Sorge um die Seelen als verpflichtender Auftrag

Der Kantonsrat hat die Jahresberichte 2016 der öffentlich-rechtlich anerkannten Religionsgemeinschaften mit 173 zu 0 Stimmen zur Kenntnis genommen. Synodalratspräsident Benno Schnüriger in seiner Rede im Zürcher Ratshaus: «Seelsorge wird von den Kirchen nicht nur als frommer Wunsch verlangt, sondern als Auftrag deponiert, der mit staatlichen Geldern mitfinanziert werden soll.
Sorge um die Seelen als verpflichtender Auftrag

Kenntnisnahme von kirchlichen Jahresberichten durch den Kantonsrat im Zürcher Rathaus. Foto: Christian Murer

Jeweils im November nimmt der Kantonsrat auf Antrag des Regierungsrates die Jahresberichte 2016 und den Nachweis der Einhaltung der negativen Zweckbindung der Kirchensteuern juristischer Personen der katholischen Körperschaft, der reformierten Landeskirche und der christkatholischen Kirchgemeinde zur Kenntnis. Die im Kirchengesetz postulierte negative Zweckbindung der Kirchensteuern juristischer Personen verlangt, dass diese Steuermittel nicht für kultische Zwecke verwendet wird.
Ebenso wurden auch die Jahresberichte der Israelitischen Cultusgemeinde und der Jüdischen Liberalen Gemeinde zur Kenntnis genommen.

«Zeit haben für Menschen, die danach verlangen»

Nachfolgend dokumentieren wir das Statement von Synodalratspräsident Benno Schnüriger vor dem Kantonsrat:

Geschätzte Frau Präsidentin
Geschätzte Kantonsrätinnen und Kantonsräte
Geschätzte Frau Regierungsrätin

Die GPK hat sich ausführlich mit den Jahresberichten der hier versammelten fünf öffentlich-rechtlich anerkannten Religionsgemeinschaften befasst. Dafür ist ihr herzlich zu danken. Bei allen Gesprächen sind wir für das, was wir tun, sehr viel Wohlwollen und Neugier begegnet. Der bunte Strauss dessen, was wir vielleicht noch tun sollten, wurde der Evangelisch-reformierten Landeskirche und der Römisch-katholischen Körperschaft mit der sogenannten «Widmer Studie» präsentiert. Diese nahm im Berichtsjahr ihren Anfang und wurde dieses Jahr abgeschlossen. Aus dem dicken Bericht mit den vielen Tabellen ist mir ein Ergebnis in die Augen gesprungen: Auf die Frage, was denn die Kirchen tun sollten, antworteten die Gemeindeschreiberinnen und Gemeindeschreibern und die Bevölkerung zuallererst mit dem Stichwort «Seelsorge». Die Häufigkeit dieser Nennung lag bei der Bevölkerung mit ca. 87% an erster Stelle, ebenso bei den Gemeindeschreiberinnen und Gemeindeschreibern bei ca. 95%.

Benno Schnüriger und Regierungsrätin Jacqueline Fehr an der Medienkonferenz zur «Widmer Studie». Foto: Simon Spengler

Jetzt lässt sich natürlich sagen, ja was sollen denn die Religionsgemeinschaften sonst tun. Aber steckt nicht mehr hinter dieser Antwort? In der Presse wurde das Ergebnis der Widmer-Studie vielfach unter dem Titel: «Die Kirchen sind ihr Geld wert.» zusammengefasst. Aber genügt uns das, die wir hier vorne sitzen? Ich frage mich, ist das alles oder dürfte es ein bisschen mehr sein? Es muss mehr sein, es muss. Auf etwas, das nicht mit Geld aufgewogen werden kann, verweist die eben erwähnte Antwort: «Seelsorge». Den Kirchen wird also zugetraut und von deren Bodenpersonal wird erwartet, dass sie sich um die Seele aller Menschen sorgt. Dieses Vertrauen in unsere Arbeit nehmen wir, mit allem Respekt vor der Aufgabe, gerne zur Kenntnis. Mit dieser Antwort kommt aber ebenfalls zum Ausdruck, dass wir Menschen offenbar wissen, dass wir nicht nur Materie sind, sondern auch eine Seele haben.

Dies zu erkennen, braucht keine Purzelbäume des Glaubens. So lautet die Kurzformel der WHO für Gesundheit: «Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.» In die gleiche Richtung zielt ein Artikel unter dem Titel «Kopf Kaputt» mit dem Leitsatz: «Wenn das Gehirn verletzt ist, leiden nicht nur das Sehvermögen, die Sprachfähigkeit und das Gedächtnis. Wenn ein Teil des Ichs nicht mehr funktioniert, leidet immer und vor allem auch die Seele.» Darum ist in der Medizin heute klar, dass der Heilungsprozess nur dann gelingt, wenn er als interprofessionelle Aufgabe wahrgenommen wird. Es bedarf eines Zusammenspiels von, Ärztinnen und Ärzten, Pflegenden, Sozialarbeitenden und Seelsorgenden. Das Stichwort hier heisst «Spiritual Care».

In einem anderen Zeitungsartikel wurde unter dem Titel: «Das Sorgentelefon lebt» festgehalten: Wem es in der Schweiz nicht gut geht, wählt die Nr. 143 . Wer der Dargebotenen Hand anruft, der will meistens erzählen, bei jemandem abladen, seine Sorgen deponieren. Mehr nicht, aber auch nicht weniger. Seelsorge so verstanden, heisst nichts anderes als Zeit haben um zuzuhören. Jemandem «sein Ohr leihen», damit sich dieser jemand das Leid «von der Seele reden kann». Das kann am Sorgentelefon sein, das kann in vertraulichen Momenten in den Seniorenferien sein aber genauso gut am Lagerfeuer im Sommerlager. Seelsorge geschieht immer dann, wenn jemand gezielt seine Zeit einsetzt um zuzuhören, mitzutragen, vielleicht sogar zu verstehen.  Oder wie es ein Seelsorger einmal auf den Punkt gebracht hat: «Ich kann nichts, aber ich habe Zeit.»

Eine Kernkompetenz aller Seelsorgerinnen und Seelsorger muss also darin bestehen, Zeit für die Menschen zu haben, die danach verlangen. Eine Erfahrung übrigens, die in der Flughafenkirche und in der Bahnhofskirche jeden Tag gemacht wird. Die Frage an uns Kirchen bleibt: Kümmern wir uns genug um die Seelen der Menschen? Haben wir genug Zeit und Stellen dafür? Stellen wir dafür genug Geld zur Verfügung? Haben wir dafür das richtige Personal?

Ich komme zum Anfang, zum Geld zurück: Auf Seite 119 der Widmer-Studie wird ausdrücklich betont, dass die Seelsorge von allen Befragten als wichtige kirchliche Tätigkeit aufgefasst wird, die auch durch staatliche Gelder finanziert werden sollte. Es wird also nicht nur ein frommer Wunsch deponiert, sondern es wird uns ein Auftrag gegeben.

Wir danken Ihnen geschätzte Kantonsrätinnen und Kantonsräte, geschätzte Frau Regierungsrat ganz herzlich, dass sie uns ihr Ohr geliehen haben.

Herzlichen Dank

zuletzt verändert: 28.11.2017 11:11