Zum Tod von Willy Spieler (1937 - 2016)

Urs Eigenmann, theologischer Freund und politischer Wegbegleiter, würdigt das Lebenswerk des theologisch-politischen Publizisten, Politikers und Intellektuellen Willy Spieler aus Zürich.
Zum Tod von Willy Spieler (1937 - 2016)

Quelle: Reformierte Medien

Unerwartet rasch ist Willy Spieler seinem Krebsleiden erlegen. Noch im November war er guter Dinge und voller Hoffnung auf medizinische Hilfe. Willy ist im katholischen Milieu des Glarnerlandes aufgewachsen, war Klosterschüler in Engelberg und als Student aktiv im Schweizerischen Studentenverein, dessen Zentralpräsident er war.

Doch im Jahre 1965 kam es zum Bruch mit dem politischen Flügel des katholischen Milieus. Willy trat in die Sozialdemokratische Partei ein. Vor dem Hintergrund seiner Biografie war das zur damaligen Zeit ein Aufsehen erregender Schritt. Er verabschiedete sich damit zwar vom politischen Flügel des Katholizismus, nicht aber von der Katholischen Kirche. Im Gegenteil! Er war einer der besten Kenner von deren Sozialverkündigung. Zugleich kannte er sich aber auch bei Karl Marx aus. Er engagierte sich stark in der Synode 72 des Bistums Chur und arbeitete für die bischöfliche Kommission Justitia et Pax.

Nach dem Militärputsch in Chile gehörte er zu den Gründern der „Christen für den Sozialismus“ in der Schweiz. Deswegen wurde er von der „Religiös-sozialen Bewegung“ eingeladen, über die lateinamerikanische Theologie der Befreiung zu referieren. Im Hinblick darauf lernte er mit Leonhard Ragaz den wohl wichtigsten Reich-Gottes-Theologen des Religiösen Sozialismus kennen.

Mit einiger Überraschung stellte er die grossen Gemeinsamkeiten zwischen dem europäischen Religiösen Sozialismus und der lateinamerikanischen Befreiungstheologie fest. Beide gehen hinter die „Imperialisierung des Christentums“ als Kehrseite der „Christianisierung des Imperiums“ (Franz Hinkelammert) zurück. Beide machen die im Zuge der Konstantinischen Wende im 4. Jahrhundert  erfolgte Verkehrung des authentischen Christentums in die imperiale Christenheit nicht mit. Sie sind dem biblisch bezeugten  Christentum verpflichtet.

Die Begegnung der Religiös-Sozialen mit dem Christen für den Sozialismus führte dazu, dass Willy Spieler 1977 die Redaktion der Zeitschrift „Neue Wege“ als Organ der Religiös-Sozialen Bewegung anvertraut wurde. Dreissig Jahre lang sollte Willy Redaktor der Neuen Wege sein und ihnen ein unverwechselbares Profil verleihen. Zudem war Willy in verschiedenen Funktionen als Sozialdemokrat in Exekutive und Legislative aktiv. 

In den Neuen Wegen analysierte er unter der Rubrik „Zeichen der Zeit“ regelmässig die gesellschaftlichen und kirchlichen Entwicklungen: mit umfassender Sachkenntnis, analytischer Präzision und sprachlicher Brillanz. Zentrale Anliegen waren ihm dabei u. a. die Entlarvung der die Menschen und die Natur zerstörenden Logik des neoliberalen Marktfundamentalismus und die Überwindung des Kapitalismus. Deswegen publizierte er in den Neuen Wegen immer wieder Texte des ökonomischen, philosophischen und theologischen Vordenkers Franz Hinkelammert. Bei aller Komplexität der Frage- und Problemstellungen schrieb Willy verständlich für ein breites Publikum.

Die Zusammenarbeit von „Religiös-sozialer Bewegung“ und „Christen für den Sozialismus“ führte 1989 zur Fusion der beiden Bewegungen und zur Gründung der „Religiös-Sozialistischen Vereinigung“ der Deutschschweiz. Willy war über viele Jahre engagiertes Mitglied in deren Vorstand.

2007 gab er seine Redaktorenamt auf. Nun fand er Zeit, die riesige Menge von Material – er sprach von über sechzig Kisten - zu sichten und sie zu einer biografisch orientierten Mentalitätsgeschichte der Schweiz in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu verarbeiten. Als er im November letzten Jahres die Krebsdiagnose gestellt bekam, war das Manuskript bereits auf über 800 Seiten angewachsen. Und Willy hatte noch viel vor. Nun bleibt dieses Werk Fragment - wie alles im menschlichen Leben und wie dieses selbst.

Mit dem Tod von Willy Spieler ist ein ungewöhnlicher Lebensweg zu Ende gegangen. Es ist ein umfassend gebildeter Intellektueller gestorben, der sich von der biblisch fundierten Maxime in der Präambel der Schweizerischen Bundeverfassung leiten liess, „dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen“.

Mit ihm ist einer gestorben, der uns fehlen wird, weil er sowohl kirchlich wie politisch stets grundsätzlich dachte und entsprechend fundiert argumentierte, aber nie dogmatisch wurde; weil er kompromisslos und klar seine Positionen vertrat, selbst aber noch mit seinen Gegnern anständig, ja vornehm umging.

 Urs Eigenmann

 

Der Theologe und Priester Urs Eigenmann (69) ist Autor verschiedener Werke zu den Themen Theologie der Befreiung, praktischen Theologie, Liturgie und der Reich-Gottes-Theologie. Er lebt in Luzern.

zuletzt verändert: 01.03.2016 11:01