Uns eint mehr, als dass uns trennt

Im Schwedischen Lund wurde letzte Woche ein Kapitel für die Kirchengeschichte geschrieben: Der lutherische Bischof Munib Younan von Jerusalem, Präsident des Lutherischen Weltbundes, und Papst Franziskus eröffneten gemeinsam das Reformationsjahr und unterzeichneten eine gemeinsame Erklärung. Eva-Maria Faber erlebte den historischen Moment aus nächster Nähe.
Uns eint mehr, als dass uns trennt

Papst Franziskus in Lund_Screenshot CTV

Eine Frau als Konsultorin eines Päpstlichen Rates

Seit 2002 ist die Churer Theologieprofessorin Eva-Maria Faber Konsultorin des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen und seit 2009 Beraterin der Internationalen lutherisch/römisch-katholischen Kommission für die Einheit. In diesen Funktionen war sie massgeblich an der Erarbeitung des Dokuments „Vom Konflikt zur Gemeinschaft“ beteiligt, welches das gemeinsame katholisch-lutherische Reformationsgedenken vom 31. Oktober  in Lund vorbereitet hat. Im Gespräch mit Arnold Landtwing hat sie die Feier von Lund eingeordnet und analysiert.

Unterzeichnung Lund_Screenshot CTV

Was hat sich da in Lund eigentlich zugetragen?

500 Jahre nach der Reformation eröffneten der lutherische Bischof Munib Younan von Jerusalem, der Präsident des Lutherischen Weltbundes ist, und Papst Franziskus gemeinsam (Anm. der Red: Eva-Maria Faber: „gemeinsam mit Ausrufezeichen!“) das Reformationsjahr.

Was hat sich in Schweden Historisches ereignet?

Die Lutheraner wünschten zu ihrem Reformationsjubiläum ausdrücklich, dass die Katholische Kirche mitwirkt - und nicht nur in der Rolle als Beobachterin teilnimmt. Umgekehrt hat Papst Franziskus zugestimmt, selbst Akteur beim Reformationsjubiläum zu sein, es zusammen mit Bischof Younan zu eröffnen. Damit ist die römisch-katholische Kirche in dieses Reformationsjubiläum hineingenommen, dadurch aber auch verpflichtet. Wer hätte vor 100, vor 80, vor 50 Jahren gedacht, dass dies möglich ist?!

Heisst das: Die Schritte aufeinander zu dauerten Generationen?

Es war ein Weg über Jahrzehnte: Gleichzeitig mit dem 500-Jahr-Jubiläum dürfen wir auf 50 Jahre Dialog zwischen der römisch-katholischen Kirche und der lutherischen Kirche zurückblicken. Dieser Dialog begann gleich nach dem II. Vatikanischen Konzil (1962 – 1965).

Sie sind seit vielen Jahren als Beraterin in wichtigen Gremien tätig und haben die Grundlagen erarbeitet. Was hat der Dialogprozess bewirkt?

Ich selbst bin Beraterin der Internationalen Dialogkommission, die auch das Dokument erarbeitet hat, welches dem Anlass von Lund zugrunde gelegt wurde: „Vom Konflikt zur Gemeinschaft“.

Der Dialog hat geholfen, den Konflikt mehr und mehr zurückzulassen und zur Gemeinschaft zu finden. In diesem Zusammenhang kann die Geschichte zwar nicht umgekehrt werden, aber wir können sie neu lesen. Und wir können entdecken (das wurde mehrfach gesagt), dass das, was uns eint, viel mehr ist als das, was uns trennt.

War das besondere Gewicht des Anlasses atmosphärisch spürbar?

Es knisterte schon am Vortag in Lund. Zunächst waren es Äusserlichkeiten: hohe Polizeipräsenz, Strassensperren, natürlich auch viele Kirchenvertreter. In einer fremden Stadt so viele bekannte Menschen auf der Strasse zu treffen, war für mich nicht ganz gewöhnlich …

Mehr und mehr empfand ich auch das Risiko eines solchen Anlasses: beide Seiten setzen sich aus. Warum geht der Papst nicht am 31. Oktober 2017 nach Wittenberg? Diese Frage war sehr delikat. Bereits früh hat mich jedoch die Gegenfrage beschäftigt: Würde dann das Reformationsgedenken nicht allzu leicht in einen päpstlichen Medienevent kippen? Dieses Risiko lauerte aber auch in Lund. Papst Franziskus trat vielleicht deswegen, wie ich fand, ernst und zurückhaltend auf – oder war dieser Ernst Entschlossenheit? Mir wurde die Schwierigkeit seiner Rolle bewusst: ganz da zu sein und doch nicht – wie innerkatholisch sonst selbstverständlich – ganz im Zentrum zu stehen; sich nicht so zu verhalten, als sei er der Papst der Lutheraner.

Der gemeinsame Gottesdienst setze deutliche Zeichen. Welche Perspektiven waren für Sie als Expertin wichtig?

Die wichtigen Perspektiven waren in der Liturgie deutlich erkennbar.

  • Ihr erster (!) Teil war der Danksagung gewidmet: Wir können heute gemeinsam würdigen, was Martin Luther, was die Reformation entdeckt hat und womit sie kulturprägend gewirkt hat – zum Beispiel in neuer Wertschätzung der Schrift oder im Vertrauen auf die Gnadenzusage Gottes.
  • Die dunklen Seiten werden nicht ausgeblendet. Deswegen führte der zweite Teil der Liturgie in einen Bussakt mit Vergebungsbitte. Auf beiden Seiten fehlte in der Geschichte oftmals der Wille, sich überhaupt noch zu verständigen. Es wurde falsches Zeugnis abgelegt. Es ist viel Blut geflossen.

Sehr bewegt hat mich, dass Papst Franziskus jene Worte sprach, welche die Last der Schuld beklagen, weil unsere Vorfahren nicht dem Willen Gottes folgten, dass alle eins sein sollen.

Zum Gleichnis vom Weinstock gab es zwei Predigten – ein Signal für das Festhalten an der Verschiedenheit?

 Im Gegenteil! Als gemeinsames Zeugnis legten der Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes Martin Junge und Papst Franziskus nacheinander das Evangelium vom Weinstock (Joh 15,1-5) aus. In beiden Predigten wurde der Dank für die Reformation ebenso wie die Klage über das Getrenntsein aufgenommen. In beiden Predigten war Entschiedenheit spürbar, den bereits begonnenen gemeinsamen Weg fortzusetzen. Sehr beeindruckend fand ich, wie Martin Junge das in das Bild des Weinstocks kleidete: Wir sind Reben an demselben Weinstock.

Die Selbstverpflichtung nahm viel Raum ein. Ein Fingerzeig für die Zukunft?

Kinder zündeten fünf lange Kerzen an. Dies ist tatsächlich ein Fingerzeig: Es geht um ihre Zukunft, wenn wir uns um eine glaubwürdige Kirche in Einheit mühen. Jede der Kerzen stand für einen der fünf Imperative im Sinn einer Selbstverpflichtung aus dem Dokument „Vom Konflikt zur Gemeinschaft“.

  • Der erste Imperativ: Katholiken und Lutheraner sollen immer von der Perspektive der Einheit und nicht von der Perspektive der Spaltung ausgehen, um das zu stärken, was sie gemeinsam haben, auch wenn es viel leichter ist, die Unterschiede zu sehen und zu erfahren.
  • Der zweite Imperativ: Lutheraner und Katholiken müssen sich selbst ständig durch die Begegnung mit dem Anderen und durch das gegenseitige Zeugnis des Glaubens verändern lassen.
  • Der dritte Imperativ: Katholiken und Lutheraner sollen sich erneut dazu verpflichten, die sichtbare Einheit zu suchen, sie sollen gemeinsam erarbeiten, welche konkreten Schritte das bedeutet, und sie sollen immer neu nach diesem Ziel streben.
  • Der vierte Imperativ: Lutheraner und Katholiken müssen gemeinsam die Kraft des Evangeliums Jesu Christi für unsere Zeit wiederentdecken.
  • Der fünfte Imperativ: Katholiken und Lutheraner sollen in der Verkündigung und im Dienst an der Welt zusammen Zeugnis für Gottes Gnade ablegen.

 

Inwiefern wurde die Frage nach eucharistischer Gemeinschaft thematisiert?

Die Feier mündete in die Unterzeichnung einer gemeinsamen Erklärung durch Bischof Younan und Papst Franziskus. Sie enthält - und das ist bemerkenswert - ausdrücklich einen Hinweis auf den Wunsch, ja die Sehnsucht vieler Menschen nach eucharistischer Gemeinschaft. Und ausdrücklich erkennen die Kirchen ihre gemeinsame pastorale Verantwortung an, auf diesen Hunger und Durst eine Antwort zu geben. Meine Hoffnung ist, dass dies nicht ein leeres Versprechen ist. Es lässt aufhorchen, dass Kardinal Kurt Koch noch in Schweden auf die besondere Situation von konfessionsverbindenden Ehen zu sprechen kam.

Sie reisten von Lund nach Malmö weiter, wo ein weiteres wichtiges Dokument unterzeichnet wurde. Um was ging es da?

Die Fürbitten der liturgischen Feier verlängerten sich gewissermassen in einen zweiten Anlass in der Arena von Malmö. Der sachliche Höhepunkt war die Unterzeichnung eines Kooperationsvertrages zwischen dem Lutheran World Federation’s World Service und Caritas Internationalis. Menschen aus verschiedenen Teilen der Erde gaben Zeugnis von der Not aufgrund von Klimaerwärmung, Krieg, Gewalt. Es wurde deutlich, wie dringlich angesichts solcher Not die Überwindung von konfessionellen Trennungen und Reibereien ist. Insbesondere Syrien war im Blickpunkt.

Beschränkte sich die Feier auf die lutherische und die römisch-katholische Kirche?

Das gemeinsame lutherisch/römisch-katholische Reformationsgedenken in Lund wurde in Anwesenheit anderer ökumenischer Partner gefeiert. So war Christopher Ferguson, Generalsekretär der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen, präsent; ebenso Vertreter orthodoxer Kirchen. Die Gemeinsame Erklärung dankt ihnen für ihr Dasein und bittet sie, „uns an unsere Verpflichtungen zu erinnern und uns zu ermutigen“.

zuletzt verändert: 07.11.2016 14:31