Martin Stewen über 25 Jahre Priestersein «Nach der ontologischen Differenz suche ich noch»
Simon Spengler: Was ist dir als wichtigster Moment deiner Priesterweihe vor 25 Jahren in Erinnerung geblieben?
Martin Stewen: Neben der Handauflegung die Allerheiligenlitanei. Das waren Momente, die mir atmosphärisch eingefahren sind.
Warum gerade diese Litanei?
Ich habe gemerkt: Glaubensleben ist keine fixe Idee, sondern hat zu tun mit Biografien konkreter Menschen mit all ihren Licht- und Schattenseiten. Mich hier einzureihen als einer, der sich ganz in den Dienst der Glaubensgemeinschaft stellen will, hat mich sehr bewegt. All diese Menschen haben ihre Freuden und ihre Leiden in dieser Kirche gehabt, aber sie haben hier ihren Platz gefunden. So geht es mir auch. Allerdings war der Teppich vorher chemisch gereinigt worden und der Geruch stach mir in die Nase, so dass die Heiligkeit des Moments für mich ein wenig eingeschränkt war.
Vor der Weihe warst du in Zürich schon als «Laientheologe» tätig.
Das stimmt. 1990 war ich ins Priesterseminar meiner Heimatdiözese Essen eingetreten, habe es aber schnell wieder verlassen. Das hatte damals für mich nicht gepasst. Nach dem Studium kam ich dann in die Schweiz.
Was hat dich hierher verschlagen?
Ein Studienkollege, der schon hier arbeitete, hat mir die Schweiz schmackhaft gemacht. So kam ich 1997 als Pastoralassistent ins Bistum Chur, zunächst nach Meilen, dann nach Peter und Paul.
Wann reifte der Entscheid, dich doch weihen zu lassen?
Nach dem Pastoralkurs schrieb ich dem damaligen Generalvikar und Weihbischof Peter Henrici, dass ich darüber nachdenke, Priester zu werden.
Was war das entscheidende Argument für dich?
Es gibt keines. Die Idee ist gewachsen. Es war eine Bauchentscheidung, zunächst keine rationale Abwägung. Deshalb hatte ich Henrici ja auch nur gesagt, ich könne mir das vorstellen und wollte seine Einschätzung hören. Er ermutigte mich mit der Aussage: «Wenn Sie jetzt nicht springen, machen Sie es nie!»
Nun bist du schon 25 Jahre lang Priester. In den letzten Jahren hört man immer öfter aus Rom oder aus der Weltsynode, das Amtspriestertum müsse neu gedacht werden. Was bedeutet das für dich?
Ich höre das auch, aber ich weiss nicht, was wie neu gedacht werden soll. Das hat auch damit zu tun, dass ich nicht sehe, dass es die eine Form des Priesteramtes gibt. Je nach Situation und Weltgegend wird es ganz anders wahrgenommen und gelebt.
Hat sich deine eigene Sicht aufs Priesteramt verändert?
Nein. Aber da, wo ich mein Priesteramt lebe, muss ich mit einer Kirche irgendwie zurechtkommen, in der es nicht nur Heiliges, sondern auch sehr viel Menschliches gibt. Auf der anderen Seite ist diese Kirche auch 25 Jahre mit mir zurechtgekommen. Und dabei bin ich ruhiger geworden. Ich mache nicht mehr jede Frage in dieser Kirche zu meiner eigenen. Vor 25 Jahren war ich da anders.
Ein klerikaler Heisssporn?
Mein Gemüt war jedenfalls leichter zu erhitzen als heute.

Die klassische Amtstheologie der Kirche spricht von einer «ontologischen Differenz» des geweihten Priesters zum gewöhnlichen Volk, einem «seins-mässigen» Unterschied. Der Priester ist also eine besondere Spezie von Mensch. Fühlst du dich auch so?
Ich bin nie über einen Seins-Graben gesprungen. Nach der Erfahrung der «ontologischen Differenz» suche ich noch.
Du würdest sie gern finden?
Wenn ich sie finde, dann ok. Momentan komme ich als Priester aber gut ohne diese leibhafte Erfahrung zurecht.
Braucht es in der Kirche auch in Zukunft Priester?
Ja!
Warum?
Es muss Figuren geben, die dieser Glaubensgemeinschaft vorstehen und leitend vorangehen. So wie es schon in der Schrift heisst: «Da beteten sie, legten ihnen die Hände auf und sandten sie.“ (Apostelgeschichte Kapitel 13) Das heisst aber nicht, dass das Priestertum so bleiben muss, wie es heute ist.
Man kann heute nicht ernsthaft über das Priesteramt sprechen und über die Frauen schweigen, die davon ausgeschlossen sind. Wie gehst du damit um, dass sich Kolleginnen, die sich berufen fühlen, nicht geweiht werden?
Das ist ein Drama! Da hat diese Kirche noch einiges aufzuarbeiten. Ich denke oft, als Frau in dieser Kirche tätig zu sein, verlangt ein ziemliches Nervenkostüm. Ich weiss auch nicht, was ich diesen Frauen sagen kann. Einige kämpfen offen für Gleichberechtigung, aber viele leiden still. Sie halten trotzdem durch. Ich zolle beiden Respekt.
Kürzlich meinte ein berühmter Kardinal*, mit einer Frau, die sich berufen fühle, stimme etwas nicht, denn das könne gar nicht sein.
Ja wenn der Herr Kardinal das meint… Ich zolle ihm keinen Beifall dafür.
Kann eine Kirche heute überhaupt noch glaubwürdig werden, wenn sie sagt: Bei uns werden nur Männer geweiht, nur Männer kommen in die entscheidenden Leitungspositionen?
Mir geht es nicht zuerst um Glaubwürdigkeit. Die Frage der Geschlechter ist primär eine Frage der Gerechtigkeit und daraus folgend dann eine Frage der Glaubwürdigkeit. Es gibt kein einziges Argument, dass eine Frau nicht geweiht werden könnte.
Offiziell kommt immer das Argument, Jesus habe nur Männer zu Aposteln berufen und zum Abendmahl eingeladen.
Das waren aber nicht nur alles Männer, sondern sie waren auch Fischer, Jesus war Zimmermann. Wenn wir uns auf diese biblizistische 1:1-Abbildung einlassen, wird es ganz schwierig. Abgesehen davon gibt es christliche Konfessionen, die mit der Frauenweihe gar kein Problem haben, etwa die christkatholische Kirche. Sind die etwa weniger glaubwürdig?
Wir müssen auch noch über den Pflichtzölibat sprechen. Der produziert immer wieder menschliche Dramen, die vom klerikalen System bewusst in Kauf genommen werden.
Das stimmt leider. Aber Dramen gibt es auch in Ehen und Partnerschaften. Es gibt keine dramen-freie Lebensgestaltungen.
Bezüglich Pflichtzölibat wären einige Dramen aber vermeidbar. Priester, die eine Beziehung eingehen, dürfen ihren Lebensweg nicht fortsetzen, sondern müssen damit brechen.
In jüngerer Zeit haben zwei befreundete Priester das Amt aufgeben müssen. Der eine heiratete eine Frau, der andere einen Mann. Das sind Dramen, keine Frage, und es wäre gut, wenn unsere Kirche so gestaltet wäre, dass es diese Dramen nicht gäbe.
Würdest du dich heute noch einmal zum Priester weihen lassen?
Ja. Ich sehe zwar manchen Ärger in unserer Firma, hatte in den letzten 25 Jahren auch so manchen Ärger, aber längst nicht genug, um heute meine Entscheidung anders zu treffen.
Wie wird die Zürcher Kirche in 25 Jahren aussehen?
Zunächst stelle ich fest, dass wir eine klare Tendenz zurück zum Konservativen haben. Das hätte ich mir vor 25 Jahren niemals vorstellen können. Die charismatischen Figuren, die Menschen motivieren, Neues zu wagen, voranzugehen, die sind weniger geworden. Aber es gibt sie auch heute noch, Gott sei Dank! Hoffentlich auch in 25 Jahren noch.
Du bist nicht nur Priester, sondern warst mehrere Jahre auch im Synodalrat, kennst also beide Seiten des dualen Systems. Wie blickst du auf diese Zeit zurück?
Das duale System ist eine Chance für die Kirche. Die Hierarchie hat hier die Möglichkeit eines Korrektivs auf Augenhöhe. Für mich könnte die körperschaftliche Seite hier und da noch etwas mutiger sein.
Wie geht es für dich persönlich weiter?
Ich arbeite neu in Bern am pastoralen Weiterbildungsinstitut AWS Schweiz, bleibe aber auch in der Seelsorge im Raum Zürich tätig.
*Es handelt sich um den deutschen Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller, ehemaliger Chef der vatikanischen Glaubensbehörde - Papst Franziskus hatte seine Amtszeit nicht verlängert.

In seiner Heimatpfarrei in Essen feiert er am 21. Juni.
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