«Noch mal leben vor dem Tod»

Wie reagieren Besucher auf die Fotos von Leben und Tod? Viviane Schwizer fragte sie an der Vernissage der Ausstellung «Noch mal leben vor dem Tod» - und erhielt erstaunliche Antworten.
«Noch mal leben vor dem Tod»

Foto: Viviane Schwizer

Etwas Inneres zum Ausdruck bringen

DSC07871mueller16 miStefan Müller, 43, war zuerst erschüttert, als er sich mit den grossformatigen Fotos von Walter Schels und den Texten von Beate Lakotta in der Ausstellung in der Limmat Hall Zürich konfrontiert sah. Er erlebte, dass mit den Portraits der sterbenden und verstorbenen Personen etwas Inneres zum Ausdruck gebracht würde. Er fühlte sich mit dem Tod konfrontiert. Im zweiten Anlauf spürte er den Respekt des Fotografen vor der Situation und vor den Menschen sowie den meisterhaften Umgang mit Form, Licht und dem richtigen Augenblick. Das empfand er als wohltuend. Ob er sich selber als Sterbender fotografieren lassen würde, weiss er noch nicht. Das müsste er noch überlegen.
Kontakt mit Verstorbenen und Menschen in der Endphase hat er auch beruflich. Er ist Musiker und spielt als Organist an Beerdigungen. Zusammen mit einem Kollegen gibt er auf der Palliativabteilung eines Spitales Konzerte. In einem Angebot, das sich "Musikalisches Fenster" nennt, spielen die beiden "Bach ganz leise". Die Patienten, aber auch die Angehörigen und das Personal schätzen die Darbietung auf der Station, denn sie spüren: Musik fängt dort an, wo das Wort aufhört.  

 

Glaube an eine lichtvolle Welt nach dem Tod

DSC07862josef annen16Für Generalvikar Josef Annen, 71, haben die gezeigten Fotos in der Ausstellung nichts Befremdendes. Er kenne solche Situationen aus der Seelsorge. Beim Betrachten der Bilder kämen aber viele Erinnerungen an sterbende und verstorbene Menschen in ihm auf. Als Priester lebe er aus dem Glauben, dass nach dem Sterben und nach dem Tod eine andere lichtvolle Welt komme. Der Generalvikar spricht von Vollendung. Er meint, in den Gesichtern der Toten Entspannung zu sehen. Nun hätten sie es geschafft, der Todeskampf sei überstanden. Er hätte auch keine Mühe, sich selber beim Sterben oder nach dem Tod fotografieren zu lassen, wenn dies anderen helfe. Er hätte auch Fotos von seinen toten Eltern als letzte Erinnerung. Die Mutter hätten er und seine fünf Geschwister während ihrer Krankheit und in der Sterbephase abwechslungsweise zu Hause rund um die Uhr betreut. Das sei selbstverständlich gewesen. Dass das Sterben heute in speziellen Häusern abgeschirmt von den Lebenden stattfindet, erschwere den Zugang zu Sterben und Tod. Er könne aber nicht sagen, dass glaubende Menschen leichter sterben. Jeder und jede sterbe den eigenen Tod. Wie das letzte Wegstück erlebt werde, hänge von verschiedenen Faktoren ab.

 

Das Gespräch beizeiten suchen

DSC07864beata frickBeata Frick, 64, gefällt es, dass die Ausstellung eine Würde ausstrahlt, die dem Thema gerecht werde. Sie sei keine Show, niemand werde ausgestellt. Die Pflegefachfrau, die in einer Pflegeabteilung für Menschen, die Betreuung brauchen, arbeitet, hat auch eigene tiefgreifende Erfahrungen mit dem Tod: Vor 12 Jahren ist ihr Mann an Krebs gestorben. Sie meint, dass sie sich als Paar damals zu sehr “geschont“ hätten und den bevorstehenden Tod nur sachlich mit Fragen wie Erdbestattung oder Kremation usw. thematisiert hätten. Über die Gefühle und die Trauer hätten sie nicht gesprochen. Heute würde die Witwe dies anders machen. Froh ist sie aber, dass sie ihren Mann auf dessen Wunsch hin nach Hause genommen hat. Das sei gut gewesen. Auch mit den erst halbwüchsigen Söhnen sei das Gespräch in der Sterbephase nicht einfach gewesen. Das Jahresgedächtnis sei aber wieder eine Möglichkeit, sich an den Ehemann und Vater zu erinnern. Sie würde sich nach ihrem Tod schon fotografieren lassen, sagt die Pflegefachfrau: Das würde aufzeigen, dass es nach dem Tod eine Ruhe und eine Zufriedenheit gebe, wie sie es erwarte. Sie glaube an eine Erlösung: Für sie gebe es definitiv eine jenseitige Dimension. Wichtig ist für sie zu akzeptieren, dass das Leben ihres Mannes beendet sei, ihr eigenes jedoch weitergehe.

 

Im Glauben Halt und Zuversicht finden

DSC07874Pascal steckPascal Steck, 42, hat einen besonderen Bezug zu   «Noch einmal leben vor dem Tod». Er baut die Ausstellung an den verschiedenen Orten jeweils auf und wieder ab. Er sagt, dass ihn das Betrachten der Fotos der sterbenden und verstorbenen Personen  zu Beginn sehr aufgewühlt habe. Er merkte dies sogar körperlich: Er erzählt, dass er einen ganz heissen Kopf bekommen habe und es ihn besonders beim Betrachten der Foto vom sterbenden Kind richtig «gefroren» habe. Er wurde sich bewusst, dass es nicht nur um das blosse Philosophieren rund um den Tod ging, sondern dass das Sterben für jeden und jede einmal zur Realität wird. Er weiss aber aus persönlicher Erfahrung auch, dass das Gespräch über den Tod leichter wird, wenn man den Sterbeprozess und die Sterbebegleitung einer lieben Person einmal «durchgestanden» hat. Auch im Glauben findet er Halt. Es trägt ihn, wenn er seine Sorgen Gott anvertrauen kann, auch wenn ihn das nicht von Tiefs im Leben wegrückt. Sich beim Sterben oder nach dem Tod fotografieren zu lassen, kann er sich vorstellen. Er sei da nicht so heikel. Und wenn dieser fantastische Fotograf der Ausstellung die Bilder realisieren würde, wäre es für ihn erst recht okay, lobt er.

 

Sterben in jungen Jahren

DSC07873regula kolar16Regula Kolar, 34, Sozialwissenschaftlerin, war an der Vernissage der Ausstellung begeistert von den ästhetisch schönen Fotos in Grossformat, die sie beeindruckten. Deprimiert war sie nicht von den Bildern, hingegen beschäftigten sie die zugehörigen Lebensgeschichten stark: Besonders die festgehaltenen Eindrücke des Kleinkindes mit Hirntumor und die Bilder von Mutter und Kind, die beide an Krebs erkrankt waren und deren Lebensspanne daher absehbar war, regten sie zum Nachdenken an. Kind und Mutter starben kurz hintereinander. Am Leben blieb der Ehemann und Vater und der jüngere Bruder des Sechsjährigen. Der Besucherin, selber Mutter von zwei Kleinkindern wurde bewusst, dass der Tod jederzeit zuschlagen kann, dass er also nicht zwingend erst im Alter anklopft.

Im Sterben und nach dem Tod fotografiert zu werden, kann sie sich durchaus vorstellen. Sie fügt hinzu, dass sie auch Organspenderin sei. Auch in diesem Bereich sei sie offen. Dank Bildern werde der Tod ein Stückweit enttabuisiert. Eng kirchlich eingebunden sieht sich die junge Frau nicht. Der Glaube, dass er Tod aber nur eine Zwischenstation sei und die Seele in irgendeiner Form weiterlebe, sei für sie aber eine Hilfe.

 

Text und Bilder: Viviane Schwizer

Ausstellung «Noch mal leben vor dem Tod»
8. Oktober bis 18. November 
Fotos von Walter Schels und Texte von Beate Lakotta
Limmat Hall Zürich, Hardturmstrasse 122, Tram 17 bis Förrlibuckstrasse

Weitere Informationen, siehe: www.noch-mal-leben-zuerich.ch

zuletzt verändert: 11.10.2016 11:53
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