Barmherziger Samariter als Herausforderung

«Pflege ihn und wenn du mehr ausgibst, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme.» So sprach der reisende Samariter zum Wirt einer Herberge, als er ihm einen Bedürftigen brachte und zwei Silbergroschen auf den Tisch legte.
Barmherziger Samariter als Herausforderung

Michael Künzle, Stadtpräsident von Winterthur, war zu Gast bei der Spitalseelsorgetagung. Foto: A. Rutz

 

Podium Spitalseelsorge

Ralph Kunz, Urs Richard Meier, Markus Wittwer, Karin Oertle, Manfred Belok (von links)

Die diesjährige Tagung aller reformierten und katholischen Spitalseelsorgenden im Kantonsspital Winterthur stellte sich mehr als nur rhetorisch die Frage: «Seelsorge im Spitalbetrieb – mehr als notwendig?!»

Urs Länzlinger, Stellenleiter der katholischen Spital- und Klinikseelsorge, konnte rund 90 Seelsorgende begrüssen, die sich wie im Vorjahr auf einen gemeinsamen Tag des Lernens und Austausches freuten. Auch wenn die Kirchensteuer-Initiative nicht Teil des Programms war, stand sie doch spürbar im Raum.

Synodalrat Rolf Bezjak dankte auch im Namen seiner Kollegin und Kirchenrätin Irene Gysel allen Spitalseelsorgenden für ihren Einsatz, «ganz im Sinne der diakonischen Option für die Schwächsten, selbstverständlich unabhängig von der Religion». Die Spitalseelsorge sei ein Beispiel für die beträchtlichen kirchlichen Leistungen von gesamtgesellschaftlicher Relevanz. «Wir wissen», so Bezjak, «dass das nicht überall erkannt und von allen anerkannt wird.» Umso wichtiger sei, wenn Exponenten aus Politik und Spital dies deutlich zum Ausdruck bringen würden.

Kantonsspital hält Werte hoch

Als Vertreter des gastgebenden Kantonsspitals Winterthur (KSW) führte Markus Wittwer, Direktor HRM und Pflege, in groben Linien durch die Geschichte des KSW. Diese geht mit dem Sondersiechenhaus zu St. Georgen zurück bis ins 13. Jahrhundert, das Einwohnerspital wurde 1876 eingeweiht und 10 Jahre später zum Kantonsspital. Aktuell betreuen knapp 1‘900 Mitarbeitende rund 25‘000 stationäre Patientinnen und Patienten. Das KSW orientiere sich am barmherzigen Samariter und an Werten wie menschlich, ethisch, nachhaltig und differenziert, was eine grosse Herausforderung bedeute, meinte Wittwer. Der bedürftige Mensch stehe im Mittelpunkt, ihm gehöre die bestmögliche Hilfe.

«Wir sind auf die Kirchen angewiesen.»

Stadtpräsident Michael Künzle, überbrachte die besten Grüsse aus dem Winterthurer Stadtrat und präsentierte die sechstgrösste Metropole der Schweiz als Kultur-, Bildungs- und Gartenstadt. Seelsorge im Spital sei etwas Stilles. «Gerade in Zeiten zunehmender Ökonomisierung im Spitalbetrieb besitzt die Seelsorge ein wichtiges Gut, nämlich Zeit», meinte Künzle. Diese kirchliche Arbeit sei wichtig und koste etwas. Deshalb trete er der Abstimmungsvorlage, welche die juristischen Personen von der Kirchensteuer befreien wolle, überzeugt entgegen. «Die Stadt könnte all die kirchlichen Dienstleistungen gar nicht bezahlen. Wir sind auf die Kirchen angewiesen, und diese Angebote müssen finanziert werden.»

Seelsorge als Beitrag zur guten Hauskultur des Spitals

In ihren Referaten gingen die beiden Gasttheologen der Frage nach den Wurzeln der Spitalkultur einerseits und dem Plus der Seelsorge im Spitalbetrieb andererseits nach. Ralph Kunz, Professor für Praktische Theologie an der Universität Zürich, skizzierte das Hospital, Spital oder Krankenhaus in Geschichte und Gegenwart. Seelsorge im Spital, so Kunz, sei nicht Opposition gegen die Rationalität und zunehmende Ökonomisierung im Spitalbetrieb, sondern ein Beitrag zur guten Hauskultur und zu gelingenden Beziehungen zu sich selbst, zu Gott, den Angehörigen, den Pflegenden und den Ärztinnen und Ärzten. Die Ambivalenz der Spitalseelsorgenden bestehe darin, dass sie mit einem anwaltlichen Blick für die Menschen die Widersprüche des Systems aushalten müssten. Für Kunz ist klar: «Wenn das Spital nur noch zum Betrieb wird, verlöre es etwas ganz Entscheidendes: seine Seele, sein Herz oder etwas prosaischer seine Kultur.»

Manfred Belok, Professor für Pastoraltheologie und Homiletik an der Theologischen Hochschule Chur, sieht die Spitalseelsorge in einer grenzgängerischen Funktion, die über  das seelsorgerliche Zweiergespräch hinausgehe. Das Plus der Seelsorge im Spitalbetrieb, so Belok, liege in der ‚Brücken-Seelsorge‘. Diese sei gekennzeichnet durch breite und langfristig angelegte Kontakte (über den Spitalaufenthalt hinaus), die Zusammenarbeit mit naturwissenschaftlich ausgerichteten Berufsgruppen, die Pflege eines interdisziplinären Dialogs in einer fremden Institution, und das Einbringen eines theologisch-ethischen Begriffs von Krankheit und Gesundheit. Belok ist überzeugt: «Die Kirchen werden insgesamt durch die Spital- und Klinikseelsorge für Gläubige aber auch Kirchenferne in einer Grenzsituation positiv sichtbar. Dieser Beitrag für das Image der Kirchen ist nicht zu unterschätzen.»

‚Brücken-Seelsorge‘ als künftige Herausforderung

Am Podiumsgespräch nahm zusätzlich zu den beiden Theologen und dem Direktor HRM und Pflege die seit 20 Jahren im Waidspital tätige Seelsorgerin Karin Oertle sowie Urs Richard Meier, Chefarzt Radio-Onkologie, teil. Meier konfrontierte die Spitalseelsorgenden damit, dass er von ihnen ein offensiveres  Marketing zu den vielen Angeboten der Kirchen erwarte. Sie hätten noch viel mehr zu bieten, als es die aktuell sehr gute Zusammenarbeit vermuten liesse. Er als Arzt erhoffe sich von den Seelsorgenden insbesondere in ethisch schwierigen Situationen und Momenten eine grössere Einmischung und Unterstützung.

Direktor Wittwer wiederholte nochmals seine grosse Wertschätzung für die Spitalseelsorge im KSW zum Ausdruck und nahm seinerseits den Faden der ‚Brücken-Seelsorge‘auf. Das Kantonsspital Winterthur sei an der Erarbeitung eines Projekts, das über den eigentlichen Spitalaufenthalt hinaus die Betreuung der Patientinnen und Patienten noch besser gewährleisten soll. Fakt sei, dass die Tage im Spitalbett kürzer und die ambulante Behandlung der Menschen zunehmen würden. In diesem Brückenbereich seien die Seelsorgenden wichtige Partner für das Spital. Das Projekt werde zusätzliche finanzielle Mittel binden. Auf eine entsprechende Frage hin und mit Blick auf den barmherzigen Samariter meinte Wittwer klar: «Wie sich der Samariter seine Menschlichkeit etwas kosten liess, wird auch das KSW seinen Beitrag an eine künftige Brücken-Seelsorge leisten.»

www.spitalseelsorgezh.ch

zuletzt verändert: 05.04.2014 10:14
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