krone, damit sie am Ende auch anderen Schatten spenden kann. Das Fazit: «Wir brauchen Freiwillige – aber wir müssen auch professionell mit ihnen umgehen.»

Kirchengebäude sind auch Visitenkarten

Die letzte Gruppe widmete sich schliesslich der oft unterschätzten Visitenkarte der Kirchen: ihren Liegenschaften. Wenig genutzt, unterbelegt – und damit bereit für neue Nutzungen? Daraus ergab sich die weiterführende Frage: Wem gehört die Kirche?

Auch in dieser Gruppe wurden zahlreiche Aspekte diskutiert. Drei zentrale Punkte kristallisierten sich heraus: Bei jeder Neunutzung muss das Quartier einbezogen, müssen die Bedürfnisse sorgfältig evaluiert und eine zugängliche Plattform für alle Interessengruppen geschaffen werden.

Der Tag war eine erste Ermutigung zum Aufbruch in die nächste Etappe der Zürcher Kirche. Weitergedacht und weitergearbeitet wird nicht nur in der Kommission Kirchenentwicklung und an vielen anderen Stellen, es sind auch bereits zwei Folgefachtagungen angedacht. Mitarbeitende, Behördenmitglieder und Freiwillige der katholischen Kirche im Kanton Zürich können sich die Termine schon jetzt vormerken.

  • Freitag, 5. März, 2027, Paulus Akademie Zürich
  • Freitag, 1. Oktober 2027, Paulus Akademie Zürich

Kommission Kirchenentwicklung
Die neu einberufene, dual geführte Kommission hat in einer ersten Phase die 20 wichtigsten Themen definiert, mit denen die Kirche zukunftsfähig gemacht werden soll. Bis zum zweiten Meilenstein – der Synodalratssitzung im Dezember – werden nun für sieben dieser Themen konkrete Strategien und Massnahmen ausgearbeitet. Auch der Synodalrat und der Generalvikar werden sich an ihrer Herbstklausur einen halben Tag lang mit dem Thema beschäftigen. Im Dezember 2027 soll bereits über die Umsetzung der erarbeiteten Massnahmen berichtet werden. Die Kommission besteht aus acht Mitgliedern: Tobias Grimbacher (Vorsitz), Judith Weber (stv. Vorsitz), Marcus Scholten, Igor Lukenda, Urs Länzlinger, Markus Staudinger, Claudia Tognon und Christof Eberle. Seit Mai nimmt zudem der externe Berater Michael Marti vom Büro Ecoplan an den Sitzungen teil.