Silke Weinig und Igor Lukenda Missiofeier für zwei Lebenserfahrene
Die Missiofeier findet dieses Jahr in Hergiswil am Vierwaldstättersee statt, zur Abwechslung einmal nicht im Kanton Zürich. Die beiden Missio-Empfänger, Silke Weinig und Igor Lukenda, sind in der Zürcher Kirche keine Unbekannten.
Lukenda leitet seit März 2022 die Behindertenseelsorge. Weinig, die seit September 2021 als Seelsorgerin in Ausbildung in der Pfarrei Herz Jesu in Wiedikon arbeitet, wurde spätestens am Bistumstag im Hauptbahnhof Zürich einem breiteren Publikum bekannt: Dort wirkte sie neben Bischof Joseph Maria Bonnemain und Generalvikar Luis Varandas als eine von zwei Frauen im Gottesdienst mit.
Bunt gepackter Rucksack
Sichtbar in der Welt «da draussen» war Silke Weinig aber schon vor ihrer Tätigkeit in der Kirche: als Coach, Trainerin, Bloggerin, Speakerin für Selbstmanagement und Autorin von Büchern mit eingängigen Titeln wie «Mit schwierigen Menschen klarkommen» oder «Einsamkeit überwinden, Freunde finden».
Von ihrer Ausbildung her hätte nichts darauf hingedeutet, dass sie einmal in den Dienst der Kirche treten würde: Nach einem Diplom in Fremdenverkehrsgeographie von der Universität Trier im Bundesland Rheinland-Pfalz arbeitete sie zunächst beim Belgischen Fremdenverkehrsamt, dann beim Autoverleih Hertz, und schliesslich in einer Bankensoftwarefirma.
Die Sinnkrise kam kurz vor 40. «Das kann doch nicht alles gewesen sein», dachte sie. Sie fühlte sich beruflich unerfüllt. Und auch im Privaten hatte sich ihr Leben «durch und durch» säkularisiert.
Weinig erinnerte sich daran, wie sie als Jugendliche immer gern in die Kirche ging. Sie sei nicht streng katholisch aufgewachsen, erzählt sie, ihr Bruder und Schwester sind inzwischen aus der Kirche ausgetreten. «Aber wir hatten eine Clique und gingen jeden Samstag um 18 Uhr in die Messe und danach in die Disco.» Kirche gehörte ganz selbstverständlich dazu.
Als Ausweg aus der Krise – und bereits in der Schweiz – nahm sie ein Psychologiestudium auf und lernte dabei das Zürcher Ressourcen Modell (kurz: ZRM) kennen, ein Programm zum Selbstmanagement, bei dem man herausfindet, was einem wirklich am Herzen liegt. Silke Weinig fand heraus, was ihr fehlte: die Spiritualität.
«Ich habe realisiert, dass ich meinen spirituellen Hafen verloren hatte», sagt sie. Ihre säkularisierte Welt fühlte sich so an, wie es Jan Loffeld in seinem Buch «Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt»» beschrieben hat. Sie begab sich in der Folge allein auf den Jakobsweg, um ihren Glauben wiederzufinden. Das war 2012. Der Pilgerweg führte sie von Saint-Jean-Pied-de-Port am Fusse der Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela in Galizien, und weiter auf der traditionellen Verlängerung bis nach Finisterre und Muxia.
«Glauben zu können ist eine Gnade», ist sich Silke Weinig nach ihrer langen Reise zurück zum Glauben sicher. Und ihr Leben beschenkte sie mit Vielem – sie lernte auf dem Pilgerweg ihren Mann kennen, verlor ihn später beim gemeinsamen Wandern durch den plötzlichen Herztod wieder. In der schweren Zeit danach hat sie viele Zeichen der Anteilnahme und Richtungslenkung erfahren. Nicht zuletzt durch ihre Pfarrei Herz Jesu in Wiedikon, wo sie heute arbeitet und eine «andere Art von Menschlichkeit und Herzlichkeit» fand.
Frage nie nach dem «Warum», fasst sie eine ihrer Erkenntnisse des Lebens zusammen, sondern nach dem «Wozu». Denn zweiteres schliesse mit ein, «Wohin» einen das Ereignis führt.
Einsatz für Behinderte
In seinem Büro zeigt Igor Lukenda als Erstes auf das Bild von seiner Papstreise im vergangenen Jahr. Seine fast erwachsenen Kinder – 18 und 20 Jahre alt – scherzten immer: «Jetzt triffst du einmal im Leben auf den Papst und du schaust aufs Handy.» Der Leiter der Behindertenseelsorge muss selbst lachen. Locker im Umgang mit seinen Nächsten, fühlt man sich mit Igor Lukenda schnell wohl.
Sein Theologiestudium hat er bereits 2005 in Innsbruck/Österreich abgeschlossen. Und doch habe er in der Berufseinführung mindestens genauso viel, wenn nicht sogar mehr gelernt. «Und ich habe durch den Pastoralkurs Menschen aus der Pfarrei kennengelernt. Wir sind eine tolle Gruppe.»
Der Berufsweg des heute 52-Jährigen verlief anders als erwartet. Aufgewachsen in Bosnien in einer katholischen Familie, lernte er zunächst den Beruf des Pflegers. Noch während seiner Ausbildung – er war 16 – brach der Jugoslawienkrieg aus. Die «Altlast aus dem zweiten Weltkrieg», wie er ihn bezeichnet, veränderte sein junges Leben. Im Spital sah er, was Krieg mit Menschen macht. Es ist – das spürt man noch heute – ein tiefer Abgrund, über den er nicht viele Worte verlieren will.
Sicher ist: Krieg hat nichts mit Heldentaten zu tun. Es folgten Wehrdienstverweigerung, ein Zwangslager zusammen mit dem Vater, Dienst bei der «Apfelernte» und schliesslich die alleinige, illegale Flucht. Er kam in Österreich an, in Vorarlberg, wohin sein älterer Bruder bereits geflüchtet war.
Igor Lukenda begann sein Leben neu. Sogleich fand er eine Stelle in einer Behinderteneinrichtung. Bis dahin war er mit Menschen mit Behinderung erst durch den Film «Rain Man» in Berührung gekommen. Nun fand er in der Arbeit mit ihnen seine Berufung.
Er spricht von seinen «Gästen» und davon, dass alle Ausflüge viel Kraft kosteten, und dass das Wichtigste sei, dass alle sicher wieder nach Hause kämen. Ob Wallfahrt oder Romreise – Lukenda möchte den behinderten Menschen alles und jeden Ort zugänglich machen. Belohnt werde er dafür mit einer «ungefilterten Freude». Sie ist bis heute eine Kraftquelle für ihn in seinem Beruf.
Sein Leben änderte sich abermals, als er nach dem Theologiestudium nach Bosnien zurückkehrte. Dort konnte er dank seines Bischofs vor Ort zuerst als Studienleiter an der neugegründeten Erwachsenenbildungseinrichtung und schliesslich als Direktor mithelfen, ein neues Berufsbild im Bereich Alten- und Krankenpflege zu entwickeln. Und, genauso wichtig: Er lernte seine bosnische Frau kennen.
Nachzug der Familie
Heute lebt seine Familie in Vorarlberg, während er seit 2018 als Wochenaufenthalter in der Schweiz wohnt. Die Stelle als Gruppenleiter bei der Lukashaus Stiftung führte ihn nach Grabs im Kanton St. Gallen. Bald sollen seine Frau und seine beiden Kinder zu ihm nach Opfikon ziehen, jetzt, da die Wohnung endlich gross genug ist.
Denkt er an den Krieg zurück, trifft es ihn besonders, dass seine Kinder jetzt im gleichen Alter sind wie er damals, und er etwa so alt wie seine Eltern. «Auch heute ist die Weltlage wieder überschattet von vielen Kriegen.» Das beschäftigt ihn. Deshalb müsse die Kirche umso mehr als Friedensbotschafterin auftreten, findet er. «Wir sind Friedensstifter in unserer Mission.»
Denn was ihn der schmerzliche Einblick in den Krieg gelehrt habe, sei die Erkenntnis: «Du bist ein Mensch wie ich, du blutest wie ich.»
Die Missio erhalten nebst Silke Weinig und Igor Lukenda auch Tobias Briker, Bernarda Brunovic, Norbert Nagy, Martin Schacher, Matej Vereš und Stefan von Deschwanden. Die Feier findet am Samstag, 19. September, um 10.30 Uhr in der Kirche St. Nikolaus in Hergiswil mit Bischof Joseph Maria Bonnemain statt.
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