Kirche aktuell

Unbarmherzige Zollstation Kommunionbank?

Unbarmherzige Zollstation Kommunionbank?
Leiter Ressort Pastoral Generalvikariat
Rudolf Vögele
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15. Dezember 2015 10 Kommentare

Menschen, deren Ehe zerbrochen ist und die in einer neuen Beziehung leben, sind gemäss der Doktrin vieler Bischöfe offiziell von der Kommunion ausgeschlossen und dürfen auch nicht das Sakrament der Vergebung empfangen. Nun haben die gleichen Bischöfe feierlich in ihren Diözesen das „Jahr der Barmherzigkeit“ eröffnet. Was heisst das nun für Wiederverheiratete?

Die Diskussion um die ‹offizielle› Zulassung wiederverheirateter Geschiedener oder konfessionsverbindener Paare bleibt hoch aktuell. Wie schwer sich kirchliche Amtsträger damit tun, zeigen Äusserungen wie diejenige von Bischof Felix Gmür. Sie führen dann zu Zeitungstiteln wie «Christus lädt nicht jeden und jede zum Abendmahl ein» (Tagesanzeiger vom 24. Januar 2014). In die gleiche Kerbe schlägt Bischof Charles Morerod, designierter Präsident der Schweizer Bischofskonferenz, mit seinen «Reflexionen über die Eucharistie im ökumenischen Kontext» vom 17. November 2014.

Der Weg ist noch weit und steinig

Zu erkennen ist eine klare und eindeutige Linie: der Weg zur eucharistischen Gastfreundschaft ist noch weit und steinig, vor allem in der Einschätzung der Bischöfe. Und vor allem ist er weit weg vom Empfinden und der Praxis der Gläubigen. Diese zwiespältige Distanz belastet viele Christinnen und Christen, die in komplexen Verhältnissen leben.

Beim Besuch der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Rom fragt eine Frau den Papst: „Was können wir tun, um endlich Gemeinschaft in diesem Punkt (der eucharistischen Gastfreundschaft. Red.) zu bringen?“ Und Papst Franziskus antwortet: «Das Leben ist grösser als Erklärungen und Deutungen. Nehmt immer auf die Taufe Bezug… Ich werde nie wagen, Erlaubnis zu geben, dies zu tun, denn es ist nicht meine Kompetenz…Sprecht mit dem Herrn und geht voran. Ich wage nicht mehr zu sagen.»

In seiner ausführlichen Antwort ermuntert Papst Franziskus Christinnen und Christen dazu, ihrem mündigen Gewissen zu folgen und die entsprechenden Schlüsse daraus zu ziehen. Ein solcher Schluss kann dann der Entscheid sein: „Ich glaube daran, dass Jesus gegenwärtig ist. Deshalb gehe ich besten Gewissens in den Gottesdienst und empfange die Kommunion.“

Worum geht es denn eigentlich?

In dem erwähnten Artikel bzw. Interview im Tagesanzeiger wird Bischof Felix Gmür (Bistum Basel-Solothurn) zitiert mit der Aussage: «…ich erwarte, dass die kommunizierende Person das katholische Verständnis respektiert.» Das heisst im Klartext, dass er für den Kommunionempfang die Überzeugung voraussetzt, dass das (katholische) eucharistische Brot ‹verwandelt› ist in den Leib Christi, Christus selbst also ‹leiblich› – sakramental – anwesend ist. Und: dass der Kommunionempfang auch ein Bekenntnis bedeutet zu dieser römisch-katholischen Glaubensgemeinschaft.

Aber: Wer kann denn exakt beurteilen, ob nicht auch eine reformierte oder lutherische Christin mit genau diesem Verständnis zur Kommunion geht, auch wenn in ihrer Kirche Brot und Wein lediglich ‹Zeichen› für Jesu Christi Leib und Blut sind? Immerhin besagt ja die reformierte Lehre auch, dass in der Feier des Abendmahls der Geist Gottes dabei ist, weil man gemeinsam Brot und Wein teilt im Gedächtnis an Jesus Christus.

Die lutherische Kirche geht noch einen Schritt weiter und glaubt ebenfalls, dass Jesus Christus im Abendmahl ‹real präsent› ist. Brot und Wein werden durch die Einsetzung (durch den Pfarrer/die Pfarrerin) zu einem einheitlichen ‹Sakrament›, also zu einem besonderen ‹Zeichen›, das den Glauben stärkt.

Auf hoher theologischer Ebene streitet man sich also darum, ob Christus ‹sakramental› oder ‹nur zeichenhaft› in der Feier des Abendmahls und beim Kommunionempfang präsent ist.

Das Loch in der Mauer finden und ausbauen

Statt die Mauer zwischen den verschiedenen Verständnissen von Abendmahl, respektive Eucharistie, immer wieder neu zu verstärken, wäre es ratsam, durchlässige ‹Löcher› zu suchen und sie wirklich durchgängig zu machen – ohne dadurch gleich die ganze Mauer einreissen zu müssen.

Einen solchen ‹Durchgang› finde ich beispielsweise bei Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben EVANGELII GAUDIUM vom November 2013. Dort schreibt er:

«Die Kirche ist berufen, immer das offene Haus des Vaters zu sein… Alle können in irgendeiner Weise am kirchlichen Leben teilnehmen, alle können zur Gemeinschaft gehören, und auch die Türen der Sakramente dürften nicht aus irgendeinem beliebigen Grund geschlossen werden… Die Eucharistie ist, obwohl sie die Fülle des sakramentalen Lebens darstellt, nicht eine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen…Diese Überzeugungen haben auch pastorale Konsequenzen, und wir sind berufen, sie mit Besonnenheit und Wagemut in Betracht zu ziehen. Häufig verhalten wir uns wie Kontrolleure der Gnade und nicht wie ihre Förderer. Doch die Kirche ist keine Zollstation, sie ist das Vaterhaus, wo Platz ist für jeden mit seinem mühevollen Leben.» (EG, Nr. 47)

Für mich ist dieses päpstliche Votum eindeutig: Jenen, die aus tiefer Überzeugung mit Jesus ‹kommunizieren› wollen und dieses verwandelte Brot als sein ‹Leib› ansehen, darf dieser ‹Leib Christi› nicht vorenthalten werden.

Glauben suchen — Halt finden

Im Kurs «Glauben suchen – Halt finden», den ich für Menschen anbiete, die an der katholischen Version des christlichen Glaubens interessiert sind, erinnere ich diesbezüglich jeweils an das Zitat von Augustinus (354-430).

Beim Austeilen der Kommunion sagt der Kommunionspender in der Regel: «Leib Christi» – und die Antwort des Kommunizierenden lautet «Amen».

In diesem Amen steckt nach Augustinus das ganz persönliche Bekenntnis, dass ich wirklich mit diesem Leib Christi eins werden will. «Empfange, was du bist: Leib Christi – werde, was du empfängst: Leib Christi!»

Mit dem Empfang der Kommunion bekenne ich mich zur Gemeinschaft (communio) mit Gott und seiner Kirche.

Ganz pragmatisch…

Der sicher nicht als progressiv geltende Papst Benedikt XVI. hat wenige Tage vor seiner Wahl, bei der Trauerfeier für Papst Johannes Paul II., dem evangelischen Prior von Taizé, Frère Roger Schütz wie selbstverständlich die Kommunion gereicht. Viele haben dies verwundert zur Kenntnis genommen, niemand hat protestiert.

So handhaben es viele Seelsorgende – ohne zuvor abzufragen, ob ein Bekenntnis zum katholischen Verständnis tatsächlich vorliegt. In der peruanischen Pfarrei San Felipe in Soritor, der ich schon viele Jahre verbunden bin, hat der Pfarrer dieses Problem so gelöst: Vor dem Austeilen der Kommunion erinnert er an das augustinische Wort und lädt ausdrücklich alle ein, die sich zur Gemeinschaft mit Gott und seiner Kirche bekennen… und hofft auf den ehrlichen Gewissensentscheid der Kommunionempfänger…

Als Kommunionspender habe ich gerade an Weihnachten oder bei Erstkommunionfeiern oft Mühe damit, wenn alle Anwesenden zur Kommunion gehen, denn bei vielen ist offenkundig, dass sie diesem Empfang der Kommunion keinerlei Bedeutung beimessen.

Ich habe aber auch an ganz normalen Sonntagen manchmal Probleme, wenn erklärtermassen streng katholische Gläubige zur Kommunion kommen, denen ich liebend gern sagen würde: «Geh und versöhne dich zuerst mit deinem Nachbarn…» (Matthäus 5,23).

Die Praxis von Padre Miguel in Soritor entlastet mich oftmals, denn: mit der Entscheidung steht und fällt die Glaubwürdigkeit des Kommunionempfängers. Deshalb gefällt mir die Antwort von Papst Franziskus so gut: «Sprecht mit dem Herrn und geht voran.»