Neujahrsbotschaft (2009)

BOTSCHAFT VON WEIHBISCHOF DR. PAUL VOLLMAR AN DIE SEELSORGENDEN, KATHOLIKINNEN UND KATHOLIKEN IM KANTON ZÜRICH

Die Seelsorgenden werden gebeten, diese Botschaft in den Gottesdiensten ihrer Pfarrei an einem Wochenende im Januar 2009 vorzutragen.

Die Botschaft nimmt Bezug auf die XII. ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode zum „Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche“ vom Oktober 2008 in Vatikanstadt.

„Gott spricht die Menschen an wie Freunde […], um sie in seine Gemeinschaft einzuladen und aufzunehmen“
(Zweites Vatikanisches Konzil, Konstitution „Dei Verbum“, 2. Absatz).


Liebe Katholikinnen und Katholiken im Kanton Zürich,
liebe Christinnen und Christen

Haben Sie schon einmal einen Bücherwurm gesehen, der die Bibel liest? Natürlich nicht – er frisst sich durch sie durch! Und selbst wenn er zwischendurch einmal eine kleine Pause macht, sprudelt es ungefähr wie folgt aus ihm hervor: „Gewisse Erzählungen sind sozusagen mein Lieblingsgericht. Beispielsweise die Geschichte vom Propheten Jona und dem grossen Fisch. Bei Abraham, Isaak und Jakob geht es zu wie in Heldenfilmen im Kino. Mich in den Evangelien zu tummeln, bereitet besonders Freude – die Geschichten von Jesus verkünden ja auch die Frohe Botschaft! Die Paulusbriefe dagegen sind schwerere Kost. Da muss ich langsam kauen, Wort für Wort. Ja, eigentlich gilt das für die ganze Bibel: Besser kleinere Mahlzeiten essen, aber regelmässig. Wie bei der üblichen Nahrung. Sonst gibt’s Verdauungsprobleme.“

Bibel – Wort Gottes
Genau passend zu diesem Ratschlag gibt es z. B. einen ökumenischen Bibelleseplan. Er hilft Menschen, die Bibel in überschaubaren Etappen zu lesen. Nicht einfach von vorne bis hinten, sondern in einer eigens durchdachten Abfolge, die das Verständnis erleichtert.
Heute ist die Bibel für viele Menschen ein Buch mit sieben Siegeln; sie scheint schwer verständlich, ein Durcheinander von Geschichten, Themen und Schreibstilen zu sein. Trotz aller Unterschiede fällt auf, dass die biblischen Bücher alle von ein und demselben Geist durchweht sind. Ihm verdanken die verschiedenen Autoren ihre Inspiration. Die Bibel verbindet uns mit allen unseren Schwestern und Brüdern im Glauben, egal welcher Kirche sie angehören. Die Bücher des Alten Testaments sind auch für das Judentum heilige Schriften. Und die Berufung auf Abraham teilen wir sowohl mit den jüdischen als auch mit den muslimischen Gläubigen. So motiviert uns die Bibel zu vielfältigen ökumenischen Brückenschlägen – zu anderen Kirchen sowie zu anderen Religionen.

„Die Tür zum Glauben“ öffnen (Apg 14,27)
Seit je her ist das Wort Gottes im Leben der Menschen gegenwärtig. Dafür hält uns die Bibel viele Beispiele bereit. Die Evangelien berichten von Jesus, dem Sohn Gottes, Gottes menschgewordenes Wort. Er „spricht die Menschen an wie Freunde“ (Dei Verbum 2), um ihnen das Reich seines Vaters kund zu tun. Und er sagt: „Geht hinaus in die Welt und verkündet das Evangelium allen Menschen“ (Mk 16, 15). Denn Jesus weiss: Wenn in einem Menschen die Freude überquillt, kann er diese nicht für sich behalten. Das Wort Gottes sprengt jeden Rahmen, der Glaube daran ist so befreiend und erhebend, dass er nicht im Verborgenen bleiben kann. So unternahm schon der Apostel Paulus ausgedehnte Missionsreisen und setzte seine ganzen Kräfte ein, um den Völkern „die Tür zum Glauben“ (Apg 14, 27) zu öffnen. Seit ihren Anfängen stellt sich die Kirche also die Frage nach den geeigneten Formen der Verkündigung: Wie bringen wir die Botschaft vom Reich Gottes zu den Leuten von heute? Wie halten wir diese Botschaft unter einander lebendig, und wie können wir sie an die Generationen von morgen weitergeben?

Religion kennen – Glauben leben
Auch als Katholische Kirche im Kanton Zürich setzen wir uns mit diesen Fragen auseinander, zum Beispiel in den „Zukunftswerkstätten“. Dort sind Forderungen nach zeitgemässen Formen der Glaubensweitergabe und Verkündigung vorgebracht worden. Auch wir möchten unsere Glaubensfreude weitergeben.
Gerade was den Religionsunterricht anbelangt, befinden wir uns im Kanton Zürich in einer Zeit des Umbruchs. In den Schulen wird im neuen Fach „Religion und Kultur“ Wissen über die Religionen vermittelt. An dieses Wissen anknüpfend, ist es die Aufgabe der Eltern und der Kirche, den Kindern und Jugendlichen den gelebten Glauben nahe zu bringen. In den Pfarreien gedeihen originelle und überzeugende Angebote, die es unseren Kindern ermöglichen, die kirchliche Gemeinschaft und den christlichen Glauben zu erleben. Trotzdem brauchen Kinder und Jugendliche auch Bezugspersonen, die für sie ein echtes und dauerndes Beispiel christlicher Lebensführung sind.

Wort Gottes – Dienst
In jeder liturgischen Gottesdienstform feiern wir das Wort Gottes, stellen es in den Mittelpunkt unseres Bewusstseins, damit es Nahrung werde für das Leben. Ausgehend vom biblischen Text möchte die Auslegung des Gotteswortes dabei behilflich sein, die Ereignisse des Lebens und der Geschichte im Licht des Glaubens zu interpretieren. Dazu sind nicht nur die Geistlichen befähigt, sondern jede getaufte Person darf und soll von ihrem Glauben Zeugnis ablegen; ganz gleich ob Kind oder Erwachsener, ob Frau oder Mann, ob Priester oder Laientheologe. Jeder von uns soll das Wort Gottes in seinen Worten und Taten – wie Jesus – Mensch werden lassen.

erwachsen Glauben – schenken
Was aber, wenn auch erwachsenen Menschen der Anknüpfungspunkt an die Geschichten, Gleichnisse und Hymnen der Bibel fehlt? Was, wenn Menschen den Glauben nicht durch lebendige Erfahrungen verinnerlicht haben? Angesichts der heutigen gesellschaftlichen Umbrüche ist Orientierung nötiger denn je. Es braucht das aktive Wissen um die eigenen religiös-kulturellen Wurzeln, und es braucht die Verankerung im Glauben. Unsere Mitmenschen benötigen vermehrt geeignete Zeiten und Orte, wo sie nach Gott fragen können – vielleicht zum ersten Mal, vielleicht nach Jahren der Distanz. Die Verantwortung dafür, dass dies geschehen kann, liegt bei uns als Kirche, als Gemeinschaft der Gläubigen. Es gibt kein allgemeingültiges Rezept, das hier anzuwenden wäre. Genauso vielfältig wie die Lebenswege der Menschen sind, muss unser Zugang zu den Menschen sein.

Dank
So danke ich Gott für all das, was in unserer Katholischen Kirche im Kanton Zürich für die Verkündigung der Frohbotschaft wächst und gedeiht. Unzählige Menschen setzen sich dafür ein; sie schenken anderen ihr Wissen, ihre Talente, ihre Zeit. Richten wir alle unser tagtägliches Bemühen nach dem Evangelium aus! Das ist authentische Verkündigung. Sie erkennt das Wort Gottes in der Schöpfung, bezeugt seine Menschwerdung in Jesus und lässt es in den Herzen der Menschen aufleuchten. Auch im neuen Jahr wollen wir als Kinder Gottes und im Vertrauen auf seine Zusage unseren Weg weitergehen. Gott, der Gütige und Barmherzige, schenke uns allen dafür seinen reichen Segen.

Zürich, im Advent 2008

+ Paul Vollmar
Weihbischof und Generalvikar




zuletzt verändert: 27.09.2012 18:04
Navigation