«Ich schöpfe sehr viel Kraft in der Seelsorge»

Pfarrer Franz Stampfli ist 80 geworden. Die Kommunikationsstelle der Katholischen Kirche im Kanton Zürich hat sich mit ihm über seinen Werdegang, seine Aufgaben und Erfahrungen sowie seine Leidenschaften unterhalten.
«Ich schöpfe sehr viel Kraft in der Seelsorge»

Franz Stampfli einen Tag vor seinem Geburtstag (18.11.) auf dem Balkon im 5. Stock des C 66 bei 17 Grad Celsius: «Es gibt nichts, was es nicht gibt - auch in der Seelsorge!» Foto: Aschi Rutz

Franz Stampfli ist mit einem trockenen Humor gesegnet: Die Frage bei der Begrüssung zum Gespräch «Wie geht es Dir?» beantwortet er selbstironisch: «Bösen Leuten geht es immer gut.» Er fühle sich mit seinen 80 Lebens- und 54 Priesterjahren tatsächlich gut, auch wenn der Körper schneller müde werde. «Ich schöpfe sehr viel Kraft, wenn ich gebraucht werde und den Menschen dienen kann. Und das kann ich noch immer.»

Geboren und aufgewachsen ist Franz Stampfli in der Stadt Zürich, in der Pfarrei Bruder Klaus. Sein Vater war Einwanderer aus dem Kanton St. Gallen und verdiente sein Geld als freier Journalist. Es war eine Zeit, als die Katholische Kirche im Kanton Zürich noch einen rein privatrechtlichen Status hatte.

Franz Stampfli: Aus dieser Minderheitsposition heraus musste ich mich als Katholik behaupten und pflegte bereits in der Primarschule und am Gymnasium den Kontakt zu Menschen anderer Religionsgemeinschaften, damals besonders zu jüdischen Mitschülern. Mit den noch lebenden Mitschülern an der Kantonsschule (heute Rämibühl) treffe ich mich noch heute jährlich einmal. Die katholische Kirche bot mir zudem als Bube und Jugendlicher mit ihrem Religionsunterricht, den Gottesdiensten, dem Mittun als Ministrant und in der Jungmannschaft die wichtigste Abwechslung. Mir wurde noch vermittelt, dass Reformierte nicht in den Himmel kommen. Toleranz und Offenheit lernte ich erst später beim Studium – zwei Jahre in Innsbruck (1955-57) und vier Jahre in Chur. 1961 weihte mich Bischof Johannes Vonderach zum Priester.

Sein Jugendpfarrer Hans Henny war es, der Franz Stampfli als einer von insgesamt vier Vikaren in die Pfarrei Zürich-Liebfrauen holte. Als wichtigste Aufgaben wurde ihm die Verantwortung als Präses über den Blauring und als Seelsorger am Kantonsspital übertragen. 1968 wurde er Pfarrer der Kirchgemeinde Affoltern am Albis.

Die Zeit im Säuliamt war grossartig. Als Pfarrer konnte ich viel gestalten und ökumenisch bewegen. Wir engagierten uns gemeinsam an den Schulen, im Spital und in den Gemeinden. Ich feierte in reformierten Kirchen Gottesdienste – und das waren immerhin die ersten seit der Reformation!

Es kam die Zeit des Wirkens am Generalvikariat.

Franz Stampfli (links) hat drei Generalvikaren gedient: Josef Annen, Weihbischof em. Paul Vollmar und Weihbischof em. Peter Henrici (von rechts)

Zum dritten Mal in meinem Leben drückte mir Hans Henny, inzwischen Zürcher Generalvikar, seinen Stempel auf. Ohne Stellenbeschrieb und Anstellungsvertrag übertrug er mir ab 1973 mit der Spital-, Gefängnis- und Migrantenseeslorge den Bereich der Kategorialseelsorge. Und das blieb ich während den nächsten 20 Jahren, ab 1980 unter Generalvikar Gebhard Matt.

1990 wurde Wolfgang Haas Nachfolger des zurückgetretenen Bischofs Johannes Vonderach. Haas verweigerte Gebhard Matt die Bestätigung und setzte über Nacht Christoph Casetti als dessen Nachfolger ein, der von der Zürcher Kirche ausgesperrt wurde.

Pfarrer Franz Stampfli (links) und Weihbischof em. Peter Henrici (Mitte) kennen sich seit 71 Jahren.

Ich leitete interimsweise das Generalvikariat bis ins Frühjahr 1993. Mit der Entsendung von zwei Weihbischöfen ins Bistum Chur durch Papst Johannes Paul II. wurde Weihbischof Peter Henrici dann neuer Generalvikar für die Kantone Zürich und Glarus und damit mein Chef. Wir beide kennen uns seit 1944! 1995 übernahm ich als Pfarrer die Stadtzürcher Kirchgemeinde St. Peter und Paul, ohne aber mein Mandat beim Generalvikariat für die Migrantenseelsorge aufzugeben. Zehn Jahre später holte mich Weihbischof und Generalvikar Paul wieder ins Generalvikariat und machte mich zum vollamtlichen Bischöflichen Beauftragten für die Migrantenseelsorge. Die Hauptverantwortung für dieses Amt gab ich 2006 an Luis Capilla ab, blieb der Migrantenseelsorge aber weiterhin verbunden.

Pfr. Franz Stampfli mit seinem Nachfolger Msgr. Luis Capilla als Bischöflicher Beauftragter für die Migrantenseelsorge.  

Zusätzlich zu seinen Aufgaben als Pfarrer einer Gemeinde oder als Mitarbeiter im Generalvikariat übte Franz Stampfli in den letzten knapp 50 Jahren weitere Funktionen aus. So amtete er u.a. als stellvertretender Verwaltungsratspräsident der Neuen Zürcher Nachrichten, war während rund 20 Jahren Informationsbeauftragter des Bistums Chur, wirkte ab 1964 bis zur Jahrtausendwende als Armeeseelsorger, rief in Tunnels im Kreise von Bauarbeitern die heilige Barbara als Schutzpatronin an und vertrat bis 2015 die Katholische Kirche im Kanton Zürich im Zürcher Forum der Religionen.

An die vielen Stunden im Militär und die unterschiedlichsten Gespräche mit Menschen denke ich sehr gerne zurück. Hier bin ich stets respektvoll behandelt worden, ganz im Gegensatz zur Kirche. Immer aufs Neue war ich jeweils am 4. Dezember beeindruckt vom Glauben der Mineure, Sprengmeister, Artilleristen, Tunnelbauer und Feuerwehrleuten an die Kraft der heiligen Barbara. Das letzte Mal durfte ich an der Feier der Zürcher Durchmesser-Linie dabei sein. An diesem Tag ruht die Arbeit auf den Tunnelbaustellen und ein Bauarbeiter trägt eine Statue der Heiligen auf dem Arm.   

Franz Stampfli ist mit seinen 80 Jahren vielen Menschen begegnet. An drei herausragende Persönlichkeiten erinnert er sich speziell.

Da ist einmal mein reformierter 4.-6.-Klasslehrer Hans Kindlimann. Er wirkte auf uns Schüler als seriöser und zugleich lebenslustiger Lehrer alter Prägung mit viel natürlicher Autorität. Für mich war sehr beeindruckend zu sehen, mit welcher Hingabe er jeweils zum Abendmahl ging.

Alfred Teobaldi galt nicht nur durch seine äussere Erscheinung, sondern auch mit seinem geschickten und hartnäckigen Kampf für die Anerkennung der Katholischen Kirche im Kanton Zürich als grosse Autorität. Von ihm, der nicht akzeptieren konnte, dass die Katholiken keine richtigen Schweizer sein sollen, weil sie auf den Papst und nicht auf den Bundesrat hören würden, ist folgende Geschichte überliefert: Anlässlich des ersten Zürifäschts 1951 mit dem 600-Jahr-Jubiläum der Zugehörigkeit des Kantons Zürich zur Eidgenossenschaft war eine offizielle Einladung der katholischen Kirche durch den Regierungsrat nicht vorgesehen. Teobaldi habe dies nicht auf sich beruhen lassen wollen. Seine guten Beziehungen zur Regierung kamen ihm dabei zugute. So habe er der Regierung unmissverständlich zu verstehen gegeben: Dann können wir nicht läuten!

Eindruck gemacht hat Stampfli auch der Politiker Urs Bürgi. Dieser sass als erster Katholik für die Christlich Soziale Partei CSP im Zürcher Regierungsrat.

Auch er hat sich mit grossem Engagement für die Anerkennung der katholischen Kirche eingesetzt. Was ihn aber speziell ausgezeichnet hat, war seine Offenheit vor allem auch der Jugend gegenüber.

Über 30 Jahre wirkte Franz Stampfli auf dem Generalvikariat Zürich. 

Obwohl kein streitbarer Priester hat Franz Stampfli sein Kirchenverständnis immer wieder beherzt vertreten. Das hat ihm Sympathie bei der Basis und einigen Ärger bei der Obrigkeit eingetragen. So galt er während des innerkirchlichen Konflikts zwischen Chur und Zürich als Symbolfigur des Widerstands. Noch heute gibt es Anfeindungen wegen der Geschichte im Grossmünster, wo Stampfli 2004 im Auftrag des Churer Bischofs Amédée Grab am Bullinger-Gedenkgottesdienst teilnahm. Seite an Seite mit den beiden Grossmünster-Pfarrern, dem Kirchenratspräsidenten Ruedi Reich und dem Präsidenten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, Thomas Wipf.

Es war damals eine spontane Entscheidung und nicht als Provokation gedacht. Ich stehe dazu: Ich war dort und habe den Gläubigen den Kelch mit dem Abendmahlwein gereicht. Ich weiss natürlich, dass dies kirchenrechtlich nicht vorgesehen ist. Ich weiss auch, dass in Rom von mir eine Fiche existiert. Darin wird wohl auch aufgeführt sein, dass ich 2007 als einziger Domherr in Chur die Bischofswahl aufgrund der Kandidaten-Farce verweigert habe.

Die Entwicklung der katholischen Kirche löst bei Franz Stampfli gemischte Gefühle aus.

Die Arbeit in der Migrantenseelsorge bringt mit sich, dass mir Muslime keine Angst machen, im Gegenteil. Wir brauchen Muslime und andere Religionsgemeinschaften. Sie schärfen unsere Identität. Terror ist eine andere Sache …

Es ist auch so, dass wir alten Priester weiter arbeiten in der Nachfolge von Jesus, unabhängig der Obrigkeit. Bei den Jungen stelle ich vielfach fest, dass sie sich zu stark an der Hierarchie und weniger an den Menschen orientieren. Papst Franziskus ist insofern ein Hoffnungsträger, als er nicht allein bestimmen will, was gilt oder gelten soll. Er will offensichtlich Einiges an die Ortskirchen delegieren und dem Gewissen des einzelnen Menschen überlassen. Er tut dies meiner Meinung nach ganz im Sinne des Evangeliums, das eine befreiende Botschaft verkündet und mit weniger Vorschriften und Regeln daherkommt. Jesus ging ja auch vom Menschen mit seinen Anliegen, Sorgen, Wünschen und Hoffnungen aus.

Und was wünscht Franz Stampfli der Katholischen Kirche im Kanton Zürich für die Zukunft?

Ich greife ein Wort von Teobaldi aus den 50er Jahren auf: Werdet katholischer und zürcherischer! Katholischer im Sinne von umfassend, umschliessend, jesuanisch eben. Und zürcherischer im Sinne von Zürich als Heimat, als lebendiger multikultureller Einwanderer-Kanton.

Zu Franz Stampflis Leidenschaften zählen das Reisen und die Sprachen. Mit italienisch, französisch, englisch, spanisch, portugiesisch und neugriechisch spricht und versteht er mehrere Fremdsprachen.

Franz Stampfli (links) mit seinem Bruder Arnold Stampfli.

Es ist schön, dass ich mich mit vielen anderssprachigen Menschen direkt verständigen kann. Das kommt mir auch beim individuellen Reisen zugute. Eine grössere Reise führte mich vor 40 Jahren nach Thailand und Burma, sehr oft bin ich in Griechenland. Speziell faszinieren mich beim Reisen die Eisenbahnfahrten. Sehr interessiert bin ich auch an der Politik und an der Medienarbeit: In Erinnerung bleibt das Fabrizieren einer handgeschriebenen Zeitung auf Makulatur-Papier, zusammen mit meinem Bruder Arnold Anfang der 40er Jahre.

Aktuell ist Franz Stampfli Pfarradministrator in den beiden Kirchgemeinden Herrliberg und Zürich-St. Franziskus. Fast jedes Wochenende feiert er in einer der beiden Pfarreien zwei oder drei Gottesdienste.

Was ich gemerkt habe: In den letzten Jahren bereiten mir die Gottesdienste und die Predigten zunehmend mehr Freude. Ich werfe aber jeweils im Anschluss an die Gottesdienste das Manuskript zur Predigt weg. Meine Haushälterin hat von mir nie zu hören bekommen: Neu's Hömmli, alti Predigt!
Als Pfarradministrator bin doch sehr eingebunden. Ich schöpfe sehr viel Kraft, wenn ich mit Menschen zusammen bin und arbeite und sehe, dass ich gebraucht werde. Im Dienst am Menschen gehe ich auf. Ich sehe die Seelsorge als meine Berufung und kann bestätigen, was mir einst der damalige Regens mit auf den Weg gab: Es gibt nichts, was es nicht gibt – auch in der Seelsorge! So bin ich glücklich, dass ich im kommenden Frühling für zwei Wochen nach Griechenland reisen kann …

(Gespräch: Aschi Rutz) 

Wir wünschen Franz Stampfli viel Glück, gute Gesundheit und inspirierende Begegnungen.

 

 

zuletzt verändert: 24.11.2015 18:54