Über uns

Floskeln am Kirchen-Grill

Bereichsleiter Kommunikation des Synodalrates
Simon Spengler

Gesamtverantwortung Kommunikation. Katholischer Theologe und Journalist.

Author
«Konsumistisch ausgelebter Individualismus ist das verkümmerte Relikt einer abgebrochenen Suche nach dem Sinn des Lebens.»
11. Juni 2021 5 Kommentare

Diesen klugen Satz las ich vorgestern Abend im Bett beim Durchblättern meiner Lieblings-Weinzeitschrift Merum (der Mensch lebt schliesslich nicht von Brot allein).

Was Chefredaktor Andreas März da formuliert, liess mich nicht so schnell einschlafen. Flucht in die Waren-Welt zwecks Übertünchung der eigenen Trägheit, Selbstzufriedenheit und Ziellosigkeit. Kurzzeitige Befriedigung im Konsumrausch, um die innere Leere zu kaschieren. Wie weit bin ich selbst betroffen?

 

Gibt es diese Fluchtmechanismen in übertragenem Sinne auch in der Kirche? Flucht in fromme Floskeln, um sich nicht den drängenden Fragen stellen zu müssen? Flucht in dogmatische Formeln, um nötiger Veränderung auszuweichen? Flucht in Allerweltsantworten wie «Weil es schon immer so war», um nicht zugeben zu müssen, dass man die Suche nach neuen Antworten längst aufgegeben hat, wenn man überhaupt je auf der Suche war? Religion als Opium, um vor der eigenen Leere in eine Scheinwelt flüchten zu können?

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Diese Woche sorgten zwei Kirchenmänner weltweit für Schlagzeilen: der Münchner Kardinal Reinhard Marx sowie Papst Franziskus. Vor einer Woche bot Marx seinem obersten Chef den Rücktritt an als Konsequenz für persönliche Versäumnisse und als Verantwortungsträger für das systemische Versagen der Kirche im nicht enden wollenden Missbrauchsskandal.

Gestern lehnte der Papst den Rücktritt ab. Marx soll bleiben, wo er ist und wie er ist: Gerade weil er zu seinen Fehlern stehe, gerade weil er erkannt habe, dass die Gründe der Missbräuche tief im klerikalen Herrschaftssystem der Kirche gründen, gerade weil er das offen anspreche und nicht nur fromme Absichtserklärungen von sich gebre, sondern auch «das Fleisch auf den Grill» lege, also auch handle (was für ein schönes Sprachbild des argentinischen Bergoglio-Papstes und Steak-Freundes, muss ich mir unbedingt merken).

Papst wie Marx spielen mit hohem Einsatz. Das Gutachten über Marx Taten bzw. Versäumnisse zu früheren Zeiten als Bischof von Trier kann jetzt sicher nicht in einer Schublade verschwinden wie an anderen Orten (auch in der Schweiz). Marx kann sich jetzt nie mehr verstecken. Ich traue ihm zu, dass er konsequent bleibt. Er hat nicht nur sein privates Vermögen einer Stiftung für Opferhilfe gespendet, sondern auch vehement den synodalen Erneuerungsprozess der deutschen Kirche vorangetrieben. Gut, dass diese nun mit Turbo-Verstärker aus Rom vorangetrieben wird.

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Zurück in die Eidgenossenschaft. In deren Herzen, im Urkanton Schwyz unter dem Schirm der schwarzen Madonna von Einsiedeln, durfte zum allerersten Mal seit ihrer Gründung vor 50 Jahren eine grössere Delegation der RKZ die dort versammelte Bischofskonferenz treffen. Wow, wie toll! Wer jetzt brutzelnde Steaks oder zumindest kleine Cervelats auf dem Grill erhoffte, musste hungrig von dannen ziehen. Nicht mal die Kohlen waren in Einsiedeln heiss, der Grill blieb kalt, die fromme Rede vom «gemeinsamen Weg der Erneuerung der Kirche» nur warme Luft. Man stellte immerhin «Gemeinsames» fest (echt jetzt?) und will weiter auf dem Weg bleiben. Wohin soll der führen? Die schönste Floskel gab dazu SBK-Sekretär Erwin Tanner von sich: «Von der Ich-Kultur zur Gottes-Kultur». Halleluja! So schön. So bedeutungs-schwanger. So leer.

Dabei lagen eigentlich ganz konkrete Fragen auf dem Tisch: Wie können Bischofskonferenz und die staatskirchenrechtliche Seite in dualer Verantwortung den jetzt auch vom Papst geforderten synodalen Prozess in der Schweiz gestalten? Wie kann in gemeinsamer Verantwortung zukunftsfähige Kirche gelebt werden? Antworten gibt’s keine.

Oder doch, die vom Präsidenten der SBK, Bischof Felix Gmür. Er betont im gemeinsamen Communiqué, die Bischofskonferenz sei «nur eine Plattform für den brüderlichen Austausch», also kein Gremium mit verbindlicher Beschlusskraft. Institutionell gesehen de facto ein Niemand. Also kann bei solch einem Treffen auch gar nichts rauskommen, denn wer mit einem Niemand konferiert, darf kein Ergebnis erwarten. Der x-fach erneuerte Aufruf von Papst Franziskus, die nationalen Bischofskonferenzen sollten mehr Verantwortung übernehmen, hat es offenbar noch nicht über die Alpen geschafft. Vielleicht beim nächsten Gipfeltreffen, in 50 Jahren. Falls dann noch jemand Hunger auf Kirchen-Grill hat.

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Zurück von der Kirchenpolitik zum vibrierenden kirchlichen Leben in Zürich. Hier glüht nicht nur die Kohle. Am Sonntag findet in der Wasserkirche ein interreligiöses «universelles Gebet» als Auftakt zum «Zurich Pride»-Festival statt. Den Abschluss des Festivals bildet wieder der traditionelle ökumenische Gottesdienst, diesmal in der christkatholischen Augustinerkirche (beide Anlässe auch online).

Witzig die neue Aktion, die Regenbogenbank auf dem mit zahllosen Liebesschlössern verzierten Mühlesteg über der Limmat aufzustellen. Während der ganzen «Prideweek» laden dort Seelsorgende zum Gespräch ein über Liebesfrust und -freude, über Gott und die Welt, das ganze pralle Leben in all seinen Facetten.

Meinrad Furrer auf der Regenbogenbank. Foto: zVg
Meinrad Furrer auf der Regenbogenbank. Foto: zVg

Heiss auch das Dürrenmatt-Stück «Frank V», dass die studentische Theatergruppe «akitiv» im Garten des aki am Hirschengraben 86 aufführt. Die kritische Komödie über eine Privatbank mit höchst dubiosem Geschäftsgebaren lässt einem bisweilen das Lachen im Halse stecken bleiben, wie Regisseurin Jessica Matzig erklärt. Fast so, wie nach der Lektüre des Communiqués von SBK-RKZ.

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Caritas Zürich hat dieser Tage ihren Geschäftsbericht über das Corona-Jahr 2020 veröffentlicht. Beeindruckend: 500 Ehrenamtliche leisteten in diversen Projekten fast 35'000 Stunden Freiwilligenarbeit zugunsten sozial Benachteiligter. Nicht nur warme Luft, sondern echtes, bewegendes und sättigendes Engagement! Spenden an die Caritas kommen übrigens zu 100% den Bedürftigen zugute, weil die Katholische Kirche Zürich die Kosten für Administration und Fundraising voll übernimmt.

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Ein ökumenischer Blick über den Gartenzaun soll nicht fehlen. Die reformierte Kirchgemeinde Zürich will einen «Corona-Batzen» von einer Million Franken (!) spenden. Damit wird, in Kooperation mit dem Sozialdepartement der Stadt Zürich, vor allem Menschen geholfen, die im Niedriglohn-Bereich tätig sind und während der Pandemie zwar Kurzarbeitsentschädigung erhielten, aber nur 80 Prozent ihres bisherigen Lohns. Und wenn man eh nur knapp über die Runden kommt, tun 20 Prozent Lohneinbusse richtig weh! Erste Gesuche wurden bereits bewilligt. In der Krise für die Menschen da sein, konkret, so beweist Kirche Relevanz.

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Ich wünsche uns allen ein herrliches Sommer-Wochenende mit viel Glut, saftigen Steaks und knackigem Grill-Gemüse und natürlich einem beseelten Tropfen. Ich mach mich jetzt auf zu meinem Lieblingsmetzger.

 

Ihr Simon Spengler

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Der Inhalt dieses Newsletters gibt die persönliche Meinung des Autors oder der Autorin wieder. Diese muss nicht in jedem Fall der Meinung der Katholischen Kirche im Kanton Zürich entsprechen.