Das Besondere liegt in der seelsorgerlichen Beziehung

Vor zwanzig Jahren und damit nur vier Jahre nach der Einführung des Internets in der Schweiz wurde in Entsprechung zur Telefon-Seelsorge die Internet-Seelsorge gegründet. Deshalb kamen im Kirchgemeindehaus Aussersihl in Zürich Vertreterinnen und Vertreter der kirchlichen Trägerschaft, Mitarbeitende und ehrenamtlich Beratende zu einer Jubiläumsfeier zusammen.
Das Besondere liegt in der seelsorgerlichen Beziehung

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Zunächst wurde das Besondere dieser Seelsorgeform vom Medium her betrachtet. Der Mediensoziologe Marc Böhler zeigte anschaulich auf, wie die Neuen Medien nicht nur einen technischen Fortschritt bedeuten, sondern tiefgehende kulturelle Veränderungen mit sich bringen. Die Neuen Medien ändern das Zusammenleben, sie ändern die Sprache beim Zusammenleben, und sie ziehen so neue Herausforderungen für das Zusammenleben nach sich. Weil mit dem Internet von jeder Nutzerin und jedem Nutzer Öffentlichkeit hergestellt werden kann, ist auch eine neue Medienkompetenz vonnöten. Der Umgang mit den Medien ist jedoch in einem grösseren Zusammenhang zu betrachten; so entspricht zum Beispiel ein problematisches Medienverhalten einem allgemeinen problematischen Verhalten. Die durch den Umgang mit den Neuen Medien verursachten Verhaltensänderungen zeigen sich besonders deutlich bei jungen Menschen. So dürfte der stetige Informationsaustausch über Smartphones dazu beitragen, dass es jungen Menschen leichter fällt, über ihre Probleme zu sprechen bzw. zu schreiben.

Mediensoziologe Marc Böhler 

Herausforderungen an die Internet-Seelsorge
Im anschliessenden Podiumsgespräch unter der Leitung von Irene Gysel kamen Herausforderungen und Stärken der Internet-Seelsorge zur Sprache. Grundlegend ist hierbei, dass die Rat, Begleitung oder Hilfe Suchenden diesen besonderen Weg selbst gewählt haben. Die Anonymität der Beteiligten gewährleistet dabei einen niederschwelligen Einstieg. Dieser Weg ist ein Weg über das Wort und nur über das Wort und hat zwei wichtige Aspekte. Einerseits muss eine Anfrage schriftlich formuliert werden, was bei den Anfragenden bereits ein Nachdenken voraussetzt. Anderseits haben die Internet-Seelsorgenden nur die schriftliche Anfrage, keinen Tonfall wie bei der Telefon-Seelsorge und keine Geste wie bei einem persönlichen Seelsorgegespräch von Mensch zu Mensch, Face-to-Face. Von den Seelsorgenden wird daher grosse Professionalität verlangt; sie müssen gleichsam zwischen den Zeilen lesen können, vor allem aber müssen sie während des Gedankenaustauschs immer wieder rückfragen. Dieses Rückfragen regt das Nachdenken an und trägt zum Aufbau einer seelsorgerlichen Beziehung bei. In diesem Beziehungsgeschehen legen die einen Seelsorgenden den Akzent stärker auf das Suchen nach einer Lösung der Probleme, während andere auf das miteinander Unterwegs-Sein setzen. Das besonders Christliche dieser Seelsorgeform ist die innere Haltung der Beratenden: Die Rat Suchenden sollen zu sich selbst finden. Wenn dabei religiöse Fragen hoch kommen, finden sie ein Gegenüber, das sie besonders gut verstehen kann.

Text: Rolf Weibel

Foto: Claudia Kriesi 

zuletzt verändert: 22.09.2015 15:55
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