Aktuell im forum: Ein Traum von Weihnachten

Martin Luther King war am Ende seiner Rede angelangt, als ihm Mahalia Jackson zurief: «Tell’em about the dream, Martin!» Und durch die Improvisation, die nun folgte, ging diese Rede vom 28. August 1963 in die Geschichte ein.

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Martin Luther King improvisierte an diesem Tag derart mitreissend, dass das, was eigentlich nur ein Anhang sein sollte, zum Titel der gesamten Rede wurde: «I Have a Dream.»

Dieses Sinnbild wählte Luther King bei aller Spontaneität sehr bewusst. Nicht nur, dass er damit an den «American Dream» erinnerte und seine Erneuerung und Erweiterung einforderte. Er schlug als Baptistenpastor auch ganz bewusst die Brücke zur Bibel.

Als intensivsten biblischen Träumer kennen wir Josef, einen der Stammväter Israels. Wir erinnern uns aber auch an die Träume bei Jakob, Daniel, Hiob, Samuel, Gideon und Salomo.

Die biblischen Träume sind alles andere als Schaumschlägerei. «Wenn es bei euch einen Propheten gibt, so gebe ich mich ihm in Visionen zu erkennen und rede mit ihm im Traum», spricht Gott im Buch Numeri.

Was Martin Luther King verkündet, ist also keine Phantasterei. Wenn er «I have a dream» sagt, dann folgt nach seinem Verständnis das Wort Gottes. Und deshalb wird auch seine Sprache urplötzlich biblisch: «Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht und jeder Hügel und Berg erniedrigt werden. Die unebenen Plätze werden flach und die gewundenen Plätze gerade, und die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden und alles Fleisch miteinander wird es sehen.»

Martin Luther King spricht inbrünstig von Hoffnung, Glaube und Gebet. «I Have a Dream» war nicht nur eine politische Rede. Sie war auch die Rede eines Propheten im biblischen Sinn.

Gerade deshalb mutet es seltsam an, dass Martin Luther King seine Rede einen Monat später urheberrechtlich schützen liess. Denn eigentlich legt er mit dem Ende seiner Rede auch seine Autorenschaft ab. Er wirft nicht länger seine eigene Autorität in die Waagschale, sondern die Autorität Gottes und wird damit vom Redner in eigener Sache zum Sprachrohr Gottes.

Träume haben in der Bibel eine grosse Autorität. Sie vermitteln Einsicht, Umkehr, Tatkraft. Und sie gelten als Wort Gottes. Wenn also Mordechai im Buch Ester träumt, dann überlegt er danach den ganzen Tag «was Gott wohl beschlossen habe, und versuchte, auf jede nur mögliche Weise den Traum zu verstehen».

Diese Träume haben allerdings so ihre Tücken. Auch das verschweigt die Bibel nicht. Sie kennt Albträume: «Wer zu viel nachdenkt, träumt schlecht!» – Und Gott selbst warnt vor Missbrauch: «Ich habe gehört, was die Propheten reden, die in meinem Namen Lügen weissagen und sprechen: Einen Traum habe ich gehabt, einen Traum.»

Und doch gilt grundsätzlich, was im Buch Hiob steht: «Im Traum, im Nachtgesicht, wenn tiefer Schlaf auf die Menschen fällt, im Schlummer auf dem Lager, da öffnet er der Menschen Ohr und schreckt sie auf durch Warnung, um von seinem Tun den Menschen abzubringen, den Hochmut aus dem Manne auszutreiben, seine Seele vor dem Grab zu retten, sein Leben davor, in den Todesschacht hinabzusteigen.»

All das muss man im Blick haben, wenn man von den drei Träumen in der Weihnachtsgeschichte liest. Josef, der Mann Marias, träumt gleich zweimal. Das eine Mal fordert ihn ein Engel auf, Maria als Frau zu behalten, obwohl sie schwanger ist, ohne je mit ihm geschlafen zu haben. Dann erscheint ihm ein weiterer Engel im Traum, der ihm befiehlt, mit Maria und dem Kind nach Ägypten zu fliehen.

Und auch die Sterndeuter, unsere Heiligen Drei Könige, werden im Traum gewarnt, nicht mehr zu Herodes zurückzukehren. Es ist also Gott direkt, der sich im Traum bemerkbar macht. Er greift mit seiner Autorität ordnend und rettend in die Geschichte ein.

Erst in den letzten Jahrzehnten hat die Wissenschaft entdeckt, wie wichtig Träume für unser Wohlergehen sind. Die sogenannte REM-Phase wurde 1953 von Eugene Aserinsky entdeckt. Sie wird heute oft «Traumphase» genannt. In dieser Schlafphase bewegen sich die Pupillen schnell (Rapid Eye Movement) und die Muskeln werden extrem schlaff. Dennoch steigt der Energiebedarf, weil unser Hirn in dieser Phase doppelt so stark durchblutet wird wie sonst.

Das wird von vielen Wissenschaftlern so erklärt, dass in der Traumphase unser Hirn neu geordnet wird. Eindrücke des Tages werden verarbeitet. Wichtiges wird von Unwichtigem getrennt. Verknüpfungen hergestellt. Und so wird auch Platz für neue Eindrücke geschaffen.

Wenn wir am Schlaf und damit am Träumen gehindert werden, dann treten als erste Symptome Schreckhaftigkeit, Reizbarkeit, Misstrauen, Gedächtnisprobleme und unzuverlässige Wahrnehmung auf. Nach sechzig Stunden Schlafentzug folgen vermehrt Halluzinationen und Sinnestäuschungen. Das alles sind Zeichen eines in Unordnung geratenen Geistes.

Obwohl Träume in der Bibel nicht zwangsläufig mit Schlafen verbunden sind, erinnern sie in ihrer fantastischen Bildhaftigkeit an unsere eigenen Nachtträume. Und sie sind genau wie diese deutungsbedürftig. Daniel wird von Arjoch bei Nebukadnezar mit den Worten eingeführt: «Ich habe unter den verschleppten Juden einen Mann gefunden, der dem König die Deutung des Traums geben will.»

Der Schlaf schafft also nicht nur Ordnung, er gibt uns in seinen Träumen neue Rätsel auf. Als ob das Hirn in der REM-Phase Dinge entdecken würde, die ebenso wichtig wie ungeklärt sind. Man kann sich den Traum dann wie eine Konfliktwarnung beim Synchronisieren von Computern vorstellen: «Bitte klären, damit ich korrekt verknüpfen und ablegen kann!»

Auch Weihnachten ist und bleibt ein Traum. Allerdings einer, wie ihn Martin Luther King in seiner Rede beschwört. Einer also, den letztlich nur Gott wahrmachen kann. Und vielleicht kommt es auch vom Träumen, dass wir gerade an Weihnachten immer wieder dieses grosse Bedürfnis nach Ordnung verspüren. Wir möchten ein Licht zu unserer Orientierung entdecken. Möchten in unserer Familie Eintracht realisieren. Möchten alte Streitigkeiten hinter uns lassen. Möchten aufgeräumt ins neue Jahr starten. Möchten im Frieden mit uns und der Welt leben. Möchten das Träume wahr werden.

Damit werden die letzten Worte der Rede von Martin Luther King zur Weihnachtsbotschaft: «Wenn wir erlauben, dass die Glocken der Freiheit läuten, und wenn wir sie in jedem Dorf und jedem Weiler, in jedem Staat und jeder Stadt läuten lassen, dann werden wir diesen Tag schneller erleben, wenn alle Kinder Gottes, schwarzer Mann und weisser Mann, Juden und Christen, Protestanten und Katholiken, sich an den Händen halten und die Worte des alten Negrospirituals singen: ‹Endlich frei, endlich frei. Danke Gott, Allmächtiger, wir sind endlich frei!›»

 

Text: Thomas Binotto

zuletzt verändert: 03.01.2018 10:36