Kirche aktuell

Gedanken nach dem Postauto-Brand in Kerzers «Dort», wo sich Sorglosigkeit und Tragödie treffen

Geschäftsführerin der Allianz Gleichwürdig Katholisch
Mentari Baumann
Mentari Baumann
Mentari Baumann, Geschäftsführerin der «Allianz gleichwürdig katholisch», ist in Kerzers aufgewachsen. Einige der sechs Opfer der Bus-Tragödie kannte sie. Seit dem Unglück erlebt sie ein Wechselbad der Gefühle: Schrecken, Angst, Erleichterung, Trauer, Unsicherheit. Jetzt, eine Woche später, vor allem Sprachlosigkeit. Trotzdem versucht sie, die Sprachlosigkeit in Worte zu fassen.
17. März 2026

«Dort» war früher der Schulzahnarzt, jedes Jahr durften wir «Dort» unsere Milchzähne und Zahnlücken präsentieren. Das war noch bevor der Zahnarztbesuch ein mühseliges, manchmal auch schmerzhaftes, To-do war. Beim Schulzahnarzt war es aufregend. Vor allem, weil die Klassengspändli dabei waren und wir uns unglaublich erwachsen gefühlt haben. Und weil Rechnen ausgefallen ist.

Schräg gegenüber von «Dort» ist der Optiker, wo ich meine erste Brille bekommen habe. Auf diese Brille war ich enorm stolz. Wenn ich aber die Fotos von damals anschaue… Stilvoll war vieles, aber nicht diese Brille.

«Dort» gleich nebenan ist die grosse Migros. Die wurde gebaut, als ich frisch in die OS gekommen bin (Orientierungsschule, so nennt man im Kanton Freiburg die 7. bis 9. Klasse). Neben der Migros, auf der Treppe, haben wir nach dem Unterricht Zeit verbracht. Wir tranken Tetrapack-Eistee, schrieben Hausaufgaben ab und liessen abschreiben und sprachen über Alles und Nichts.
Bis «Dort» ein Gerät installiert wurde, welches einen so hohen Ton produzierte, dass es nur wir, die Jungen, gehört haben. Offenbar hat die Horde Jugendlicher gestört.

«Dort».

«Dort» hat letzte Woche ein Bus gebrannt. «Dort» sind sechs Menschen gestorben. «Dort» wurden Menschen schwer verletzt. «Dort» haben Menschen Familienangehörige verloren. «Dort» hat ein Mensch keinen anderen Weg sehen können, als sich anzuzünden.  

«Dort» stehen jetzt ein weisses Zelt, ein Kondolenzbuch, Blumen und Kerzen. «Dort» war ich letzte Woche und ich habe den Ton nicht gehört. Vielleicht ist das Gerät weg. Vielleicht bin ich aber auch nicht mehr jung genug, um den Ton zu hören. Meine Gedanken, «Dort», drehen sich nicht mehr um Hausaufgaben, sondern ich frage mich, wie ich trauern kann.

Wie soll ich trauern, über Menschen, die ich «nur» über sieben Ecken gekannt habe? Wie darf ich trauern, wenn ich insgeheim erleichtert bin, dass es nicht mein unmittelbares Umfeld getroffen hat?

Während ich diese Fragen seit fast einer Woche in mir trage, haben viel zu viele Menschen die Antwort schon finden müssen. Sie trauern. Jetzt. «Dort». Über ihre Geschwister, Kinder, Freundinnen, Partner, Nachbarn, Klassengspändli. Während sich die Welt weiterdreht, trauern und vermissen sie. Meine Gedanken und meine Gebete sind bei Ihnen. Im Wissen, dass diese heute wohl nicht helfen können.

Ich wünschte, ich könnte letzte Woche ungeschehen machen. Ich wünschte, ich könnte meine eigenen Fragen, oder die allgegenwärtigen Fragen nach dem Wieso und Warum, beantworten. Oder zumindest einen Text schreiben, der den Schmerz lindern kann.

Aber alles, was ich anbieten kann, ist meine Sprachlosigkeit. Und meine Bilder von «Dort».