Gedanken zu Ostern (2009)

Und er sah und glaubte... Was wir von einigen nachösterlichen Erscheinungen kennen, ereignet sich nach Aussage aller vier Evangelien bereits am Karfreitag.

Ein Hauptmann, ein römischer Soldat, der die Hinrichtung vielleicht sogar geleitet hat, ist zutiefst erschüttert, nachdem er hörte, wie Jesus seine Gottverlassenheit herausschrie, und er bekennt: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.“

Ostern am Karfreitag? Zum Glauben finden ohne leeres Grab? Ohne Erscheinung des Auferstandenen? So ganz ohne Wunder?
Genau diese Stelle offenbart uns das große christliche Geheimnis: dieser Mensch Jesus ist der Christus, ist Gottes Sohn. Und wie viele Zeitzeugen auch zu Lebzeiten Jesu in ihm schon den Christus, den Gesalbten, erkannt haben, so möchte Christus durch alle Zeiten hinweg in Menschen erkannt werden: Was ich dem Geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan (Mt 25, 40). Der Mensch Jesus oder sein Leib mag tot am Kreuz hängen oder im Grab liegen; aber der Christus lebt – und in diesem Christus lebt auch Jesus weiter, nicht als Idee oder Illusion, sondern begreifbar, erlebbar, erfahrbar. Der Tote ist lebendiger denn je, denn nach wie vor fließen Blut und Wasser, wie es in dieser Textstelle metaphorisch ausgesagt wird.
Ja noch mehr: dieser Jesus möchte in uns weiter leben, auf dass durch uns - als einzelner Mensch, als Kirche, als Leib Christi – dieser Christus, dieser auferweckte Christus, erfahrbar wird. Seine Botschaft hatte Hand und Fuß. Und seine Botschaft möchte auch heute Hand und Fuß bekommen – durch uns, indem wir aufstehen zum Leben, aufstehen für andere.
Mögen wir diese höchsten Tage des christlichen Kalenders so leben und erleben, dass wir wieder Mut bekommen, für uns selbst und für das Leben anderer aufzustehen. In diesem Sinne entbiete ich Ihnen, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, meine österlichen Segenswünsche.

Zürich, in der Karwoche 2009

Weihbischof Dr. Paul Vollmar
Generalvikar für die Kantone Zürich und Glarus

zuletzt verändert: 27.09.2012 18:00
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