Neujahrsbotschaft (2008)

Übersetzungen in englisch, spanisch und italienisch siehe unten

Die Seelsorgenden werden gebeten, diese Botschaft in den Gottesdiensten ihrer Pfarrei an einem Wochenende im Januar 2008 vorzutragen.

Die Botschaft nimmt Bezug auf die Lesung des zweiten Sonntags im Jahreskreis (1 Kor 12, 4-11) sowie auf die Weltgebetsoktav

„Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist. Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn. [...] Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt.“ (1 Kor 12, 4-5.7)

 

Gemeinsam unterwegs bleiben

Liebe Katholikinnen und Katholiken im Kanton Zürich,

liebe Christinnen und Christen

Zwei intensive Jubiläumsjahre liegen hinter uns: Wir haben mit Festen gefeiert und gedankt, auf Wallfahrten „mit den Füssen gebetet“, anlässlich eines Symposiums sozialethische Themen reflektiert sowie in Werkstätten Ideen für unsere Zukunft ausgetauscht. Die Resultate dieses Prozesses konnten wir am zweiten Adventssonntag unserem neuen Diözesanbischof, Vitus Huonder, präsentieren. Bischof Vitus hat sich mit dieser offiziellen Begegnung mit uns, den Zürcher Katholikinnen und Katholiken, auf den Weg gemacht. So schauen wir mit ihm vertrauensvoll in die Zukunft. Für diese geben uns die Projektideen und Anliegen aus den Pfarreien sowie der Pastoralplan wichtige Anregungen, die es einzubeziehen gilt.

Vom Geist begabt

Zuerst möchte ich auf etwas Grundlegendes hinweisen. Jeder von uns ist in seinem Alltag mit vielfältigen Erwartungen konfrontiert: im Beruf, in der Familie, im Freundeskreis usw. Auch das Projekt Werkstätten hat Erwartungen geweckt und Ideen für Projekte in den Pfarreien und darüber hinaus hervorgebracht. Wo auch immer wir im Leben stehen, in welchem Projekt wir uns auch immer gerade engagieren, als Christinnen und Christen trägt und stärkt uns das Bewusstsein: Gottes Geist schenkt uns unsere ganz persönliche Gabe, damit wir durch unsere Taten, Gedanken und durch das Gebet unseren EINEN Herrn mit ganzer Kraft lieben und ihm dienen. Untrennbar davon ist der Dienst an unseren Nächsten. Wer dafür liebevoll und uneigennützig seine persönliche Gabe, sein Talent entfaltet, macht sein Leben zum Gottesdienst.

Liturgie

In der Liturgie tragen wir in der Gemeinschaft unser Leben vor Gott. Wir feiern unseren Glauben an Gott, der seinen Sohn in die Welt gesandt hat zu unserem Heil. In der Eucharistie haben wir teil an seiner Auferstehung. Liturgie berührt die Menschen, wenn sie ihr Leben berührt. Der aktive Einbezug der Gemeinde in den Gottesdienst ist bedeutsam. Gleichzeitig müssen wir grosse Sorge tragen zu den Riten und Liturgien unserer katholischen Tradition. Durch sie finden Menschen in den Gottesdiensten Heimat. Als Gläubige haben Sie vielfältige Möglichkeiten, im Gottesdienst mitzuwirken, aber auch Neues anzuregen. Wie wär’s zum Beispiel in Anlehnung an die Mittagsgebete mit einem „happy hour“-Gebet als besinnlichen Einstieg in den Feierabend? Wagen Sie aber auch, liturgische „Perlen“, die im Laufe der letzten Jahre vielleicht etwas in Vergessenheit geraten sind, neu zu entdecken.

Verkündigung und Glaubensweitergabe

„Vom Geist [wird] die Gabe geschenkt, Glaubenskraft zu vermitteln“ versichert uns Paulus (1 Kor 12, 8-9). Heute ist unsere Sorge um die Weitergabe des Glaubens gross. Fast unüberwindbar scheinen die Hürden, um mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen über den Glauben an Jesus Christus ins Gespräch zu kommen. Als Bischof höre ich oft, die Kirche trage neuen Formen des familiären und partnerschaftlichen Zusammenlebens nicht genügend Rechnung. Viele Menschen würden sich deshalb nicht angesprochen oder gar ausgegrenzt fühlen. Diese pastoralen Aufgaben fordern uns alle heraus. Die beste und überzeugendste Art, damit umzugehen, ist, unser Christsein in Wort und Tat zu leben. Die Botschaft Jesu ist so einfach wie radikal: „Das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium“ (Mk 1,  15). Sein Symbol, das Kreuz – diese unerhörte Provokation „des gekreuzigten Gottes“ – hat seit dem ersten Tag, an dem sie verkündet wurde, eine ungeheure Sprengkraft. Die Bibel, die Kirchengeschichte aber auch die Gegenwart bestätigen uns dies. So dürfen wir auch vertrauen: Durch die Taufe ist jede und jeder von uns in dieses Geschehen hineingenommen und strahlt die Kraft des Evangeliums aus. Das gelebte Beispiel des Einzelnen ist die wirksamste Glaubensvermittlung.

Diakonie und Ökumene

„Ein und derselbe Geist“ (1 Kor 12, 11) begabt uns – ganz gleich, ob katholisch, reformiert oder orthodox – auf vielfältige Weise zur tätigen Nächstenliebe. In den Zürcher Pfarreien wird sie bereits durch viele gute Projekte gelebt: „Suppen- oder Wähenzmittage“ für Bedürftige, Taxidienste für Ältere oder Menschen mit Behinderung, Hausaufgabenhilfe usw. Viele solche Angebote sind erst durch ökumenische Zusammenarbeit möglich. Themengottesdienste, Trauungen und Abdankungen, verschiedene kulturelle und seelsorgerliche Projekte sind nur einige Ideen für Aktivitäten, die wir in ökumenischer Offenheit gestalten können und sollen. „Gemeinsames Handeln ist die Regel, der Alleingang die Ausnahme“ (Zürcher Ökumenebrief 1997): Als Christinnen und Christen wollen und sollen wir gemeinsam aktiv Zeugnis ablegen für unseren Glauben. Gerade die Sorge um die Schöpfung schweisst uns zusammen und erfordert unseren konsequenten Einsatz.

Euro 2008

Die Fussball-Europameisterschaften im Juni dieses Jahres werden auch in und um Zürich sehr viele Menschen anziehen. Für sie werden die Kirchen Gelegenheiten anbieten, neben dem Rummel der sportlichen Grossveranstaltung Raum für Stille und Begegnung zu finden. Warum nicht als Pfarrei einige Fussballgäste bei sich aufnehmen? Auch dies ist ein Beitrag zur Verständigung zwischen Völkern. Es gibt aber auch traurige „Begleiterscheinungen“ eines solchen Fussballfestes, so der teils übermässige Konsum von Alkohol und Rauschmitteln, Gewaltexzesse sowie der florierende Frauenhandel. Solche Probleme bedürfen professioneller Gegenmassnahmen. Die Kirchen – und dazu gehören Sie, liebe Schwestern und Brüder, ganz konstitutiv – sind auch hier bereit, sich einzusetzen und zu helfen. Oft können wir im Kleinen bereits durch wachsames Beobachten und unkomplizierten Begegnungen in Not geratenen Menschen zu Hilfe kommen.

Dank

Gerne nehme ich die Gelegenheit wahr und gebe meiner Dankbarkeit für die Lebendigkeit der Katholischen Kirche im Kanton Zürich Ausdruck. Diese lebt vom Engagement, mit der jede und jeder von Ihnen ihre ganz persönliche Gabe einbringt. Unsere Herzen seien jederzeit offen für den Geist, der uns diese Gaben schenkt, damit wir sie ganz zum Wohl unserer menschlichen Gemeinschaft, zur Bewahrung der Schöpfung und zur Ehre Gottes einsetzen können. Wie ein gütiger Vater und eine liebende Mutter ist uns Gott in jedem Augenblick nahe. So bitte ich um seinen Segen für uns alle, damit er uns begleite und stärke auch im neuen Jahr.

Zürich, im Advent 2007

+ Paul Vollmar

Weihbischof und Generalvikar

zuletzt verändert: 28.09.2012 14:40
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