Über uns

Heilige und Scheinheilige

Bereichsleiter Kommunikation des Synodalrates
Simon Spengler

Gesamtverantwortung Kommunikation. Katholischer Theologe und Journalist.

Author
Die „kalte Sophie“ macht heute einmal mehr ihrem schlechten Ruf alle Ehre. Mir tut die heilige Sophia von Rom, jene frühchristliche Märtyrerin, immer ein bisschen leid, die uns nur noch als Synonym für frostiges und garstiges Wetter in Erinnerung ist.
15. Mai 2020 6 Kommentare

Dabei ist sie auf den Bildern, die sie darstellen, als wunderschöne junge Frau gemalt, voller Anmut und Grazie. Ein Gesicht zum Verlieben. Und es ist ein Elend, was wir in unserem historischen Gedächtnis aus ihr gemacht haben.

 

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Eine richtig heisse Story und noch viel elender ist, was wir in der Kirche aus der Apostolin Junia gemacht haben, deren wir am Sonntag gedenken. Der heilige Paulus bezeichnete Junia als Apostolin, so steht es im Urtext der Bibel (Brief an die Römer, Kapitel 16, Vers 7). Auch bei den frühen Kirchenvätern stand Junia noch hoch im Kurs. So schwärmte der Kirchenlehrer Chrysostomus von ihr: „Wie gross muss die Weisheit dieser Frau gewesen sein, dass sie für den Titel Apostel würdig befunden wurde.“

Aber in mittelalterlichen Übersetzungen und Kommentaren operierten Theologen und Kirchenfürsten aus der Junia einen Junias und beim männlichen Junias ist es bis in viele Bibelausgaben unserer Tage geblieben.

 

Die Geschlechtsumwandlung geschah natürlich ohne ihr Einverständnis. Nichts anderes als eine Vergewaltigung also, ein Missbrauch ihrer sexuellen Identität. Ein nicht ganz unbedeutendes Kapitel christlicher Kriminalgeschichte mit verheerenden Folgen – auch bis in unsere Tage! Eine Apostolin passte einfach nicht ins System einer patriarchal überhöhten Kirchen-Hierarchie und musste verschwinden.

Ausgeschlossen sind die Frauen bis heute aus jeder Leitungsmacht in der Kirche. Obwohl heute alle, die halbwegs seriös Theologie und Exegese studiert haben, die Kriminalgeschichte der Junia kennen, also auch Bischöfe, Kardinäle und Päpste, ändert das keinen Deut an der fortgesetzten Diskriminierung der Frauen in Bezug auf kirchliche Entscheidungskompetenz, Zugang zum Amt und der Würde, Sakramente zu spenden.

 

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Andronikus, Athanasius und Junia (Moderne Ikone, Orthodox Church of America)

Am Gedenktag der Apostolin Junia (den männlichen Aposteln gebührt im liturgischen Kalender übrigens immer ein „Hochfest“...) starten engagierte Frauen nun mit einem öffentlichen Video-Meeting über Zoom um 16.30 bis 18 Uhr ein Junia-Jahr. Sie wollen ausbrechen aus der unseligen Verknüpfung von kirchlichem Amt, Weihe, Macht, Familienstand und männlichem Geschlecht. Stattdessen schlagen sie einen neuen Weg vor: Eine „sakramentale Sendung“ gemeinsam durch die Gemeinde und die Kirchenleitung für alle, welche für würdig und fähig befunden werden, Sakramente zu spenden und die Gemeinde zu leiten. Unabhängig vom Geschlecht und Familienstand. Hier mehr zu diesem Thema.

 

Das schliesst ein zölibatär gelebtes Priestertum nicht aus. Aber dieses wäre nicht mehr die einzige und exklusive Pforte zu einem Leitungsamt. Die Apostolin Junia wird im Himmel frohlocken. Hoffentlich kann sie vereint mit ihrer Gefährtin Sophia und allen himmlischen Heerscharen ihren männlichen Apostelkollegen und ihren Stellvertretern auf Erden ein wenig einheizen.

 

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Sakramentenempfang und die Möglichkeit zur Feier von Gottesdiensten sind in fortgesetzten Corona-Zeiten zunehmend ein strittiges Thema. Der Präsident der Bischofskonferenz Felix Gmür fordert eine Aufhebung des Verbots öffentlicher Gottesdienste, besonders im Blick auf die Feiertage Auffahrt und Pfingsten. Er verweist auch auf das bevorstehende jüdische Wochenfest und das muslimische Fastenbrechen.

 

Ich bin gespalten. Einerseits habe ich grossen Respekt vor Gläubigen, die ihren Glauben in gemeinschaftlichen Feiern leben wollen. Ich zähle mich selbst dazu. Aber auf einen Gottesdienst mit Maske, ohne singen zu dürfen, mit Sicherheitsabstand zueinander, danach steht mir nicht der Sinn. Zumal alle Senioren gar nicht teilnehmen dürfen (Priester wohl ausgenommen). Ich weiss nicht. Bischof Felix äussert sich im Gegensatz zu rechts-katholischen Krakelern besonnen. Vielleicht wäre es trotzdem besser gewesen, nicht eine generelle Aufhebung des Verbots zu fordern, sondern eine Ausnahme für die Hochfeste in ausgewählten Gotteshäusern.

 

Was mich aber masslos ärgert, sind dämlich-polemischen Vergleiche à la „Wenn Shoppingcenter aufmachen dürfen, sollen wir auch Gottesdienst feiern dürfen!“ Da kommt mir die Galle hoch. Seit wann vergleichen wir uns mit Konsumtempeln? Wäre nicht ein Vergleich mit anderen kulturellen Veranstaltungen wie Theater, Konzerte, Lesungen u.ä angemessener? Auch dort geht es um kulturelle und spirituelle Bedürfnisse. Für viele Menschen übrigens sogar im Fussballstadion. Aber auch all diese Veranstaltungen sind nach wie vor nicht möglich. Stünde es uns als Kirche nicht besser an, solidarisch und bescheiden zu verzichten, als auf unsere Rechte zu pochen?

 

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Dass es auch anders geht, machen Theologinnen der Frauenkirche Innerschweiz vor. Sie erzählen und interpretieren alte Märchen sowie biblische Geschichten auf neue Art. Tiefgründig, unterhaltsam, kompetent. Nicht nur für Frauen. Aber ein wenig Geduld und Zeit muss man schon haben. Kein Kurzfutter fürs schnelle Reinschauen, sondern nachhaltige Nahrung für die Seele.

 

Auch die Kirchen in Winterthur zeigen, dass kirchliches Leben ohne öffentliche Gottesdienste sehr lebendig sein kann. Sie verteilen leibliche Nahrung. Mit ihrem Mahlzeitendienst haben sie zudem das Überleben einer sozialen Institution gesichert, in der Menschen mit Beeinträchtigung Arbeit und Ausbildung finden. Das ist ein Gottesdienst, der dem Herrn gefällt.

 

Das Herz erfreuen und die Seele spirituell bereichern tut eine fantastische Aktion des Gregorius Chors und der Singschule der Pfarrei Herz Jesu in Wiedikon mit ihrem Kanon „Meine Hoffnung, meine Freude“. Auch wenn Sie nichts von all den im Newsletter aufgeführten Links anklicken, diesen müssen Sie einfach!

 

Und wenn Sie Sehnsucht nach Sonne und Wärme verspüren, dann ist das Loblied unserer Synodalratspräsidentin Franziska Driessen-Reding auf den Basilikum vielleicht das heilende Kraut.

 

Ein erholsames Wochenende wünscht

Simon Spengler

Der Inhalt dieses Newsletters gibt die persönliche Meinung des Autors oder der Autorin wieder. Diese muss nicht in jedem Fall der Meinung der Katholischen Kirche im Kanton Zürich entsprechen.