«Film und Religion vermitteln das Unaussprechliche»

So Regierungsrätin Jacqueline Fehr gestern Abend, 4. Oktober, in ihrer Festansprache zur Verleihung des Filmpreises der Kirchen. Wir dokumentieren ihre eindrückliche Rede im Wortlaut.
«Film und Religion vermitteln das Unaussprechliche»

Jacqueline Fehr bei der Verleihung des ökumenischen Filmpreises im Folium Sihlcity. Foto: Fabienne Wild

«Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen» – So versuchte Goethe, die Dimension der Kunst in Worte zu fassen.

Sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der beiden Landeskirchen.

Sehr geehrter Präsidentinnen und Präsidenten diverser Gremien und Institutionen

Liebe Gäste

Filme sind Kunst. Und damit sind Filme im Sinne Goethes solche Vermittlerinnen des Unaussprechlichen. Filme bringen neue Sicht- und Denkweisen ins Spiel. Sie eröffnen uns ungewohnte Perspektiven auf unseren Alltag.

Damit machen sie uns ein Geschenk: Sie schenken uns die Freiheit, über das Gewohnte und Selbstverständliche hinaus zu denken und neue Welten und Ordnungen zu entwerfen.

Die offenen und demokratischen Religionsgemeinschaften im Kanton Zürich haben einen ähnlichen Anspruch: Auch sie wollen das Unaussprechliche vermitteln. Und so ist es durchaus stimmig, dass die beiden Landeskirchen den heutigen Filmpreis vergeben.

In ihren Bildern und Erzählungen vermitteln Filme genauso wie religiöse Erzählungen menschliche Erfahrungen. Über Kulturen und Zeiten hinweg zeigen sie uns die grossen Themen der Menschheit. Konfrontieren uns mit Sehnsüchten, Hoffnungen, Ängsten und Träumen.

Sie erzählen von Menschen, die sich in ihrer Zeit und Kultur behaupten müssen. Damit bieten sie einerseits Möglichkeiten zur Identifikation. Andererseits befähigen sie uns zur Offenheit für das Gegenüber.

Darum danke ich den Zürcher Kirchen für diesen Filmpreis. Wie die Filme an sich machen uns die Zürcher Kirchen damit ein Geschenk. Mit dem Filmpreis stärken sie nicht nur hiesiges Filmschaffen mit dem Fokus auf deutschsprachige Produktionen. Sie stärken damit auch die Empathie als menschlichen Wert.

Und Empathie, meine Damen und Herren; Empathie ist für eine menschliche, für eine offene und freie Gesellschaft das, was das Wasser für den Fisch ist.

Empathie ist die Bereitschaft, andere Menschen und ihre Empfindungen, Gedanken und Wünsche wahrzunehmen und kennenzulernen. Empathie ist die Fähigkeit, das Gegenüber anzuerkennen – als anders, aber gleichwertig.

Dass dies keine Selbstverständlichkeit ist, erfahren all jene täglich, die von der gesellschaftlichen Norm abweichen.

Filme leisten in Sachen Empathie Grossartiges. Über Filme eröffnen sich Welten. Und der Zugang zu anderen Welten schafft genau das Potential für Empathie.

Als Gesellschaft begegnen wir tagtäglich neuen Irritationen. Im Zeitalter von Individualisierung und Digitalisierung prallen die unterschiedlichsten Wertesysteme aufeinander. Öffne ich meinen Facebook-Feed, prasseln minütlich die gegensätzlichsten Lebensanschauungen auf mich ein. Unser eigenes Welt- und Selbstverständnis wird laufend infrage gestellt. Unsere Empathiefähigkeit getestet. In dieser anspruchsvollen Situation offerieren uns Filme willkommene Strategien zur Bewältigung dieser Herausforderungen.

Als Religionsministerin erlebe ich, dass auch die beiden Landeskirchen diese Herausforderung spüren. Ich erlebe aber auch, dass sie sich diesen stellen wollen. Sie bringen sich in der gesellschaftlichen und politischen Diskussion ein. Sie sind aktiv im interreligiösen Dialog. Sie übernehmen Verantwortung als "die grossen Kirchen".

Das, meine Damen und Herren, ist Vermittlung im besten Sinne. Wir kennen es aus der persönlichen Erfahrung: Wer am gesellschaftlichen Leben teilnimmt, tauscht sich aus, bringt sich ein, gestaltet mit. Und wer mitgestaltet, übernimmt auch Verantwortung.

Religionen wie Filme haben das Potential, die eigene Identität zu stärken. Gleichzeitig helfen sie uns, Grenzen zu überwinden und Barrieren abzubauen. Kultur und Religion stärken den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Und sie tun dies vor allem dann, wenn sie der vielfältigen und widersprüchlichen Gegenwart mit Offenheit begegnen.

So entsteht nicht nur Identität und Zugehörigkeit zur eigenen Gemeinschaft. Wer sich seiner eigenen Prägung bewusst ist, dem fällt es auch leichter, kulturellen und religiösen Unterschieden offen und neugierig zu begegnen.

Wenn Kunstschaffende oder Religionsgemeinschaften den Brückenschlag ermöglichen zwischen Generationen, Traditionen, Religionen und Kulturen – dann freut mich das als Kultur- und Religionsministerin gleichermassen.

Erlauben Sie mir also abschliessend eine anmassende Erweiterung von Goethes Zitat: «Die Kunst und die Religion sind eine Vermittlerin des Unaussprechlichen.»

Für die einen ist dieser, für die anderen jener Weg ein Zugang zum Unaussprechlichen. In jedem Fall hat diese Vermittlungsarbeit einen unschätzbaren Wert.

Am heutigen Abend bringen wir zwei Zugänge zusammen. Liebe Jury: Ich bin auf das Ergebnis gespannt.

zuletzt verändert: 05.10.2018 11:02