Kirche aktuell

«Queere Menschen sind weder sündhaft noch anormal.»

Mitte Juni fand in Zürich die Pride statt, das grosse Festival für die Anliegen von LGBTIQ Personen. Auch Vertreterinnen der Religionen und Kirchen waren am Anlass dabei.
15. Juni 2019 / Katholische Kirche im Kanton Zürich / 1 Kommentar

Meinrad Furrer, Beauftragter für Spiritualität von Katholisch Stadt Zürich und selber schwul, über die Notwendigkeit der Pride, die unglückliche Rolle der katholischen Kirche im Umgang mit «queeren» Menschen, und seine Freude über die Unterstützung von Synodalratspräsidentin Franziska Driessen-Reding.


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Meinrad Furrer, warum braucht es noch eine «Pride»?

Fast jede und jeder zehnte Mensch in der Bevölkerung ist bezüglich sexueller Orientierung nicht das, was wir gemeinhin als heterosexuell verstehen. In der Stadt sind es wohl sogar noch mehr. Es ist also wirklich richtig, diesen grossen Teil der Bevölkerung einmal im Jahr so richtig wuchtig sichtbar werden zu lassen. Die Geschichte von LGBTIQ Personen, das heisst von allen, die in irgendeiner Form quer zu den dominierenden Normen der Gesellschaft stehen, ist zudem sehr stark vom sich Verstecken geprägt, sodass diese Pride für viele befreiend, ja erlösend wirkt. 

Sie selber wirken an der Pride an einem speziellen Gottesdienst ("Mut zum sein") mit. Wer nimmt dort alles teil – all jene, die sich unter dem Jahr in «normalen» Gottesdiensten nicht wohl fühlen?

Ja, die kommen auch. Aber nicht nur. Wichtiger ist vielmehr, dass im Gottesdienst die Themen der eigenen Gruppe vorkommen, in diesem Fall der queeren Menschen. Da spielt es nicht so eine Rolle, ob jemand sonst in die Kirche geht oder nicht. Aber da viele queere Menschen in ihren Gemeinden zumindest mit Zurückhaltung behandelt werden oder sich gar verstecken müssen, ist dieser Gottesdienst natürlich sehr wohltuend für sie.

Sie sind nicht das erste Mal dabei. Gibt es Momente, die das ambivalente Verhältnis der queeren Gottesdienstbesucher zur Kirche aufzeigen?
Kürzlich fragte mich ein Sänger eines beteiligten Chores, wie lange der Gottesdienst daure. Damit verbunden war eine quälende Vorstellung, es in dem mit negativen Bildern behafteten Raum einer Kirche nicht aushalten zu können. Es entwickelte sich dann ein spannendes Gespräch. Solche Begegnungen bringen dann noch mehr als der Gottesdienst alleine. Manchmal öffnet sich so ein Spalt für ein neues Verständnis und eine Suche.

Glauben Sie, dass «ihre Kirche» mit Homosexualität und LGBT-Themen dazulernt?

Ich bin skeptisch. Die hierarchische Struktur der Kirche ist sehr unbeweglich. Ein weiteres Problem liegt darin, dass die Kirche weltweit wirkt und unser westeuropäisches, liberales Verständnis von «andersartigem», eben queerem Leben, nicht auf andere Kulturen übertragen werden kann. Die katholische Kirche wirkt gegen aussen homophob - im Inneren finden sich andererseits viele Formen von homosexuellem Leben. Es wäre aber falsch von einer homosexuellen Lobby zu sprechen. Es handelt sich vielmehr um viele einzelne Menschen, die ihr Geheimnis hüten. Dies kann eine Kultur mit einem Mangel an Ehrlichkeit und Solidarität begünstigen.

Haben Sie Hoffnung in Papst Franziskus?

Sein Ansatz, dass wir die Kirche regionalisieren müssen, kann ein Lösungsansatz sein. Von der Basis her könnte vieles eigenständig gedacht und eingeschätzt werden. Die Theologie hat dazu mit den Ergebnissen aus verschiedenen Forschungsfeldern den Boden längst bereitet. Aber es braucht auch hier mutige Protagonisten, die sich hervorwagen.

Also müsste die katholische Kirche Zürichs etwas wagen?

Die Stadt ist ohnehin der Ort, wo der Mut leichter wachsen kann für das Ausprobieren von neuen Formen von Identitäten und von Zusammenleben. Die Stadt kann den notwendigen Raum bieten, in dem Menschen ihr individuelles Potential entfalten können und einen Umgang mit ihren Problemen lernen.

Und es scheint im Charakter der Stadt zu liegen, dass sie überdurchschnittlich viele Menschen anzieht, die nicht den Normen der Mehrheit entsprechen. Solche Menschen sind verletzlicher und brauchen deshalb besonderen Aufmerksamkeit. Die Voraussetzungen wären gegeben.

Sie sagen «wären» …
Das Problem der katholischen Kirche ist, dass sie viele Verletzungen, die es zu heilen gilt, selber mitverursacht hat. Sie ist deshalb als helfende Distanz mindestens mit einer grossen Hypothek von Misstrauen belastet. Aus meiner Sicht wäre der Mut zu einem Umdenken enorm wichtig.

Synodalratspräsidentin Franziska Driessen-Reding läuft gemeinsam mit der Präsidentin der liberalen jüdischen Gemeinde, Iris Ritzmann, aus Solidarität bei der Pride mit. Was halten Sie davon?

Das ist einfach nur toll! Ein sehr wichtiges Zeichen und alles andere als selbstverständlich. Ich danke den beiden für ihren Mut.

Was sollte die katholische Kirche sonst noch tun?

Eine spirituelle Korrektur vornehmen. Queere Menschen sind weder sündhaft noch anormal. Punkt. Wenn die Kirche dies akzeptiert, könnte sie queere Menschen ermutigen, nach dem Coming-out mit dem Kampf um Anerkennung und Rechte, ein sogenanntes Coming-in zu wagen: Neben dem Kampf um Rechte sind auch andere Fragen für ein zufriedenes Leben wichtig: was ist meine Berufung, meine spezifische Fähigkeit und Stärke, mit der ich die Gemeinschaft mitgestalten kann? Die katholische Kirche mit ihrer spirituellen Tradition hätte viele Möglichkeiten, Menschen auf diesem Weg zu begleiten.

Das Interview führte Oliver Kraaz, Katholisch Stadt Zürich

 

Kommentare 1
Matthias schrieb am
2019-06-17 17:55
Sünder lieben, aber die Sünde hassen. Und das Wort Gottes ernst nehmen und nicht liberal missbrauchen. So funktionieren Hingabe und Gehorsam.
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