Für mehr Realismus in der Liebe und Partnerschaft

Überhöhte Erwartungen gefährden die Partnerschaft, davon ist Paartherapeut Arnold Retzer überzeugt. Auf Einladung von PaarImpuls, dem Zusammenschluss der kirchlichen Paarberatungsstellen im Kanton Zürich, wird der renommierte Arzt und Psychologe am 12. März 2016 zum Thema «Lob der Vernunftehe» referieren.
Für mehr Realismus in der Liebe und Partnerschaft

Werbeplakat der Paarberatung Zürich, Foto: Claudia Schneider

Immer wieder soll es rote Rosen regnen, eine süsse Überraschung bereitstehen oder ein romantisches Tête-à-Tête soll die Gefühle hochleben lassen: Das wünschen sich Verliebte nicht nur vor dem grossen Ja, sondern auch später im Ehealltag.

Wer die Erwartungen an die bessere Hälfte aber grenzenlos hochschraubt, wird mit Sicherheit enttäuscht werden. Davon ist Arnold Retzer, renommierter deutscher Arzt, Paartherapeut und Buchautor, überzeugt. Sein Buch «Lob der Vernunftehe» versteht er als «Streitschrift für mehr Realismus in der Liebe». Er sagt: Im Märchen enden Liebesromane mit der Hochzeit. Dabei begänne das Leben zu zweit dann erst richtig.

Gefühle versus Vernunft?

Eine Ehe oder eine verbindliche Partnerschaft ist laut Anton Retzer «die zur Zeit gültige und praktizierte Organisationsform von Intimität». Voraussetzung, um diese zu realisieren, sei in unserem Kulturkreis, dass man sich liebe, so der Therapeut. Doch was ist Liebe? Ein Gefühl? Ein inniges Begehren? Sympathie? Eine Empfindung, ganz zueinander zu gehören? Der Therapeut definiert die Liebe zwischen Paaren als «Vorstellung von Exklusivität und unzensierter, ungehemmter und höchstpersönlicher Kommunikation».
Geht es also doch um die erstrebte Ausschliesslichkeit und um Intimität, die den Boden bereiten, damit Gefühle gedeihen und Erwartungen an den Partner oder die Partnerin ins Kraut schiessen? Retzer möchte Paare im Beratungsgespräch und auch die Leserinnen und Leser seiner Bücher auf den Boden der Realität zurückholen. Er stellt unmissverständlich klar: «In einer vernünftig geführten Ehe weiss man um die Begrenzungen von Möglichkeiten und berücksichtigt diese Gegebenheit». Platz für Romantik und Gefühle würde trotzdem bleiben. Gefühle und sogar romantische liessen sich bekanntlich nicht verhindern. Pointiert meint der Therapeut: «Machen Sie sich also keine Sorgen um die Gefühle. Viel eher muss man sich Sorgen um die Vernunft machen».

Das Gute ist banal

Retzer führt weiter aus: Vor dem Traualtar versprechen sich viele, sich zu lieben und zu achten alle Tage des gemeinsamen Lebens, in Gesundheit und Krankheit, «in guten wie in schlechten Zeiten»: Diese letzte Passage ist vor allem im Sinn des Therapeuten. Er hält nichts vom Versprechen, sich gegenseitig glücklich zu machen, ganz einfach, «weil dies nicht funktioniert und einer absoluten Überforderung gleich kommt». Die überhöhten Erwartungen würden einzig einen tiefen Fall in eine grandiose Enttäuschung bewirken.
Realistisch findet er hingegen «in guten wie in schlechten Zeiten» zusammen einen Weg zu gehen. Die Formel beinhalte ganz simpel die Erkenntnis, dass es gute wie schlechte Tage gebe. Er ist zuversichtlich, dass gemeinsame Interessen und Ziele die Partnerschaft festigen und nicht einfach scheitern lassen. Arnold Retzer sagt: «Die Liebe ist aber auf Dauer mit dem Leben, das heisst mit der Organisation des alltäglichen Lebens, nicht vereinbar».

Auf das Glück pfeifen

Arnold Retzer sieht sich nicht als Botschafter oder Missionar, plädiert aber dafür, dem Glück nicht nachzujagen. Dies führe nur in die Irre. Wer sich zwinge, das Unglück auszugrenzen, bürde sich eine grosse Belastung auf. Der Therapeut ist überzeugt: Glück sei nicht machbar, könne sich aber unerwartet und ungeplant ereignen. Er sagt: «Das Geheimnis eines erfolgreichen und guten Ehelebens besteht darin, auf das Glück zu pfeifen». Man sollte es nicht versuchen herzustellen, sondern es nehmen, wenn es sich einstelle, ohne sich zu fragen, ob man es verdiene. Man solle akzeptieren, dass es an ganz gewöhnlichen Tagen plötzlich auftauche und man manchmal sogar mehr davon bekomme, als man sich selbst habe träumen lassen. Vielleicht könne dann eher bejaht werden, dass es sich auch aus ganz unerklärlichen Gründen wieder davonstehle.

Was bringt Vernunft?

Gerne erzählt Arnold Retzer, wie er auf das Plädoyer für die Vernunftehe gekommen ist. Er argumentiert: «Ich glaube, dass jeder vernünftige Mensch, wenn er seine Erfahrungen anschaut, versucht daraus zu lernen, also darauf verzichtet dumm zu bleiben». Das heisse, dass er das, was nicht funktioniert sein zu lasse und was klappe weiterführe. Der Therapeut ist überzeugt, dass «alle, die nach diesem Modell ´ticken´, früher oder später auf die Vernunftehe stossen». Wer auf Vernunft baue, überfordere sich nicht, reduziere dadurch aber Enttäuschungen und Leid. Arnold Retzers Fazit: «Wer die Vernunft im Zusammenleben hochhält, verzichtet bewusst darauf, in unseren Ehen den Himmel auf Erden realisieren zu wollen». Die Partnerschaft würde daher lebbarer und vielleicht auch ein Stückweit glücklicher.

PaarImpulsTag 2016 mit Referat von Arnold Retzer zum Thema: «Das Wunder der Ehe oder Lob der Vernunftehe» sowie diversen Workshops
Samstag, 12. März 2016 , 9 – 13.30 Uhr, Hirschengraben 50, 8001 Zürich

(Anmeldung bis spätestens 5. März 2016)
Weitere Informationen und Anmeldung, siehe: www.paarimpuls.ch

Informationen zum Buch:  A. Retzer «Lob der Vernunftehe», www.fischerverlage.de / ISBN 978 – 3596 – 18527 – 6 

Text: Viviane Schwizer 

zuletzt verändert: 22.02.2016 13:41
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