Neue Ausgabe Forum-Magazin 70 Jahre Forum und 60 Jahre Paulus Akademie
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Text: Andrea Bleicher
Ich gebe zu, ich wollte diesen Artikel nicht schreiben. Ich bin keine Zürcherin. Und katholisch bin ich, nun ja, sagen wir mal, auch bloss beschränkt: Kirchensteuer ja, Kirchenbesuche nein. Stossgebete ja, Rosenkränze nein. Kurz, ich fremdele mit der Institution. Und ausgerechnet ich sollte auf die Geschichte des Forums und der Paulus Akademie zurückblicken?
Irrsinn, denkt jetzt jeder vernünftige Mensch. Aber als ich dann zu recherchieren begann, merkte ich: Die Absicht meiner Auftraggeberin war durchtrieben. Was ich alles entdeckte! Feminismus! Kommunismus! Ungehorsam! Schon bald setzte das «Wusstest du eigentlich»-Syndrom ein, bei dem man sein Umfeld ungefragt mit neu gewonnenem Wissen vollquatscht. Niemand war sicher. Ich sagte Dinge, wie «Ja, dazu gab es 1980 schon einen Vortrag in der Paulus Akademie. Die kennst du nicht? Da musst du mal hin.» Und noch etwas wurde mir klar: Das Forum ist für Leute wie mich gemacht. Glauben Sie nicht? Dann lesen Sie selbst.

Am 1. Januar 1956 erschien die erste Ausgabe des «Katholischen Pfarrblatts für Zürich und Umgebung». Was sich einfach anhört, war ein Kraftakt. Damals lebten rund 200 000 Katholikinnen und Katholiken im Kanton, die römisch-katholische Kirche war noch nicht öffentlich anerkannt. Die Hochkonjunktur nach dem 2. Weltkrieg hatte zwar den sozialen Aufstieg der Zürcher Katholiken in den Mittelstand beschleunigt: aus Arbeitern waren Angestellte und aus Ausländern Schweizer geworden. Zürich und katholisch – das ging mittlerweile. Aber gleichgestellt war man noch nicht. Und einig auch nicht immer. «Es ist bekanntlich in Katholisch-Zürich besonders schwierig, gemeinsame Ziele durchzusetzen, weil infolge allzu grosser Zersplitterung der vorhandenen Kräfte und Mittel der Sinn für solche Zusammenarbeit noch recht unbefriedigend entwickelt ist», schrieb Franz Demmel, der erste Redaktor des neuen, gemeinsamen Pfarrblatts. Aber immerhin machten 13 Gemeinden mit, die Auflage betrug 16 000 Exemplare, der Jahrespreis 5 Franken. Demmel, dem schon im Priesterseminar eine ungenierte Art seine Meinung zu äussern, ja gar eine «Freude an frisch-fröhlicher Aggression» nachgesagt wurde, hatte eine klare Vision des Projekts: «Kein frommes Traktätlein» sollte es sein, sondern ein «wesentliches Seelsorgemittel», mit dem das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt und die Zusammenarbeit der Pfarreien gefördert wurde. Gestaltet hatte das Blatt der Grafiker Max Lenz, weil es «auch in seiner äusseren Aufmachung für den zürcherischen Katholizismus irgendwie repräsentativ sein muss». Und noch etwas, so Demmel, war für das wöchentlich erscheinende, vier Seiten umfassende Pfarrblatt wichtig: «Soll es vom Volk gelesen werden, muss es volkstümlich sein.» Mit seinem klaren, manchmal auch eigensinnigen journalistischen Kurs machte sich Franz Demmel nicht nur Freunde. Als der Ostschweizer, der lange auch das katholische Jugendsekretariat in Zürich leitete, 1972 in den Ruhestand ging, verabschiedete man ihn mit den Worten: «Dein Unabhängigkeitsdrang geht allerdings so weit, dass du vergisst, dass auch dein Salär aus den Kassen von Zentralkommission und Stadtverband stammt.»
«Sind Sie ein verschämter Katholik?», fragte das Pfarrblatt 1958. Und liess die Leser (und Leserinnen – die mussten allerdings weniger Punkte erreichen) gleich selber testen. Also:
«Lesen Sie katholische Zeitschriften und Zeitschriften auch in öffentlichen Verkehrsmitteln? (2 Punkte)»,
«Äussern Sie offen Ihre Überzeugung, wenn die Rede auf die Religion kommt? (3 Punkte)»,
«Beten Sie in einem Restaurant mit öffentlichem Speiseraum Ihr Tischgebet? (2 Punkte)»,
«Essen Sie an Freitagen auch auswärts fleischlos? (3 Punkte)»,
«Geben Sie Ihren Kindern die Namen von Heiligen? (1 Punkt)»,
«Meiden Sie Filme, von denen die katholische Filmkritik abrät? (2 Punkte)»,
«Lüften Sie den Hut, wenn Sie an einer Kirche oder an einem Kruzifix vorbeigehen? (Nur für Männer. 1 Punkt).»

Im Oktober 1966 wurde sie eingeweiht: die Paulus Akademie. «Die beiden Worte Akademie und Dialog gehören unmittelbar zusammen», stellte Bundesrichter Otto K. Kaufmann in seiner Festrede fest. Er warnte vor einer Kirche, die nicht offen ist für die Wahrheit der Welt und die Zeiten nachhängt, als sie «noch eine geistige Monopolstellung innehatte». Damit forderte er die Zuhörerschaft – und manche überforderte er. Im Anschluss setzte es vom Churer Bischof und dem Präsidenten der Bischofskonferenz einen Rüffel für die Akademieleitung, weil sie die kritische Ansprache zugelassen hatte. Aber vielleicht war es ein Beginn, wie er sich für eine Institution, die Denkverbote ausser Kraft setzen wollte, gehörte. Vordenker der Paulus Akademie war Alfred Teobaldi, der «heimliche Nichtbischof von Zürich», wie es in seinem Nachruf hiess. Teobaldi hatte mit seiner «aufgeschlossenen und unklerikalen Art» («Die Tat») schon vieles erreicht: Der Bahnarbeitersohn aus Zürich-Aussersihl war nicht nur der erste Generalvikar Zürichs, sondern auch Initiant des Kirchengesetzes, das 1963 die Anerkennung der katholischen Kirche im Kanton sicherte. Aber sein «Lieblingswerk», wie er selbst sagte, war die Paulus Akademie. Jahrelang hatte Teobaldi zäh gegen immer neue Hindernisse gekämpft, sich gegrämt, dass die Reformierten mit der Heimstätte Boldern schon längst hatten, was den Schweizer Katholikinnen und Katholiken noch fehlte. Angetrieben vom Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils, das Wandel und Aufbruch versprach, wollte er nun einen Ort schaffen, wo «alle geistig aufgeschlossenen Menschen unserer Zeit: Frauen, Männer, Junge, Alte, Unternehmer und Arbeiter, Geistliche und Laien» zusammenkommen konnten. Gemeinsam sollten sie im Tagungshaus Probleme erörtern, «mit denen der denkende Christ in der heutigen Welt konfrontiert ist», und dabei auch heikle Themen nicht scheuen. «Schmalspurtheologie» sei das, warfen ihm Kritiker vor. Aber Teobaldi liess sich nicht beirren. Und jetzt war sie also endlich da, die Akademie mit Konferenzzimmern, Vortragssaal, Speisesaal für 90 Personen und Schlafzimmern für 40 Teilnehmende. Ein Erfolg! Auch wenn Alfred Teobaldi noch kurz vor der Eröffnung erklärt hatte: «Ich kann mich nicht erinnern, dass ein anderes Projekt so viele und so schwere Sorgen bereitet hat.»
Wie es um die finanzielle Lage der Paulus Akademie stand, erlebte der spätere Direktor Max Keller, als er 1969 die Stelle als Betriebsleiter antrat. «Die Lohnverhandlungen mit dem Vorstand waren nicht gerade ein Lichtblick», schrieb er. Generalvikar Alfred Teobaldi bestand auf 1800 Franken, obwohl die Mehrheit des Vorstandes das zu wenig fand. «Von den Vikaren weiss ich, wie hoch der Lohn sein muss, um jedes Jahr eine neue Hose kaufen zu können», erklärte Teobaldi. Nach Dienstantritt habe er dann bald erkannt, so Keller, dass die Unnachgiebigkeit des Generalvikars schlicht am fehlenden Geld der Akademie lag. Schon der Bau der Akademie in Zürich-Witikon nach den Plänen des innovativen Architekten Justus Dahinden hatte mit 1 600 000 Franken die budgetierten Kosten von 920 000 Franken weit überschritten. Und jetzt, hielt Keller fest, stand die Finanzierung des Betriebs «mehr oder weniger in den Sternen». «Das war der Ausgangspunkt der finanziellen Sorgen der Akademie, die mich über 30 Jahre beschäftigen sollten.»
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