Segen und Riten auf dem Marktplatz Ostersegen-to-go
Seit ich denken kann, gehören für mich zum Ende der Fastenzeit die Osternachtsfeier, zu Beginn am Aschermittwoch der Gottesdienst und das Aschenkreuz untrennbar zusammen. Ich bin «gut katholisch» aufgewachsen, mit selbstverständlich gelebten Ritualen des Glaubens, geprägt von einer klassischen Liturgiekultur, in einer ländlichen Region im Westen Deutschlands. Schon im Kindergarten gingen wir am Beginn der Fastenzeit in die Dorfkirche, in der Schule fiel natürlich am Aschermittwoch die erste Stunde zugunsten des Gottesdienstes aus, und später, als Seelsorgerin in der Pfarrei, war ich an diesem Tag unterwegs in Kindergärten, Schulen und Altenzentern, um Gottesdienste mit Austeilung des Aschenkreuzes zu feiern.

Bei aller Offenheit kann ich meine Prägung und liturgische Heimat nicht leugnen. Und vielleicht ist es gerade diese Verwurzelung, gepaart mit der Neugier und dem Forschungsdrang einer Liturgiewissenschaftlerin, die mein Interesse an liturgischen Feiern ausmacht. Ob ich deswegen etwas gegen das «Aschenkreuz-to-go» habe? Nein. Aber ich habe Fragen.
Die Fastenzeit beginnt in der katholischen Kirche mit einem eindrucksvollen Ritual: Die Asche aus den verbrannten Palmzweigen des Vorjahres wird im Gottesdienst gesegnet und ausgeteilt. Den Mitfeiernden wird nach der Predigt ein Aschenkreuz auf die Stirn gezeichnet oder Asche auf das Haupt gestreut, begleitet von den biblischen Worten: «Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst» (vgl. Genesis 3,19) oder «Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium» (Markusevangelium 1,15). Diese Liturgie markiert nicht nur den Beginn der vierzigtägigen Vorbereitung auf Ostern, sondern lädt auch ein, innezuhalten und über Vergänglichkeit, Umkehr und Hoffnung nachzudenken.
Wird das Zeichen beliebig?
Wie kommt diese Botschaft bei Menschen auf dem Rigiplatz in Zürich, in Winterthur oder an anderen Orten an, an denen das «Aschenkreuz-to-go» angeboten wird? Besonders bei denen, die mit dieser katholischen Tradition nicht vertraut sind? Besteht ohne den liturgisch-rituellen Rahmen, ohne eine Auslegung, die den Aschermittwoch ins Heute aktualisiert, nicht die Gefahr, dass das Zeichen nur mystisch oder sogar beliebig wirkt? Entsteht nicht allzu leicht der Eindruck, als ob es allein aus sich selbst heraus eine Wirkung entfalten würde? Zeichen und Liturgie gehören doch zusammen. Hat es nicht auch seinen eigenen Wert, sich bewusst Zeit für einen Gottesdienst zu nehmen und mit anderen Christinnen und Christen gemeinsam den Beginn der Fastenzeit zu begehen?
Aber in mir gibt es nicht nur kritische Fragen, sondern auch einen starken Impuls, diese berufsbedingte Kritikerin zur Seite zu schieben: Wie grossartig ist es bitte, dass die Kirche hier freundlich und offen auf Menschen zugeht? Ansprechbar, mitten im Leben, niederschwellig, einfach da. Vielleicht irritiert das «Aschenkreuz-to-go», doch auf eigene Art und Weise unterbricht die Aktion den Alltag der Menschen anders, als ein geplanter Gottesdienst. Erreicht sie womöglich auch jene, die nicht stehen bleiben und sich nicht gezielt ansprechen lassen? Werden sie nicht trotzdem daran erinnert, dass für Christinnen und Christen heute die Fastenzeit beginnt? Und wer weiss, ob der Gedanke daran dem ein oder der anderen nicht noch nachgeht…? Ist das nicht eine erfrischende Weite in einer Kirche, die allzu oft moralisierend daherkommt? Bietet das «Aschenkreuz-to-go» nicht die Chance, den Zusammenhang von Gottesdienst und Leben sichtbar zu machen, nicht im abgetrennten «Heiligen Raum», sondern mitten im Stadtbild?
Und der Ostersegen-to-go?
Apropos Zusammenhang: Die Brücke vom «Aschenkreuz-to-go» lässt sich natürlich auch zum Projekt «Ostersegen-to-go» schlagen. Vielleicht noch stärker als beim Aschenkreuz, das in der Liturgie zu Beginn der Buss- und Fastenzeit verortet ist, rückt die Idee des «Ostersegen-to-go» eine Kirche in den Fokus, die sich der Vielfalt der Lebenswirklichkeiten öffnet; eine Kirche, die zuerst den Menschen in seiner unverbrüchlichen Würde sieht.
Segen ist ein komplexes Geschehen zwischen Gott und Mensch, das nicht an einen Gottesdienst oder einen sakralen Ort gebunden ist. Natürlich gibt es klassische liturgische Segensformen, wie etwa den Segen am Ende eines Gottesdienstes, den Wettersegen oder Segensfeiern zum Valentinstag. Aber es gibt auch den Segen im Alltag: den, den Eltern ihren Kindern beim Verlassen des Hauses zusprechen, oder den Segen, den die Sternsingerinnen und Sternsinger bringen. Ganz gleich in welcher Form, Segen stellt das ganze Leben unter die Gnade Gottes und bittet um seine heilende Zuwendung, und das im Bewusstsein, dass das Leben nicht nur aus «heilen Momenten» besteht.
Überraschendes Momentum
Auch theologisch spannt sich hier der Bogen vom Aschermittwoch bis Ostern: Die christliche Hoffnung redet nichts schön, sie ist schonungslos ehrlich. Sie erzählt vom Exodus, vom zerstreuten Volk und dem zerstörten Tempel. Sie schildert die letzten Tage Jesu, vom Jubel beim Einzug in Jerusalem, vom Verrat, von seinem verzweifelten Flehen zu Gott im Garten Gethsemane, von der Kreuzigung und von den verängstigten Jüngerinnen und Jüngern danach. All das ist hineingenommen in die christliche Hoffnungsperspektive. All das gehört zum jubelnden Osterglauben.
Diese Hoffnung kann für die eine im Gottesdienst am Aschermittwoch und im österlichen Triduum erfahrbar werden, für andere vielleicht im überraschenden Moment auf dem Rigiplatz in Zürich (oder anderswo), wenn sie am Aschermittwoch oder in den Ostertagen «von jemandem von der Kirche» angesprochen werden. Wie wertvoll ist das, vor aller theologischen oder kirchlichen Bewertung. Denn zuallererst kommt hier der nicht machbare Zuspruch Gottes unverstellt zum Ausdruck: «Ich werde dasein, als der ich dasein werde» (Exodus 3,14 nach Martin Buber).
Die Zürcher Bruder-Klaus-Pfarrei hat angekündigt, am Dienstag, 7. April, von 14 bis 15.30 Uhr einen Ostersegen-to-go vor der Migros am Rigiplatz zu spenden.
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