Schwerpunkt Weihnachten - Das rollende Adventszimmer

Er ist der älteste noch fahrtüchtige Gelenktrolleybus der Schweiz, und bestimmt der schönste: mit Sternen und Girlanden geschmückt beschert das rollende Adventszimmer in Winterthur eine halbe Stunde weihnachtliches Staunen.

Weitere Themen im aktuellen forum: «Das Todesurteil ist nicht das Ende»; Illumination der Pfarrkirche in Wald; Gedanken zu Weihnachten

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Ein bisschen aufgeregt ist der Chauffeur mit dem roten Samichlaus-Käppi vor seiner ersten Fahrt mit dem altehrwürdigen Trolley. Dieser sei zwei Meter kürzer als die heutigen Busse, da müsse man früher als gewohnt jeweils vom Gas, damit es bei den Unterbrechern in der Fahrleitung nicht allzu sehr ruckt. So fährt er nun ganz sanft und langsam los. Piano- und Querflötenklänge erfüllen den Raum. 

Der Bus ist voller Kinder, teilweise auf dem Schoss der Eltern, in Windjacken und Wollmützen. Sie sitzen auf den hölzernen Längsbänken und sehen daher alle gut zum runden Gelenk des Gefährts. Klein und zart wirkt hier die Autorin der ersten Geschichte in ihrem mächtigen, hell erleuchteten, mit roten und goldenen Girlanden geschmückten Stuhl. Ganz hinten im Bus balancieren die beiden Musikerinnen auf ihren Sitzen, geben in den Kurven Gegengewicht. Sie spielen live auf ruckeligem Untergrund und engem Raum, und verstärken das Gefühl, alle miteinander in einem adventlichen Wohnzimmer unterwegs zu sein.

Im Namen des Vereins Adventsbus und der katholischen und reformierten Kirche begrüsst Christian Bergmaier die Fahrgäste. Zwei Freiwillige, in gelben Westen erkenntlich, haben die Platzkarten kontrolliert und sind betreuend mit unterwegs. Weihnachtslieder erklingen, das eine oder andere Kind singt mit, vorher hatte dazu ein Mädchen Liederblätter verteilt. Am vollsten ertönen das Samichlaus-Esel-Lied «I-A jaja I-A» und «Das isch de Stärn vo Bethlehem». 

Nun öffnet Brinja Goltz das grosse Buch auf ihrem Schoss und beginnt zu lesen. Es ist still im Bus. Einige Kinder schauen aus dem Fenster, andere gebannt auf die Autorin. Ein blondlockiges Kind, mit dem Nuggi im Mund, schläft friedlich in den Armen der Mama. Ein Papa steckt sein Handy, das er noch checken musste, unauffällig wieder weg. Während der Bus durch Winterthur fährt, erleben die Fahrgäste mit, wie in Majas Familie dank eines Stromausfalls Advent ganz anders und neu wurde. 

In Winterthur Seen macht der Trolley einen grossen Bogen und kehrt wieder zum Hauptbahnhof zurück, vorbei an lichtergeschmückten Strassen und Balkonen. Nach der Geschichte erklingen wieder Musikstücke und Weihnachtslieder. Als der Bus hält und alle vorne wieder aussteigen, stellt sich ein Bub vor die Geschichten-
erzählerin und sagt: «Isch e mega schöni Gschicht gsi!» Das sei das schönste Lob, sagt Brinja Goltz später mit leuchtenden Augen. 

Sie ist eine der wenigen Nicht-WinterthurerInnen, deren Geschichten im diesjährigen Wettbewerb prämiert und somit zum Vorlesen erkürt wurden. Ihre Motivation zum Schreiben? «Ich habe mir diesen Kindheitszauber der Advents- und Weihnachtszeit bewahrt», sagt sie. «Und ich möchte das nun auch meinen eigenen Kindern weitergeben. In der Geschichte habe ich verarbeitet, was wir selber mit unseren Nachbarn erlebt haben.»

Zwischen zwei Fahrten zeigt Christine Klinger vom Vereinsvorstand stolz das druckfrische Buch mit den besten Geschichten der bisherigen fünf Adventsbus-Jahre. Es gebe inzwischen eine Gruppe von Autorinnen und Autoren, die fast jedes Jahr eine Geschichte einreichen – und die auch immer gut seien. Wie die beiden Mädchen, die mit zwölf, dreizehn Jahren zu schreiben begonnen hatten. In der Jury sind auch Vertreter der katholischen und reformierten Kirchgemeinde, welche das Projekt finanziell unterstützen. Pfarrer Hugo Gehring achte beispielsweise immer darauf, «dass die Geschichten nicht moralinsauer sind». 

So ist ein Bouquet von zwanzig Geschichten für Jugendliche und Erwachsene und fünfzehn Kindergeschichten zusammengekommen, in denen Weihnachtsfiguren wie das Christkind und Rentier Rudolf zum Leben erwachen, Könige, Engel, Mäuse und Mailänderli vorkommen – meistens aber Menschen wie du und ich. Und immer ein Funken Weihnachtszauber. 

Inzwischen hat sich der Bus wieder gefüllt, doch ein paar Plätze bleiben leer. Offenbar gibt es Leute, die Platzkarten horten, dann aber nicht kommen. «Vielleicht, weil sie gratis sind», meint Christine Klinger. Gratis können sie dank der kirchlichen Sponsoren und der Gönnerinnen und Gönner des Vereins sein. Die Adventsbus-Fahrten sind begehrt, immer am Mittwoch und am Samstag ist der altehrwürdige Trolley unterwegs. Wo er vorbeifährt, ist der sternenübersäte Bus ein Hingucker. 

Diesmal sind Erwachsene und ein paar grössere Jungs da, die noch Süssigkeiten naschen, bis es losgeht. Aus dem hinteren Ende des Busses spielen Geige und Banjo auf, schmissige Zigeunermusik, die aber auch zart und weihnächtlich klingen kann. Auf dem Erzähler-Stuhl sitzt einer der vielen Freiwilligen, er liest die Geschichte von Monika Heintze. 

Es ist keine Wohlfühlgeschichte. Die kleine Hanna spielt mit ihren Puppen das Streiten der Eltern nach, und als die Eltern – an Weihnachten – tatsächlich streiten, holt sich das Kind Geborgenheit und Liebe im Puppenspiel. Draussen ist es dunkel geworden, der Bus ist nur wenig beleuchtet, die goldenen Sterne blinken. Die Geschichte hängt noch in der Luft, bis die Musik wieder anhebt und der Bus um die grosse Kurve in Seen ruckelt. Vor Ankunft beim Bahnhof Winterthur bedankt sich Christian Bergmaier bei den Gästen und den insgesamt über 50 Freiwilligen, die das Projekt erst möglich machen. «Da steckt viel Herzblut drin», sagt er, als alle ausgestiegen sind. 

Vor fünf Jahren lancierte er als Theologiestudent mit Teilzeitanstellung in der reformierten Fabrikkirche Winterthur den Adventsbus zum 750-Jahr-Jubiläum der Stadt Winterthur. Ein Jahr später bildete sich der Verein mit ökumenischer Trägerschaft. Nach seinem aktuellen Pfarr-Vikariat in Horgen wird der junge Mann in Gossau SG als reformierter Pfarrer wirken. «In diesem Projekt verbindet sich meine Leidenschaft für alte Fahrzeuge mit der Idee, dass Kirche auf die Strasse gehört», sagt er. «Staunen ist eine Quelle des Glaubens und hat ein grosses Potential. Dazu bietet die Vorweihnachtszeit wunderbare Gelegenheit.» 

Text: Beatrix Ledergerber-Baumer

zuletzt verändert: 13.12.2018 11:14