Aufatmen nach langer Durststrecke

Papst Franziskus schreitet konsequent auf dem Weg der Barmherzigkeit voran und verfolgt ebenso konsequent die Logik der Integration.
Aufatmen nach langer Durststrecke

Begleitkarte vom Papst zu Amoris Laetitia.

Mit einem mehrjährigen Prozess und zwei spannenden Bischofssynoden zum Thema Ehe und Familie hat Papst Franziskus eine Dynamik in Gang gesetzt, der er mit seinem nachsynodalen Schreiben nochmals einen kräftigen Schub verleiht. Wer sich in das Schreiben vertieft, ist berührt und staunt: So lebensnah, wertschätzend und einfühlsam haben wir das kirchliche Lehramt noch nie lehren gehört. Das ist wie ein Aufatmen nach langer Durststrecke.

Kluft überwunden

Generalvikar Josef Annen nimmt dies auch so wahr und fasst die Botschaft zusammen, indem er in seiner Stellungnahme  im Blog die Kluft zwischen Lehre und Praxis überwunden sieht.

„Amoris Laetitia – Die Freude der Liebe“ heisst das umfangreiche, in 325 Punkten unterteilte und je nach Ausgabe zwischen 200 und beinahe 300 Seiten starke Schreiben. Gleich zu Beginn macht Papst Franziskus klar, „dass nicht alle doktrinellen, moralischen oder pastoralen Diskussionen durch ein lehramtliches Eingreifen entschieden werden müssen. Selbstverständlich ist in der Kirche eine Einheit der Lehre und der Praxis notwendig; das ist aber kein Hindernis dafür, dass verschiedene Interpretationen einiger Aspekte der Lehre oder einiger Schlussfolgerungen, die aus ihr gezogen werden, weiterbestehen“ (AL 3). Er empfiehlt, das Dokument nicht hastig zu lesen.

Angestossene Dynamik geht weiter

Die Debatten der Bischofssynoden haben offenbar Wirkung. Die dadurch ausgelöste Dynamik führt dazu, dass mit wertschätzender und respektvoller Haltung diverse Anliegen und Sorgen aufgenommen werden und die Notwendigkeit der Entwicklung neuer pastoraler Methoden ins Auge gefasst wird. (AL 199).

Erstaunlich deutlich wird Papst Franziskus auch mit einem selbstkritischen Blick: Er stellt fest, dass die bisherige Art und Weise, „die christlichen Überzeugungen zu vermitteln, und die Art, die Menschen zu behandeln, manchmal dazu beigetragen haben, das zu provozieren, was wir heute beklagen“ (AL 36). Auch mit den Hirten geht er hart ins Gericht, wenn er ihnen einen Spiegel vorhält und barmherziges Verhalten empfiehlt: „Daher darf ein Hirte sich nicht damit zufrieden geben, gegenüber denen, die in „irregulären“ Situationen leben, nur moralische Gesetze anzuwenden, als seien es Felsblöcke, die man auf das Leben von Menschen wirft“ (AL 305). Was für ein Bild! Der kalten Schreibtisch-Moral wird die Logik der Eingliederung entgegengehalten und der Wert des Gewissens betont. Die Kirche soll die Menschen in ihren konkreten Situationen begleiten und stärken und davon ablassen, nach Kirchengesetzen abzuurteilen.

Zentrales Thema: Ehe und Familie

Das Schreiben „Amoris Laetitia“ wird im der öffentlichen Interesse wohl unvermeidlich auf zwei Fragen fokussiert abgesucht: Was sagt es zu den nach Scheidung Wiederverheirateten? Und was zu Homosexualität? Um es gleich vorwegzunehmen: Zentral ist das Thema Ehe und Familie. Das zeigt auch der Aufbau des Schreibens, das bei der Wirklichkeit und den Herausforderungen der Familie in ihrer ganzen Komplexität beginnt und verschiedenste Dimensionen beleuchtet. Als Lateinamerikaner legt Papst Franziskus eine ausgesprochen positive und erfrischende Sicht zur Sexualität an den Tag (AL 317). Was in diesem Abschnitt zunächst mit Blick auf nach Scheidung Wiederverheirateter dargelegt wird, bleibt nicht darauf beschränkt. Nach Kirchenrecht gelten auch Zivilehe, Konkubinat oder homosexuelle Partnerschaften als „irregulär“. Wer hier Neuerungen sucht, wird nicht fündig, es sei denn, er liest aufmerksam weiter. An zwei Stellen erweitert Papst Franziskus den Kreis der Angesprochenen, indem er sich auf alle bezieht. Er denkt an „alle, in welchen Situationen auch immer sie sich befinden (AL 297) und „alle, die in irgendeiner sogenannten ‚irregulären‘ Situation leben“ (AL 301). Wer kirchliche Dokumente zu lesen versteht, erkennt hier den Spagat zwischen dem Bewahren der Lehre und dem Anerkennen der Wirklichkeit. Oder anders gesagt: Mit „alle“ sind wirklich alle gemeint, auch die Lebenssituationen, welche nicht dem kirchlichen Ideal entsprechen.

Rollen der Geschlechter 

Zwei Mal taucht die Genderthematik im Dokument auf. Ein Abschnitt (AL 56) als Ergebnis der Diskussionen in den Bischofssynoden, welche für diese Thematik kein Verständnis an den Tag legte und sich dementsprechend verschlossen zeigte. An späterer Stelle (AL 286) nimmt Papst Franziskus das Thema persönlich noch einmal auf, um hier positiv die unterschiedlichen Rollen des biologischen, sozialen und kulturellen Geschlechts und der darin enthaltenen Anliegen zu würdigen.

Kapitel 8 und 9: Zwei Perlen im Dokument

Kapitel 8 und Kapitel 9 verdienen es, besonders beachtet und meditiert zu werden. Kapitel 8 ist überschrieben mit „Die Zerbrechlichkeit begleiten, unterscheiden und eingliedern“ und gibt gleich das Programm von Franziskus vor. Es geht darum, den verschiedenen Situationen und Realitäten gerecht zu werden und nicht ungerecht zu urteilen. Dabei gesteht Papst Franziskus ein, dass es ,keine Patentrezepte‘ gibt“ (AL 298). Es ist ihm jedoch ein grosses Anliegen, „eine neue Ermutigung auszudrücken zu einer verantwortungsvollen persönlichen und pastoralen Unterscheidung der je spezifischen Fälle“ (AL 300). Eine erstaunliche Fussnote fügt mit wünschenswerter Klarheit an, „dass die Konsequenzen oder Wirkungen einer Norm nicht notwendig immer dieselben sein müssen“ (AL 300). In der Fussnote hält er fest: „Auch nicht auf dem Gebiet der Sakramentenordnung, da die Unterscheidung erkennen kann, dass in einer besonderen Situation keine schwere Schuld vorliegt“ (Fussnote 336). Dass die Sakramente nicht als Belohnung für die Guten und Gerechten gedacht sind, sondern als Stärkung für die schwachen und die Menschen auf dem Weg, hat Papst Franziskus schon anderweitig betont. Also ist es nicht abwegig, daraus zu schliessen, dass nach Scheidung Wiederverheiratete nach sorgfältiger Prüfung ihres Gewissens zum Kommunionempfang zugelassen sind. Oder anders gesagt: Was verantwortliche Seelsorger und Seelsorgerinnen schon lange im Halbschatten kirchenrechtlicher Illegalität tun, wird jetzt vom Papst anerkannt.

Kapitel 9 widmet sich der Spiritualität in Ehe und Familie, die „aus tausenden von realen und konkreten Gesten“ besteht (AL 315). Die Familie ist mit ihren Momenten der Freude, der Erholung oder des Festes und auch der Sexualität eine Teilhabe an der Fülle des Lebens in seiner Auferstehung.

„Amoris Laetitia“ wird uns mit ihrer pastoralen Aufmerksamkeit noch lange beschäftigen. Denn: mit ihrer ermutigenden und hoffnungsvollen Sprache und dem Bewusstsein um die reiche und komplexe Realität weckt sie Hoffnung und bringt das, was wir in der Kirche lange vermisst haben: Barmherzigkeit.

 Arnold Landtwing, Informationsbeauftragter Generalvikariat 

 

 

zuletzt verändert: 11.04.2016 09:19