Seelsorgeberufe im Wandel: „Unklar aber spannend“

Rund 60 Seelsorgende aus der gesamten Deutschschweiz sind der Einladung des Pastoralinstituts der Theologischen Hochschule Chur gefolgt und haben sich einen Tag in Zürich lang mit ihrem Rollenbild als Seelsorgende, als die guten Hirten, beschäftigt.
Seelsorgeberufe im Wandel: „Unklar aber spannend“

Generalvikar Annen (rechts) mit einer Arbeitsgruppe. Foto: K. Lenz

Auf dem Prüfstand war das bisher gültige berufliche Selbstverständnis aller Seelsorgeberufe: Wie wird das Berufsbild, die Berufsrolle eines Priesters, eines Ständigen Diakons und einer Pastoralassistentin in Zukunft aussehen? Ein Fazit der Tagung, zu der auch die Konferenz der deutschsprachigen Pastoralamtsleiter (PAL) eingeladen hatte: Noch fehlen überzeugende Vorstellungen für ein attraktives Berufsbild von morgen. Und zwar sowohl für geweihte Priester, für Pastoralassistenten/-assistentinnen und für Diakone, die den neuen Erwartungen an die Seelsorgeberufe gerecht werden könnten.

Umbau des Konzepts Kirche

Zum Einstieg in die Tagung setzte Prof. Rainer Bucher von der Universität Graz eine „Provokation“: „Die Kirche wird gerade von ihrer Konsumentenseite her umgebaut.“ Diese Entwicklung wirkt sich im pastoralen Bereich aus. Vor allem die Priesterrolle hat sich in der Praxis verändert. Der Priester wird – so Bucher – zum „erfolgreichen Vor-Ort-Manager einer sich in der Krise befindlichen Religionsgemeinschaft“  und zerbreche an den ganz unterschiedlichen Erwartungen, die ihm aus dem Volk Gottes entgegenschlagen, die Hoffnung von Gläubigen und auch Nichtgläubigen auf religiös-therapeutische Lebensbegleitung. Das Fazit des Grazer Professors: „Die bisherigen Berufsrollen und -bilder werden nicht mehr existent sein“. Aber – und da kam Papst Franziskus in Spiel: Denn auch der Papst nehme seine Berufsrolle nicht auf herkömmliche, bisher gewohnte Art wahr, sondern gestalte und inszeniere sie kreativ und sitautiv neu. Das ermögliche Offenheit und Veränderungen, die den Theologen persönlich „berauschen“, also euphorisch stimmen, aber sich noch „im Nebel befänden“.

Der Beruf der Pastoralassistent/inn/en stehe für den Volk-Gottes-Charakter der Kirche, denn „seine Träger/innen sind Laien und haben ein wirkliches Laienamt. Sie haben das Glück, nicht in die hierarchische Versuchung verstrickt zu sein“.

Der Ständige Diakon, zumeist verheiratet, „also sexuell aktiv und gleichzeitig Kleriker und liturgisch am Altar tätig“, konfrontiere die katholische Kirche mit ihrer eigenen heiklen Einstellung zum Verhältnis von Sexualität und Kult. Die Ständigen Diakone müssten damit umgehen, „gewollt, aber irgendwie nicht ganz gleichrangig zu sein“, so werden sie „von den Laien zu den Klerikern gerechnet, von diesen aber dann doch nicht von gleich zu gleich behandelt“.

Ein grosses Augenmerk legte Bucher auch auf die Ehrenamtlichen, die Freiwilligen, die sich für das Wohl der Kirchgemeinden und Pfarreien einsetzen.  Sie seien nicht „Lückenbüsser / Lückenbüsserinnen im krisenhaften professionellen System Kirche. Das entspreche nicht der Würde der Gläubigen als Mitglieder des Volkes Gottes. Auch sie seien Träger des Geistes." In allem aber zählt aus Buchers Sicht: Vertrauen in das Volk Gottes!

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Diskussionen und Austausch

Stimmen von Theologinnen / Theologen sowie weiteren kirchlich Engagierten aus ganz verschiedenen Richtungen folgten am lebhaften Vormittag, der viele Denkanstösse lieferte. Themen waren die „Kirche und der Markt und ihre Konsumenten, die die Ziele bestimmen sollten“, die Sichtbarkeit der Kirche oder auch das Selbstverständnis der Seelsorginnen und Seelsorger, bei dem Kompetenz nach Aussen zählt und nicht das Selbstverständnis nach Innen.

Der Grazer Professor Rainer Bucher beschloss den Morgen bewusst mit einer Provokation: „Sie schonen sich – die Situation ist zu ernst, als dass Sie das dabei belassen könnten.“

Pragmatismus statt Wehklagen

Ein ganz pragmatisches Wort sprach wie so oft der Zürcher Generalvikar Josef Annen: „Egal, was ist und wie die Rollenbilder heissen - ständiger Diakon oder Pastoralassistentin - wer authentisch, nah bei den Menschen und nah bei Jesus ist, erfüllt seine Aufgabe.“

Denkanstösse zu professionellen Laien und der Vielfalt im pastoralen Dienst

Arnd Bünker, als Leiter der SPI St. Gallen Mitveranstalter der Tagung, eröffnete den Nachmittag als Redner: Er forderte eine Neuausrichtung der Seelsorgeberufe, da es unterschiedliche Erwartungen und Bedürfnisse an die Seelsorge gebe. Das Bild der Seelsorgenden (wie zum Beispiel in Fernsehserien wie „Um Himmels willen“) sei ein sehr traditionelles, moderne Bilder fehlten vollständig – auch von der Kirchenseite her. Die Personen selbst seien gefragt, ihre Identität festzulegen. Und das auf eigenes Risiko sowie mit hoher persönlicher Belastung.

Eva-Maria Faber, Rektorin der Theologischen Hochschule Chur, konstatierte eine grosse Bereitschaft des pastoralen Personals auch in „ambivalenten Verhältnissen“ zu arbeiten. Sie lobte die Vielfalt, welche die Laien mit einbrachten, aus der „so viel Gutes entstanden sei“. Andererseits betonte sie aber auch die Wichtigkeit der Ausbildung: „Theologische Kompetenz spielt eine grosse Rolle, mit dieser müssen wir sorgsam umgehen“.

Adrian Loretan, Kirchenrechtler und Theologe von der Universität Luzern, betonte die Besonderheit der Kirche und verwies auf die vielfältigen Möglichkeiten, die das Kirchenrecht bietet. Viele Ausnahmeregelungen sind möglich, durch gewachsene Strukturen, die ein grosses „Hoffnungszeichen seien“. Es sei schwierig den Nachwuchs zu motivieren, ohne eine klares Rollenverständnis weitergeben zu können.

Eine engagierte Schlussrunde aller Teilnehmenden beschloss den vielschichtigen Tag.

zuletzt verändert: 02.03.2015 12:54