Der "Multikulti"-Samichlaus spricht viele Sprachen

Verschiedene Sprachen, verschiedene Herkunftsländer, verschiedene Glaubensrichtungen - auch die Besuche von Samichlaus und Schmutzli sind dieses Jahr multikultureller geworden.
Der "Multikulti"-Samichlaus spricht viele Sprachen

Samichlaus und Schmutzli aus Horgen. Foto: Viviane Schwizer

Der neue Samichlausen-Obmann in der Pfarrei St. Josef in Horgen ist seit 25 Jahre rund um den Nikolaus-Tag unterwegs - erst als Schmutzli, dann als Samichlaus, neu auch als Obmann. Seine Gruppe besucht rund 300 Kinder in den Tagen um den 6. Dezember herum.

Samichlaus, Boomen die Besuche von dir und Schmutzli? 

Ich würde sagen, dass wir beliebt sind. Das Wort ´boomen´ erinnert mich an die allgegenwärtige Samichlausen-Reklame, und der gegenüber sind wir eher skeptisch gesinnt. Wir sind keine Warenhaus-Samichläuse, die für Schokolade, Coca-Cola oder spezielles Konfekt werben. Wir wollen mit den Familien ins Gespräch kommen und ihnen ein besonders schönes Erlebnis ermöglichen.

Wie sieht denn ein gelungener Besuch aus?

Er ist festlich und feierlich. Vielleicht brennen Kerzen auf dem Adventskranz. Schmutzli und ich werden erwartet, das ist spürbar, ohne dass es gesagt wird. Dann kommen wir mit den Familien ins Gespräch. Kleineren Kindern zeige ich häufig ein Bilderbuch oder frage sie nach ihrem Lieblingskuscheltier. Grössere frage ich nach dem Alltag in der Schule, auch nach ihren Sorgen und Hoffnungen. Wir freuen uns auch, wenn die Kinder einen Vers aufsagen oder musizieren. Wenn ich als Samichlaus aber zuerst bitten muss, den Fernseher abzuschalten, wird es schwieriger. 

Der polternde Chlaus mit Fitze ist aber passé? 

Aber sicher. Wir sind gesprächsbereit und einfühlsam, erlauben uns aber, auch etwas diplomatisch zu rügen, was die Kinder durchaus verstehen. Sie wissen ja selber, dass im vergangenen Jahr nicht alles lupenrein in Ordnung war. Ich sage beispielsweise, dass ein Kind besser aufräumen oder die Kleider nicht auf den Boden werfen soll. Das wird sehr ernst genommen und wirkt oft mehr als wenn die Eltern das sagen.

Werden auch die Erwachsenen "ins Gebet" genommen? 

Ich versuche sie humorvoll einzubeziehen: Samichlaus weiss etwa, dass der Grossvater die kleinen Pizzas anbrennen liess oder die Mutter vor lauter Stress die elektronische Agenda falsch programmiert hat. Das lockert auf. Bei unsern Besuchen ist es das Ziel, dass Kinder dem Schmutzli zum Schluss helfen, die Gaben aus dem Sack zu leeren. Das ist dann der ultimative Beweis, dass wir den Kleinen keine Angst einflössen.  

Haben die besuchten Familien denn noch einen Bezug zur Kirche?  

Das wissen wir nicht, und es ist für uns nicht wichtig. Für den heiligen St. Nikolaus war damals auch nur wichtig, in der Not zu helfen und Freude zu bereiten. Wir stehen in seiner Tradition, fragen also nicht nach Religion oder Konfessionszugehörigkeit.  

Vielleicht erfahren Sie ja via Anmeldung, ob die Leute einen Bezug zur Pfarrei haben?  

Das ist teilweise so. Wir sind in unserer Pfarrei fünf Paare mit je einem Samichlaus und einem Schmutzli. Wir sind eine Untergruppe des katholischen Männervereins. Die Anmeldungen laufen teilweise über ein Formular unseres Vereines. Doch auch das Gegenteil stimmt: Besuche werden je länger je mehr anonym über das Webportal www.chlaus.ch gewünscht. Welcher Weg für eine Anmeldung gewählt wird, ist für uns bedeutungslos. 

Seid Ihr als Samichläuse auch in Gottesdiensten präsent?  

Ja, vor unsern Besuchen werden wir vom Pfarrer in einem Gottesdienst ausgesandt. Zudem machen wir in Rorate-Feiern oder bei Kleinkind-Gottesdiensten mit. Das ist wichtig für mich.  

Hat sich bei den Besuchen in den letzten Jahrzehnten etwas geändert?  

Unsere Besuche sind internationaler und multikultureller geworden. Wir reden in verschiedenen Sprachen und besuchen Kinder aus aller Welt. Hier hilft mir oft ein spezielles Bilderbuch: Es zeigt, wie der Samichlaus seine Gaben zusammensucht: Die Nüsse kommen aus Spanien, die Mandeln aus Serbien, die Orangen aus Portugal und Datteln aus Sri Lanka. 

Kannst du dich an ein besonders eindrückliches Erlebnis erinnern? 

Bei einer Familie haben wir während unserem Besuch einmal live mit den Grosseltern in Australien geskypt. Das war sehr eindrücklich, dass sich die Familie auf diese Weise durch die Technik in die Samichlaus-Feier einklinken konnte. So haben die Grosseltern am andern Ende der Welt ihre Enkel ein Stückweit beim Besuch des Samichlaus´ miterleben können.

Text und Fotos: Viviane Schwizer 

 

zuletzt verändert: 06.12.2016 15:58