Kirche aktuell

50 Jahre kirchliche Fachstelle bei Arbeitslosigkeit «Ein halbes Jahrhundert im Dienst der Menschen»

Die Fachstelle bei Arbeitslosigkeit (DFA) feiert ihr fünfzigstes Jubiläum. Zum Jubiläum blicken wir mit dem Grusswort von Kirchenrat und Präsident der Steuergruppe DFA, Dominik Zehnder, zurück auf fünf Jahrzehnte, in denen die DFA Menschen in beruflichen Krisen begleitet, beraten und unterstützt hat.
11. September 2026 Katholische Kirche im Kanton Zürich

Dominik_Zehnder.jpg
Festredner Dominik Zehnder. Foto: Gion Pfander
«50 Jahre

- das ist ein Grund zum Feiern. Denn ein Geburtstag ist ja immer ein Grund zu feiern. Und gleichzeitig ist es ein etwas eigenartiges Jubiläum, das mir zu denken gibt. Denn eigentlich ist es keine gute Nachricht, dass es die DFA seit 50 Jahren gibt. Und noch weniger ist es eine gute Nachricht, dass sie auch heute noch gebraucht wird.

Die schönste Erfolgsmeldung wäre vermutlich: Wir können die DFA schliessen – nicht weil das Geld fehlt, sondern weil es sie nicht mehr braucht. Weil niemand mehr seine Arbeit verliert. Weil niemand mehr nach einer Kündigung Angst haben muss, wie es weitergeht. Weil niemand mehr durch die Maschen fällt. Weil niemand mehr um sein oder ihr Recht kämpfen muss. Wir wissen: So ist unsere Welt nicht.

Aus einer gesellschaftlichen Notlage entsteht die DFA

Und genau deshalb gibt es die DFA. Ihre Geschichte beginnt in einer Zeit, in der sich die Arbeitswelt stark veränderte. Nach den langen Jahren der Hochkonjunktur wurde Arbeitslosigkeit in den 1970er-Jahren plötzlich wieder zu einer Realität. Mit der Ölkrise verloren Menschen ihre Stellen, Kurzarbeit nahm zu und für viele war diese Erfahrung völlig neu.

Die Kirchen reagierten darauf. 1976 entstand in Zürich die ökumenische Dienststelle für Arbeitslose. Später kam Winterthur dazu, 1983 auch Uster. Darin liegt etwas sehr Wesentliches:

«Die DFA ist nicht entstanden, weil die Kirchen ein neues Tätigkeitsfeld suchten. Sie ist entstanden, weil die Kirchen eine Not wahrnahmen.»

Sie haben hingeschaut und gesehen: Wer seine Arbeit verliert, verliert oft nicht einfach eine Stelle und ein Einkommen. Da können auch Sicherheit, Tagesstruktur, soziale Kontakte und Selbstvertrauen ins Wanken geraten. Und plötzlich stehen Fragen im Raum wie:

  • Wo werde ich noch gebraucht?
  • Was kann ich?
  • Was bin ich wert?
  • Wie geht es weiter?
  • Wie komme ich zu meinem Recht?

Natürlich hat sich seit damals vieles verändert. Heute gibt es ein gut ausgebautes staatliches System, Arbeitslosenversicherung, RAV, Weiterbildungs- und Integrationsangebote.

Wo Systeme an Grenzen kommen, braucht es Menschlichkeit und Verständnis

Aber auch ein gutes System kann nicht alles. Manchmal braucht ein Mensch Zeit. Ein Gegenüber. Jemanden, der zuhört, ohne gleichzeitig über Leistungen oder Sanktionen zu entscheiden. Jemanden, der hilft, die eigene Situation zu ordnen und wieder eine Perspektive zu finden oder einfach die Bewerbungsunterlagen à jour zu bringen. Jemanden, der hilft, die rechtliche Situation einzuordnen.

Genau dort hat die DFA ihren Platz. Und darum liegt die Freude dieses Jubiläums für mich nicht darin, dass es die DFA braucht. Die Freude liegt darin, dass es Menschen gibt, die nicht wegschauen. Menschen, die zuhören. Die beraten und begleiten. Die mit anderen gemeinsam nach Möglichkeiten suchen. Und die einen Menschen nicht zuerst als «arbeitslos» abstempeln, sondern als Menschen sehen mit Fähigkeiten, Erfahrungen, Hoffnungen und einer Geschichte.

Und ich finde: Genau darin zeigt sich etwas Wesentliches von Kirche. Kirche kann wirtschaftliche Entwicklungen nicht verhindern. Sie kann nicht jede Kündigung verhindern und nicht für jeden Menschen eine neue Stelle schaffen. Aber Kirche kann sich entscheiden, wo und mit wem sie steht. Sie kann sich auf die Seite der Menschen stellen, deren Leben unsicher geworden ist.

Und sie kann an etwas erinnern, das in unserer Arbeitsgesellschaft manchmal vergessen geht: Der Wert eines Menschen hängt nicht von seiner Erwerbsarbeit ab. Ein Mensch ist mehr als seine Stelle. Mehr als seine Funktion. Mehr als seine Produktivität und mehr als das, was in einem Lebenslauf steht.

Ein starkes Zeichen ökumenischer Solidarität

Seit 50 Jahren versucht die DFA, genau das ganz praktisch erfahrbar zu machen. Darum ist dieses Jubiläum sehr wohl ein Grund zur Freude. Nicht weil es Arbeitslosigkeit gibt. Sondern weil seit 50 Jahren Menschen bereit sind, dieser Realität etwas entgegenzusetzen: Fachlichkeit, Solidarität, Hartnäckigkeit und Menschlichkeit.

Dafür danke ich im Namen des Kirchenrats der reformierten Landeskirche, und – ich hoffe ich darf das – im Namen der katholischen Landeskirche allen, die diese Arbeit aufgebaut, geprägt und getragen haben: den heutigen und früheren Mitarbeitenden, den Verantwortlichen, den Freiwilligen, den Partnerorganisationen und allen, die die DFA unterstützen.

Und ich bin froh und dankbar, dass die reformierte und die katholische Kirche diese Arbeit seit so vielen Jahren mittragen und damit sagen: Menschen, die in der Arbeitswelt unter Druck geraten oder ihren Platz verlieren, sind uns nicht gleichgültig.

Vielleicht feiern wir eines Tages tatsächlich das Ende der DFA, weil es sie nicht mehr braucht. Bis dahin bin ich sehr froh und dankbar, dass es sie gibt.

Herzliche Gratulation zum Jubiläum – und herzlichen Dank für diese ausserordentlich wichtige Arbeit.»

50 Jahre DFA-4.jpg
Festakt zur Feier des 50jährigen Jubiläums der kirchlichen Fachstelle bei Arbeitslosigkeit.

Überblick zur DFA

Ein starkes Zeichen der Solidarität
Gegründet 1976: Entstanden aus der Einsicht, dass Arbeitslosigkeit Menschen unvorbereitet treffen und durch soziale Netze fallen lassen kann.
Ökumenische Trägerschaft: Getragen von der Evangelisch-reformierten Landeskirche und der Katholischen Körperschaft des Kantons Zürich.
Niederschwelliges Angebot: Kostenlose, vertrauliche und sanktionsfreie Beratung in Zürich, Winterthur und Uster.

Wirkung und Bedeutung
Tausende Beratungen: Jedes Jahr finden Tausende Menschen in schwierigen beruflichen Situationen oder bei drohendem Arbeitsplatzverlust konkrete Hilfe und Orientierung.
Mensch im Mittelpunkt: Unabhängig von Religion, Herkunft oder Alter stehen die Ratsuchenden mit ihrer Würde und ihren Sorgen im Fokus.
Unverzichtbarer Pfeiler: Die Fachstelle fängt die auf, die oft zwischen Stuhl und Bank fallen, und bietet psychosoziale sowie rechtliche Unterstützung

Mehr zur kirchlichen Fachstelle bei Arbeitslosigkeit (DFA)