Heisse Diskussion in kühler Wasserkirche

Die frühere Sozialvorsteherin Monika Stocker fährt dem Nationalheiligen Niklaus von Flüe und seiner Ehefrau Dorothee Wyss ziemlich an den Karren. Das bleibt nicht ohne Widerspruch.
Heisse Diskussion in kühler Wasserkirche

Zwiegespräch von Monika Stocker mit Dorothee Wyss in der Wasserkirche

Es sollte eine Art Zwiegespräch werden zwischen zwei Frauen, am 2. August mittags in der Wasserkirche in Zürich: Hier Monika Stocker als emanzipierte, artikulationsmächtige Frau aus dem 21. Jahrhundert – dort die wortlose Dorothee Wyss im Schatten eines berühmten Mannes Mitte des 15. Jahrhunderts.

Kritische Fragen an Dorothee Wyss

Die frühere Zürcher Sozialvorsteherin hatte sich vorgestellt, wie es wäre, der Ehefrau von Niklaus von Flüe auf den Zahn zu fühlen: Ob sie das alles so gewollt hätte – so man(n) sie denn gefragt hätte: Als Teenager verheiratet zu werden, zehn Kinder zu gebären – und schliesslich sitzen gelassen zu werden. 

Bruder Klaus: Eremit oder Egoist?

Eine gewollt polemische Sicht auf die Geschichte: Was war er nun, Niklaus von Flüe, der Grossbauer und Ratsherr, der mit 50 Jahren Frau und zehn Kinder verliess - ein Eremit oder ein Egoist? 

Tägliche Mystik vieler Frauen

Monika Stocker hat eine klare Meinung: Anerkennung gebühre vor allem Niklaus‘ Ehefrau Dorothee Wyss. Es sei schliesslich sie gewesen, die die Konsequenzen zu tragen gehabt habe. Sie sei die eigentliche Heilige, weil sie ora und labora unter einen Hut gebracht habe. Diese Art der täglichen und im realen Leben verankerten Mystik vieler Frauen werde generell zu wenig gewürdigt.

Die Meinungen zu dieser These gingen in der proppenvollen Wasserkirche weit auseinander: Darf man so auf die Ereignisse vor 600 Jahren schauen? Ist das nicht Missbrauch? Oder ist womöglich jede Sichtweise eine Projektion, weil wir nicht wissen, was war – und was die Menschen damals warum taten und was sie dabei dachten? Darf man einen Heiligen kritisieren? Und warum regt uns diese Geschichte heute noch so an – und auf?

Zahlreich waren vor allem Frauen an diesem Sommertag gekommen, um solche Fragen zu diskutieren. Die von Susanne Schmugge moderierte Debatte war hitzig, die Temperatur in der Wasserkirche näherte sich der Sommerwärme draussen. Beim anschliessenden Apéro gabs zumindest Kühlung für die Kehlen.

zuletzt verändert: 28.08.2017 09:58 abgelaufen
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