Gläubige sind der Kirche voraus

An diesem Sonntag spricht Papst Franziskus zwei seiner Vorgänger heilig: Papst Johannes Paul II. und Papst Johannes XXIII.
Gläubige sind der Kirche voraus

Relief Johannes XXIII. am Kölner Dom. FOTO: Willy Horsch

Beide Päpste haben die Kirchengeschichte in den vergangenen 50 Jahren geprägt wie kaum ein Papst zuvor. Beiden zur Ehre der Altären erhobenen Päpsten gemeinsam ist, dass sie von den Gläubigen bereits kurz nach ihrem Tod als echte Vorbilder des Glaubens galten. Als Christen glauben wir, dass Gottes Heiliger Geist in allen Völkern und jedem Menschen am Werk ist. Das hat Auswirkungen bis in kleine Glaubensgemeinschaften wie Greifensee. Im Pfarrrektorat Greifensee haben nämlich die Gläubigen bereits vor 40 Jahren beschlossen, Johannes XXIII. zum Patron ihrer Kirche zu wählen. Erst heute, 40 Jahre später, ist die offizielle Kirche auch so weit. Hat da nicht der Heilige Geist im Volk Gottes von Greifensee schon vor 40 Jahren sein Werk getan?

Generalvikar Josef Annen hat an diesem 2. Ostersonntag mit den Gläubigen in Greifensee Gottesdienst gefeiert. In seiner Predigt wies er darauf hin, wie es im Volk Gottes den rechten Sinn gibt für das, was Gottes Wille für heute ist. Und dass die Hirten der Kirche gut daran tun, das Volk Gottes zu hören.

Hier die Predigt des Generalvikars in voller Länge:

Liebe Pfarrgemeinde Johannes XXIII.,

herzlichen Glückwunsch zum 40-jährigen Jubiläum Pfarrrektorat Greifensee! Als im Jahre 1973 engagierte Katholiken und Katholikinnen – zusammen mit ihrem Pfarrrektor Peter Bachmann (der heute mit uns feiert) die Gemeinde Greifensee gegründet haben, waren gerade mal acht Jahre vergangen seit dem Abschluss des Zeiten Vatikanischen Konzils.
Was lag näher, als das Konzil zum Vorbild für die Gemeindebildung zu nehmen? Das Konzil hatte die Verantwortung aller Getauften  betont und im Volk Gottes Begeisterung und Hoffnung geweckt.
Was lag näher, als diesen Aufbruch mit dem Namen Johannes XXIII. zu verbinden?

Doch so einfach war das nicht. Johannes XXIII. war kein Heiliger, er war nicht einmal selig gesprochen. So konnte er nicht der offizielle Patron des neuen Pfarrrektorates werden.  Im sogenannten Schematismus des Bistums Chur, das ist eine Art Statistik, heisst es heute noch: Pfarrrektorat Greifensee (noch ohne Patronat).

Das ändert mit dem heutigen Tag. Papst Franziskus spricht Johannes XXIII. heilig. Das Pfarrrektorat erhält auch offiziell seinen Patron.
Streng genommen bräuchte es für eine Heiligsprechung den Nachweis von zwei Wundern. Doch ein zweites Wunder liegt bei Johannes XXIII. nicht vor. Vatikankenner sagen: Das Wunder ist die Heiligsprechung selber! Es ist ein Wunder, dass Papst Franziskus heute diesen Akt setzt.
Franziskus tut es gewiss nicht ohne Absicht. Es gibt zu viele Parallelen zwischen ihm und Johannes XXIII.

Wer war und wer ist er: Johannes XXIII.?
Erlaubt mir, diese grosse Gestalt des christlichen Glaubens mit drei Stichworten zu beschreiben:
Sie heissen: Frieden – Heiliger Geist – Dialog.

Zum Ersten:
Johannes XXIII. war ein Mann des Friedens.
Kaum war das Konzil eröffnet, stand die Völkergemeinschaft vor dem Abgrund eines atomaren Krieges. Russland hatte in Kuba atomare Waffen aufgestellt. Die USA drohten mit einem atomaren Erstschlag.
In dieser hochexplosiven Situation sandte Johannes XXIII. eindringliche Friedensappelle nach Moskau und Washington. Die Prawda und die New York Times veröffentlichten den Friedensappell des Papstes. Zwei Tage später zog Moskau seine Waffen ab.
„Pacem in terris“ – Frieden auf Erden, heisst das grosse Rundschreiben  des Papstes an die Weltgemeinschaft - 5 Monate nach der Kubakrise erschienen.
Erstmals wandte sich ein Papst nicht nur an seine Kirche, auch nicht nur an die Christen auf der weiten Welt, sondern an alle Menschen guten Willens. Erstmals bekannte sich ein kirchenamtlicher Text deutlich zu den Menschenrechten. Erstmals erteilt unsere Kirche der Lehre vom gerechten Krieg eine Absage.
Papst Johannes hat die Osterbotschaft gelebt.
Er hat gehört, was der auferstandene Christus am Osterabend den Jüngern gesagt hat:
Friede sei mit euch. Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.

Das zweite Stichwort: Heiliger Geist.
Johannes XXIII. hatte intuitiv erkannt: Es gibt eine grosse Kluft zwischen der Lehre der Kirche und dem Leben der Menschen. Der Glaube ist für viele etwas Abstraktes und dem Leben Fremdes geworden. Das wollte der Papst mit dem Konzil ändern. Aggiornamento hiess sein Stichwort – den Glauben heutig machen.
Wie haben Johannes XXIII. und das Konzil das bewerkstelligt?

Sie haben auf das Wort der Heiligen Schrift gehört und dort gelesen: Gott gibt allen Leben und Atem (Apg 17,25-28). Und Gott will, dass alle Menschen gerettet werden (1 Tim 2,4), den Weg zu ihm finden.
Gott ist also nicht nur in der Kirche am Werk. Sein Atem, der Heilige Geist, wirkt über das Volk Gottes hinaus. Gottes Geist wirkt in den anderen christlichen Konfessionen und in den anderen Religionen. Ja noch mehr, das Konzil schreibt wörtlich: Wer das Evangelium Christi und seine Kirche ohne Schuld nicht kennt, Gott aber aus ehrlichem Herzen sucht und nach seinem Gewissen handelt, kann das ewige Heil erlangen.
Gottes Heiliger Geist ist also in allen Völkern und in jedem Menschen am Werk. Allem was ist, gibt er Atem und Leben.
Damit ist die Kluft zwischen Lehre und Leben überwunden. Gott kommt zu mir nicht nur über den Glauben an die Lehre der Kirche, nicht nur über die Bischöfe, Priester und die Sakramente. Gott ist schon vor allem Tun der Kirche im Herzen der Menschen am Werk.

Der beste Beweis für diese Wahrheit sind die Gläubigen von Greifensee, die vor 40 Jahren beschlossen haben, Johannes XXIII. zum Patron ihrer Kirche zu wählen. Schon vor 40 Jahren war in ihnen die Gewissheit vorhanden: Dieser Mann ist ein echtes Vorbild des Glaubens, für uns ein Heiliger. Erst heute, 40 Jahre später, ist die offizielle Kirche auch so weit. Hat da nicht der Heilige Geist im Volk Gottes von Greifensee schon vor 40 Jahren sein Werk getan?

Das Konzil nennt diese Einsicht „sensus fidelium“ – „Glaubenssinn“.  Im gläubigen Volk Gottes gibt es den rechten Sinn für das, was Gottes Wille für heute ist. Und die Hirten der Kirche tun gut daran, das Volk Gottes zu hören.

Hat nicht dies Papst Franziskus exakt getan, wenn er die Gläubigen der Weltkirche nach ihrer Meinung zu Fragen von Ehe, Familie und Sexualnormen befragen lässt? Es gibt sie auch heute  – die Kluft zwischen der Lehre der Kirche und der Praxis der Menschen. Wie Johannes XXIII. sucht Franziskus nach dem Heutigwerden des Glaubens, dem aggiornamento.
Es gibt viele Parallelen zwischen den beiden.

Das Letzte Stichwort ergibt sich nun von selbst: Dialog.
Weil Gott in allen Menschen am Werk ist, lässt sich seine Spur auch in allen Konfessionen und Religionen, ja selbst bei den Nichtglaubenden, entdecken. Das führt zur Ökumene unter den Christen verschiedenster Richtungen, das führt zum Dialog mit den Juden und Muslimen, ja zum Gespräch mit allen Menschen guten Willens.
Die Ökumene lag Johannes XXIII. am Herzen. Der damalige Kardinal von Brüssel, Léon Joseph Suenens, berichtet in seinem Tagebuch folgende Begebenheit:
Der Leiter der Kirche der Methodisten wurde von Johannes XXIII. empfangen. Der Papst fragte den Methodisten: Mein Freund, wie lange wird die Trennung zwischen unseren Kirchen wohl noch dauern? Der Methodist zögerte mit der Antwort. Da sagte Papst Giovanni: Sei es wie es wolle, zwischen ihnen und mir, ist die Sache gelaufen. Wir sind uns einig.

Liebe Schwestern und Brüder, 40 Jahre Pfarrrektorat Johannes XXIII. Greifensee. Das ist Grund zur Dankbarkeit. Ich danke allen Pionieren und Pionierinnen von damals. Ich danke Euch allen für die Bereitschaft, heute und morgen dem auferstandenen Christus zu folgen; seine Frohbotschaft glaubwürdig zu leben.
Unsere Zeit braucht dieses Zeugnis des Glaubens. Viele sind auf der Suche nach Sinn, Werten und Orientierung. An uns ist es, Christus als Licht und Wahrheit zu bezeugen.

„Der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten.“ So haben wir heute in der Lesung von der ersten christlichen Gemeinde in Jerusalem gehört.

Möge der Herr dies auch heue tun! Möge er es auch in Eurer Mitte tun! Möge Gott Eure Gemeinschaft mit seinem Geist segnen. Amen.

Greifensee, 27. April 2014 Josef Annen, Generalvikar

zuletzt verändert: 28.04.2014 11:21