Festpredigt

im Wortlaut von Weihbischof Peter Henrici
Festpredigt

Hielt die Festpredigt in St. Peter und Paul: Weihbischof Henrici. Foto: Undknup

 

Sehr geehrte Vertreter der Behörden!

Liebe Mitbrüder im bischöflichen und priesterlichen Dienst!

Liebe Festgemeinde!

Wir sind zusammengekommen um die vor 50 Jahren erfolgte staatliche Anerkennung der Katholiken im Kanton Zürich zu feiern und dafür zu danken. Diese Anerkennung war für uns Zürcher Katholiken etwas Ähnliches wie das andere Ereignis, dessen 1700-Jahrfeier wir dieses Jahr begehen: das Edikt Kaiser Konstantins, das den Christen im römischen Reich ihre Freiheit und Rechte zusicherte. Man hat zwar vor 50 Jahren, zu Beginn des Konzils, gerne betont, die Konstantinische Epoche sei nun zu Ende; für uns Zürcher Katholiken aber begann sie erst dann.

Doch die Unterschiede zwischen beiden Anerkennungen sind viel grösser als die Ähnlichkeiten. Wir Zürcher Katholiken kamen nicht aus einer Zeit der Christenverfolgung; wir lebten in einer Diaspora und fühlten uns als Bürger zweiter Klasse. Wir hatten zwar an Fronleichnam, an Mariä Himmelfahrt und an Allerheiligen zur Freude unserer Mitschüler schulfrei; doch die volle rechtliche Gleichstellung mit unseren reformierten und christkatholischen Mitbürgern fehlte. Mein Vorgänger, Generalvikar Alfredo Teobaldi, beklagte vor allem, dass die Katholiken mit ihren Steuern die reformierte Kirche mitfinanzieren mussten und selber leer ausgingen.

Bei dieser Sachlage ging es 1963 vor allem um die rechtliche Gleichstellung der Katholiken und nicht um eine Anerkennung der katholischen Kirche als solcher. Eine solche Anerkennung wäre gar nicht möglich gewesen. Der Kanton Zürich gehörte und gehört zu keinem Bistum, mit dem er einen Bistumsvertrag hätte abschliessen können, und zum Abschluss eines Konkordats mit dem Heiligen Stuhl war der Kanton schon gar nicht berechtigt. Aussenbeziehungen sind Sache des Bundes.

Deshalb entschloss man sich zu einem andern Weg, der sich jetzt schon 50 Jahre lang bestens bewährt hat: Der Kanton Zürich gewährte der Gesamtheit aller Katholiken im Kanton Zürich, d.h. der katholischen Körperschaft, ähnliche Rechte wie der evangelisch-reformierten Landeskirche und den christkatholischen Kirchgemeinden. Das geschah durch ein staatliches Kirchengesetz, das vor 50 Jahren parallel zu einer Neufassung des Kirchengesetzes für die evangelisch-reformierte Landeskirche eingeführt wurde. Seit einigen Jahren lautet das Gesetz für alle drei Kirchen sogar gleich, und das hat unser ökumenisches Miteinander nicht unwesentlich bereichert.

Das neue Kirchengesetz erforderte über die drei bereits bestehenden katholischen Kirchgemeinden hinaus, Dietikon, Rheinau und Winterthur, die Bildung neuer Kirchgemeinden, mehr oder weniger parallel zu den Pfarreien. Ihnen wurden verschiedene Rechte zuerkannt, namentlich das Recht, Kirchensteuern zu erheben, und ein eingeschränktes Pfarrwahlrecht. Wie sich die Körperschaft als solche organisieren wollte, blieb dieser überlassen. Sie tat es, zunächst mit Bildung einer koordinierenden Zentralkommission, dann mit einer Synode, sozusagen als Organ der Finanzaufsicht, und schliesslich mit einem Synodalrat.

Für all das Gute, das in den vergangenen 50 Jahren mit diesen Neuerungen im Dienst der Seelsorge getan werden konnte, wollen wir heute Gott danken, und wir wollen ihn auch um Seinen Segen bitten für die Zukunft unserer Kirche im Kanton Zürich.

I.

Was aber haben uns die Lesungen des heutigen Sonntags zu unserem Danken und Bitten zu sagen?

Im Evangelium war die Rede von Planung und Bauen. Das waren auch die ersten sichtbaren Folgen der staatlichen Anerkennung: Wir konnten nicht wenige neue Kirchen bauen und im Unterschied zum Evangelium den Bau sogar vollenden. Ich selbst durfte in meinen Zürcher Jahren mehr neue und umgebaute Kirchen weihen als viele andere Bischöfe.

Vor dem Bauen kommt die Planung. Planung ist nicht nur Bauplanung, sondern vor allem Personalplanung, und auch davon hat das Evangelium gesprochen. Wer einen Kriegszug führen will, muss sich zuerst hinsetzen und sich fragen, ob er über genügend Mannschaft verfügt. Wir planen glücklicherweise nicht für einen Kriegszug, sondern im Gegenteil für die Seelsorge. Auch da hat die staatliche Anerkennung viele Kräfte mobilisiert und der Seelsorge eine breitere Basis gegeben. Wohl noch nie haben sich in unserem Kanton so viele Gläubige aktiv für das kirchliche Leben eingesetzt wie in den letzten 50 Jahren – ungeachtet der früheren katholischen Vereine.

Das Evangelium aber stellt uns vor die ernste Frage, ob diesem Bauen und Planen auch eine innere Aufbautätigkeit entspricht. Jesus hat nur deshalb vom aufwendigen Turmbau und von dem ebenso aufwendigen und noch dazu gefährlichen Kriegszug gesprochen, um uns zu sagen, dass Seine Nachfolge mindestens ebenso aufwendig und noch viel gefährlicher ist.

Viel Volk lief damals hinter ihm her. Da blieb er plötzlich stehen, wandte sich zu den Leuten um und rief: "Passt auf! Was Ihr da tut, ist viel aufwendiger und gar nicht so ungefährlich wie ihr meint. Man kann mir nicht einfach nachlaufen. Wer mit mir kommen will, "muss Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern hintansetzen", ja sogar "auf seinen ganzen Besitz verzichten", um wie ein zum Tode verurteilter Verbrecher "sein Kreuz zu tragen."

Ich kann mir denken, dass da viele zutiefst erschrocken sind. Sie stutzten, schüttelten den Kopf und liefen davon. Nach einer ähnlichen Rede lässt das Johannesevangelium die Leute sagen: "Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören?... Darauf zogen sich viele Jünger zurück und wanderten nicht mehr mit ihm. Da fragte Jesus die Apostel: Wollt auch ihr weggehen?" (Joh. 6,60.66-67).

Diese Frage stellt sich auch für uns. In den letzten 50 Jahren sind auch von uns viele weggegangen - wie ich hoffe, nicht nur wegen dem bisschen Kirchensteuern. Wenn die Zahl der Katholiken im Kanton Zürich dennoch gewachsen ist, haben wir das den Zuzügern zu verdanken. Angesichts der Weggegangenen aber wir müssen uns fragen: Weshalb sind sie weggegangen? Haben wir vielleicht zu viel nur gebaut, geplant und berechnet, und Jesus zu wenig zu Wort kommen lassen? Sind vielleicht wir, die wir hier sind, die wir noch hier sind, zu wenig glaubwürdig, weil wir die Forderungen, die Jesus uns stellt, nicht ernst genug nehmen? Stehen vielleicht auch wir vor der Frage: Wollt auch ihr weggehen?

Wir Katholiken sind jetzt vollberechtigte Kantonsbürger; wir haben Steuergelder in der Hand, mit denen wir bauen und planen können. Aber erschöpft sich darin unser Christsein? Sind wir nur gute Verwalter im weltlich-bürgerlichen Sinn, und nicht im Sinn Jesu Christi? In zwei Wochen werden wir im Evangelium hören, wer im Sinne Jesu ein guter Verwalter ist: Einer, der mit dem anvertrauten Gut durch grosszügiges Entgegenkommen sich viele Freunde macht. Für uns hört sich das skandalös an; doch es erklärt das heutige Evangelium: Was wir besitzen, wenig oder viel, besitzen wir nur, damit wir es wegschenken und uns damit Freunde machen können. Das heisst nicht, dass wir auf die Privilegien verzichten sollen, die die staatliche Anerkennung uns schenkt. Aber es heisst sehr wohl, dass wir die Güter, die daraus erfliessen, nicht eifersüchtig für uns behalten dürfen. Wir sollen sie im Gegenteil grosszügig für die geistlichen und materiellen Bedürfnisse vieler Menschen einsetzen. "Geben ist seliger als nehmen", sagt ein von Paulus überliefertes Jesuswort.

II.

Zu grosszügigem Geben wollte uns heute auch die erste Lesung ermutigen. Sie hat die Grenzen unseres Planens und Bauens auf den Punkt gebracht: "Unsicher sind die Berechnungen der Sterblichen und hinfällig unsere Gedanken; ...das irdische Zelt (nicht einmal ein Turmbau!) belastet den Geist und macht ihm viele Sorgen. Wir erfassen kaum, was auf der Erde vorgeht und finden nur mit Mühe, was auf der Hand liegt" (Weish. 9,13-16). "Wir finden nur mit Mühe, was auf der Hand liegt": wäre das nicht ein gutes Motto, das man in so manchen Sitzungssaal hängen könnte? Deshalb ist es besser, sagte die Lesung, dass wir uns der Weisheit Gottes anvertrauen und auf den Heiligen Geist hören.

In der zweiten Lesung hat uns Paulus dann ein Beispiel einer solchen göttlich-weisen Entscheidung im Heiligen Geist gegeben. Er hat den entlaufenen Sklaven Onesimus, wie es sich gehört, zu seinem rechtmässigen Herrn zurückgeschickt. Paulus hat keinen Sklavenaufstand gepredigt und nicht einmal die Freilassung des Onesimus gefordert. Aber er weist Philemon darauf hin, dass sich sein Verhältnis zu seinem Sklaven grundlegend geändert hat; als Getaufte sind beide jetzt Brüder in Christus.

Auf ähnlich sanfte Art sollte auch unser Glaube die Welt verändern. Zur Abschaffung der Sklaverei hat es achtzehnhundert Jahre gebraucht. Zu Veränderungen in unserem Kanton durch die Möglichkeiten, die die staatliche Anerkennung uns gibt, sollte es nicht so lange dauern – wenn wir nur wollen und auf die Anregungen des Heiligen Geistes achten.

Ich sage das als Ermutigung zur Fortführung des schon Begonnenen. Aus meiner Erfahrung als Generalvikar weiss ich, dass mit den Privilegien, die die staatliche Anerkennung gebracht hat, sehr, sehr viel Gutes getan wurde und immer noch getan wird, vor allem für jene, die besondere Hilfe brauchen. Ich denke an die Caritas, die Aids-Seelsorge, die Behindertenseelsorge, die Gefängnisseelsorge, die jetzt neu organisierte Spitalseelsorge, die katholischen Schulen, die Jugendkirche und "kabel", die Seelsorge für alle, die in einer kritischen Situation Rat und Hilfe brauchen, in der Flughafenseelsorge, in der Bahnhofkirche und in der Sihlcity, und nicht zuletzt denke ich an die vielen Seelsorgestellen für Fremdsprachige, vor allem für jene, die in unserem Land noch nicht recht heimisch geworden sind – ganz abgesehen von all dem vielen, was in den Pfarreien und Kirchgemeinden, oft kaum bemerkt, an Gutem geschieht.

Ich habe das aufgezählt – wahrscheinlich unvollständig – um zu sagen: Die staatskirchenrechtlichen Organe sind sozusagen der diakonische Arm der Kirche, und die Diakonie ist heute in der Kirche besonders wichtig. Deshalb haben wir sie im zürcherischen Pastoralplan an die erste Stelle gesetzt. So kann ich nur sagen: Gut so, macht so weiter, grosszügig und selbstvergessen; "Geben ist seliger als nehmen".

III.

Wie aber steht es mit den persönlichen Anforderungen, die das Evangelium heute an uns gerichtet hat? Es können doch nicht alle Vater und Mutter und ihre ganze Familie verlassen und auf ihren ganzen Besitz verzichten, um in ein Kloster einzutreten oder sich der Seelsorge zu widmen oder gar in einem andern Kontinent für das Evangelium zu arbeiten!

Mir scheint, wir könnten sagen: Die neuen Möglichkeiten, die uns die staatliche Anerkennung gegeben hat, erfordern auch vermehrte ehrenamtliche Einsätze und mehr Freiwilligenarbeit. Überall braucht es Menschen, die sich ehrenamtlich und freiwillig für die Aufgaben der Kirche einsetzen; ohne sie liefe unser kirchliches Leben auf Sparflamme. Nicht Aktivismus ist gefragt, aber selbstloser Einsatz dort, wo es Not tut. Ein Einsatz, der nicht auf die Befriedigung schaut, die solches Tun auch gewähren kann, sondern auf die Menschen, die unsere Hilfe brauchen, und auf das, was hier und jetzt getan werden muss. Solches aktives Mittun mit dem Leben der Kirche erfordert Mut und Ausdauer, und es kann, in der Nachfolge Jesu, manchmal zu einem echten Kreuztragen werden.

"Wer nicht sich selbst hintansetzt und sein Kreuz tragend mir nachfolgt", hat Jesus gesagt; "kann nicht mein Jünger oder meine Jüngerin sein." Ich denke und hoffe, dass das auf keinen und keine der hier Anwesenden zutrifft. Danken wir deshalb Gott, und bitten wir Ihn um Seinen Segen für die Zukunft unserer Kirche im Kanton Zürich.                                                                   Amen.

Weihbischof em. Peter Henrici

zuletzt verändert: 08.09.2013 18:45
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