Wenn Frauen und Männer miteinander Kirche leben

Eine prophetische Predigt, ein mächtiges Orgelgewitter, ein Zwiegespräch, ein Nachtgebet sowie ein friedliches Beisammensein bei einem Glas. Das war das Abendgespräch in der Liebfrauenkirche mit Priorin Irene Gassmann vom Kloster Fahr und Pater Martin Werlen aus dem Kloster Einsiedeln.
Wenn Frauen und Männer miteinander Kirche leben

Priorin Irene Gassmann vom Kloster Fahr und Pater Martin Werlen. Foto: Christian Murer

Es stürmte an diesem Montagabend nicht nur auf Zürichs Strassen, sondern ebenso drinnen in der Liebfrauenkirche, wo sich über dreihundert kirchlich Engagierte und religiös Interessierte einfanden. «Das heftige Gewitter könnte schon gleich am Anfang losgehen, wenn ein Mann zur Frauenfrage in der Kirche spricht… Aber aus verschiedenen Gründen wage ich es, mich zu diesem Thema zu äussern», sagte Pater Martin Werlen zu Beginn seiner Meditation. Eingeladen zu diesem Abendgespräch hatten die Schwestern vom Kloster Fahr sowie die Frauen im Vorstand des Vereins Pro Kloster Fahr. Auslöser zu dieser Einladung waren unter anderem Werlens Aussagen zur Frauenfrage in den Publikationen «Miteinander die Glut unter der Asche entdecken» und «Heute im Blick – Provokationen für eine Kirche, die mit den Menschen geht».

Alarmknopf Zeitgeist

«Es ist ganz offensichtlich: Die Kirche ist in verschiedenen Sackgassen – übrigens schon längere Zeit. Die Frauenfrage ist eine darunter, eine zentrale», betonte der ehemalige Abt des Klosters Einsiedeln. Denn wer in eine Sackgasse geraten sei, tue gut daran, nicht einfach sitzen zu bleiben und zu warten, bis sich die ganze Umgebung verändere. «Doch wer heute konkrete Schritte der Umkehr anzeigt, begegnet immer wieder demselben Alarmknopf: Zeitgeist», stellte der Einsiedler Pater fest. Es gäbe Leute, die viel mehr vom Zeitgeist sprechen und schreiben als vom Heiligen Geist. Aber um als Kirche den Weg durch die Zeit zu finden, brauche man in erster Linie die Kraft des Heiligen Geistes und nicht die Angst vor dem Zeitgeist.

Dann ging Pater Werlen auf die beiden Begriffe Tradition und Traditionen ein. So sei Tradition nach dem grossen französischen Theologen Yves Congar nicht ein abgeschlossenes System, sondern immer lebendig. Dann gebe es die Traditionen. Dazu der Ordensmann: «Die Traditionen können losgelassen oder verändert werden, ohne dass Wesentliches des Glaubens verloren geht. Ja, Traditionen müssen sogar manchmal losgelassen werden, um die Tradition nicht zu gefährden, das heisst die Weitergabe des Glaubens.» Er nannte Beispiele wie das Weihnachstsfest, die Symmetrie in der Kirche, den Purpur der Kardinäle, den Zölibat, die lateinische Sprache oder das Autoritätsverständnis in der Kirche.

Traditionen in der Frauenfrage

«Die Traditionen in der Frauenfrage sind – wie alle Traditionen – vom Zeitgeist geprägt. Und der Zeitgeist ist wiederum stark geprägt von der Dominanz der Männerwelt», findet der Einsiedler Mönch. Denn: Die Benachteiligung der Frau sei Zeitgeist vergangener Jahrhunderte. In dem Sinne habe die katholische Kirche als Ganzes ein Frauenproblem. Dabei zitierte Pater Martin Christoph Graf, den neuen Kommandanten der päpstlichen Schweizergarde, der in einem Interview mit der «Aargauer Zeitung» wörtlich sagte: «Sehen Sie, die Kirche hat eine Tradition, die sie aufrechterhalten muss. Wo würde das hinführen, wenn sie jeder Modeströmung hinterherlaufen würde? Am Ende hätten wir plötzlich Bischöfinnen oder sogar eine Päpstin.» Und so schloss Martin Werlen seine Ausführungen über die Frauenfrage in der Kirche: «Liebe Getaufte, Sie sehen, da haben wir noch viel Arbeit. Packen wir sie an!»

Anschliessend kam Priorin Irene Gassmann vom Kloster Fahr mit dem Benediktinermönch Martin Werlen ins Gespräch. Das Abendgebet im Off mit der heiligen Scholastika und ihrem Bruder Benedikt löste auf der Orgel ein gewaltiges Donnergrollen aus. Doch das Singen der Komplet der Schwesterngemeinschaft am Rande der Stadt und der Apéro im Saal des Pfarreizentrums Liebfrauen verlieh abschliessend der kirchlichen Feier eine überaus versöhnliche Note. Priorin Irene sagte dazu: «An diesem Abend war für mich ganz stark spürbar, was möglich ist, wenn Frauen und Männer miteinander Kirche leben.»

Text und Fotos: Christian Murer

Projekt Kirche mit den Frauen

www.kirche-mit.ch/de/

zuletzt verändert: 07.04.2015 15:15
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