Schlechte Karten für Jugendliche ohne Ausbildung

Prekäre Bildungs- und Arbeitssituationen von Eltern werden in der Schweiz noch allzu oft an die Kinder weitervererbt. Welche Unterstützung brauchen Jugendliche, die beim Übergang von der Schule in die Berufswelt oder in die höhere Bildung keine Hilfe von den Eltern bekommen? Über 120 Teilnehmende diskutierten diese Frage sowie Lösungsansätze am 11. Zürcher Armutsforum.
Schlechte Karten für Jugendliche ohne Ausbildung

120 Menschen besuchten das Armutsforum der Caritas. Foto: @Caritas Zürich

Der Bildungsstand beeinflusst verschiedene Aspekte des Lebens – nicht nur die finanzielle Lage, sondern auch die Gesundheit, die Lebenserwartung, die Wohnsituation etc. Wer nur eine mangelhafte oder gar keine Berufsbildung mitbringt, trägt ein hohes Armutsrisiko.

Tiefe Qualifikation, hohes Armutsrisiko

Anna-Katharina Thürer (Grundlagen Caritas Zürich) verwies auf den Zusammenhang von Bildung und Prekarität in den Sozialhilfestatistiken. Rund zwei Drittel der jungen Sozialhilfebeziehenden im Kanton Zürich haben keine nachobligatorische Ausbildung. 

Anna-Katharina Thürer: "Begriffe wie «lebenslanges Lernen» oder «Optimierung des Humankapitals» lösen bei Personen mit mangelhafter Bildung häufig Stress und Ängste aus."

Die Bildungssoziologin Prof. Dr. Regula Julia Leemann zeigte auf, wie soziale Herkunft und Migrationsmerkmale zu Chancenungleichheit führen. Stossend ist unter anderem die Tatsache, dass Lehrpersonen und Lehrmeister sich bei der Leistungsbeurteilung von Jugendlichen von deren sozioökonomischen Umfeld beeinflussen lassen.

Julia Lehmann

Regula Julia Lehmann: «Ungleichheiten in den Lebensbedingungen beeinflussen nach wie vor die Bildungschancen. Dies ist primär aber nicht ein Versagen der Familien, auch nicht der Schule, sondern ein Versagen der Gesellschaft.»

Praxisbezogene und bewährte Lösungsansätze

Als praktischen Lösungsansatz stellte Matthias Fuszenecker das Projekt «Netz2» vom Amt für Jugend und Berufsberatung des Kantons Zürich vor. Die darin während der Lehre begleiteten Jugendlichen sind in verschiedenen Lebensbereichen mit erheblichen Problemen konfrontiert und benötigen in der Regel während längerer Zeit Unterstützung.

Matthias Fuszenecker: «Es ist wichtig, dass alle Beteiligten am gleich Strick ziehen. Das sind manchmal ganz kleine Schritte, die zum Erfolg führen.»

In Bildung als Armutsprävention investieren 

Für Max Elmiger, Direktor von Caritas Zürich, ist das Fazit des Armutsforums klar. Es braucht nach wie vor Unterstützung durch verschiedenste, teilweise sehr spezifische Angebote. Auch die Durchlässigkeit der Bildungswege wäre grundsätzlich da, doch werden die Möglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft. 

Max Elmiger, Direktor Caritas Zürich: "Bildungspolitisch müssen die Weichen so gestellt werden, dass der Bildungszugang auch für benachteiligte Gruppen sichergestellt ist: Nur so kann Bildung nachhaltig als Armutsprävention wirken."

Alle Bilder: ©Caritas Zürich/Nenad Damjanac

zuletzt verändert: 27.10.2017 11:54
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