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Minderheit unter Druck: Christen haben im Land der Bibel genauso tiefe Wurzeln wie Juden und Muslime. Dennoch geraten sie als kleine Minderheit zunehmend unter Druck. Eine Bestandsaufnahme an der Wiege einer Religion.

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Ägypten, Syrien, Libanon, Israel und Palästina: In weiterer geografischer Auslegung zählen alle diese Länder der Levante zum «Heiligen Land». So unterschiedlich die Situation dort sein mag, so stehen doch viele Christen über die Region hinaus vor ähnlichen Herausforderungen.
Ihr Anteil an der Bevölkerung schwankt zwischen einem halben Promille im Gazastreifen und über 30 Prozent im Libanon: Auf das Gesamte des Nahen Ostens gesehen, sind Christen eine kleiner werdende Minderheit. Ihr Stolz auf die eigene Herkunft und die Heimatverbundenheit haben angesichts anhaltender Konflikte und wachsenden Islamismus teils deutliche Dämpfer erhalten.

Arabische Christen, des Krieges müde
Seit 2000 Jahren gehören Christen zum gesellschaftlichen Gefüge des Nahen Ostens, haben Sprache, Kultur und nicht selten das Stadtbild geprägt. Anders als in den mehrheitlich zweikonfessionellen Ländern des Westens sind im Heiligen Land fast alle christlichen Kirchen und Konfessionen vertreten.
Die dominierende Liturgiesprache ist dabei Arabisch, wie auch die Alltagssprache der meisten Christen – und mehrheitlich ihr Selbstverständnis. «Bis der Krieg nach Syrien kam, dachten wir nicht in den Kategorien ‹Muslime› und ‹Christen›», sagt die syrische katholische Ordensfrau Annie Demerjan.
«Unser Verhältnis zueinander ist das von Nachbarn.» Diese Aussage bestätigen christliche Stimmen auch für den Libanon, Jordanien und Palästina. Freundschaften zwischen Muslimen und Christen gibt es, aber die «Öffnung gegenüber dem anderen geht einher mit der Angst vor Verlusten von eigenen Rechten», sagt der Obere der Franziskaner in Beirut, Pater Toufic Bou Merhi. Von allzu engen Beziehungen wie etwa in religionsverschiedenen Ehen werde daher eher abgeraten.
Muslime wie Christen seien des Kriegs müde und wollten ein Ende der Kämpfe und eine friedliche Lösung, sagt Annie Demerjan. Zwar äussern viele syrische Christen, dass sie sich unter dem Regime von Präsident Baschar al-Assad sicherer fühlen, mit Blick auf die Konflikte der Region bezieht die Mehrheit der Christen in Nahost jedoch bewusst keine Position. «Wir stehen auf der Seite des Friedens», formuliert es der im Auftrag des Lateinischen Patriarchats Jerusalem in Jordanien tätige Priester Mario Cornioli. Das bestätigt auch Pater Toufic Bou Merhi: «Die Christen stehen auf keiner Seite, es ist nicht ihr Krieg, warum sollten sie sich daran beteiligen?»

Religionsfreiheit mit Einschränkungen
Das Recht, ihren Glauben frei zu leben und auszuüben, ist Christen in allen Ländern der Bibel verfassungsmässig gesichert. In der Praxis gilt das jedoch zumindest für das Bürgerkriegsland Syrien und den ebenfalls stark davon betroffenen Irak nur noch bedingt. «In der Vergangenheit konnten die Christen trotz Minderheitensituation im Irak leben», sagt Pater Toufic Bou Merhi.
Mit dem Erstarken des Fanatismus jedoch, der mit dem Islamischen Staat «seinen Höhepunkt erreicht» habe, so der Franziskaner, habe die Bedrohung das erträgliche Mass überschritten: «Von mehr als zwei Millionen Christen sind heute kaum mehr als 300 000 im Irak, und kaum einer von denen, der gegangen ist, kann sich eine Rückkehr vorstellen.» Über Stationen in Nachbarländern wie dem Libanon warten sie auf Auswanderung in den Westen, ebenso wie viele syrischen Christen.
Vor dem Einfluss von Islamisten fliehen auch viele ägyptische Christen, ein Trend, der durch den Sturz des Mubarak-Regimes und durch zunehmende Gewalt etwa auf der Sinaihalbinsel oder gegen koptische Gotteshäuser weiter verstärkt wurde. Die Kopten seien tatsächlich ein Ziel von Extremisten und die Lage im Land nicht einfach, betonte wiederholt der koptisch-katholische Bischof von Assiut, Kyrillos William. Das eigentliche Problem dabei sei aber nicht die Regierung, die sich «wirklich bemüht, etwas zu tun», insbesondere unter dem neuen Präsidenten, Abdel Fattah al-Sisi.
Obwohl Christen in Jordanien ihren Glauben frei praktizieren können und auch sonst im öffentlichen und sozialen Leben keinen Einschränkungen unterworfen sind, seien auch hier «die meisten Familien bereit, das Land zu verlassen», sagt Mario Cornioli.Der Anteil der Christen in gehobenen Berufen etwa, so der Italiener, könne bei bis zu 20 Prozent liegen, eine beachtliche Zahl angesichts dessen, dass Jordaniens Christen kaum mehr als 1,5 Prozent der Bevölkerung stellen. Was sie aber an Abwanderung denken lasse, sei das Geschehen rundherum – und die damit verbundene Sorge um die Zukunft der Kinder.

Exodus oder Standhaftigkeit?
Die anhaltende Abwanderung ihrer Gläubigen ist eine der grossen Herausforderungen für die Kirchen in ganz Nahost. Dabei spielt bei der Entscheidung zwischen Gehen oder Bleiben – sieht man vom Irak und weniger ausgeprägt Syrien ab – Religion nur selten eine entscheidende Rolle. Am Beispiel Palästina zeigt eine aktuelle Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung Ramallah in Zusammenarbeit mit der Dar-al-Kalima-Hochschule für Kunst und Kultur in Bethlehem von Dezember 2017 Hintergründe für den Exodus.
Muslime in Palästina, so das Ergebnis, stehen ihren christlichen Mitbürgern in Sachen Abwanderungstraum in nichts nach. Für beide sind es primär wirtschaftliche Gründe, die sie zum Verlassen ihrer Heimat veranlassen – verstärkt durch die generelle Lage in der Region und die Politik westlicher Länder. Die Christen äusserten sich dabei nicht nur kritisch gegenüber der Politik der arabischen Welt bezüglich einer Einschränkung der Religionsfreiheit, wachsender extremistischer Tendenzen und mangelnden Rechtsschutzes für Christen. Auch die Kirchen selbst kommen in den Augen vieler Gläubigen ihrer Rolle bei der Drosselung der Abwanderung nicht nach.
Konkret erwartet werden von den Kirchen etwa die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Bereitstellung von Wohnungen. Die Religionsfreiheit in Palästina bewerteten Christen dabei auf einer Skala von 1 (keine Freiheit) bis 10 (sehr grosse Freiheit) durchschnittlich mit 7,5 – nur ungleich bessere Noten (7,9) gaben muslimische Befragte.

Stresszone «Minderheit»
Für die mehrheitlich arabischstämmigen Christen in Israel ist die Frage nach der eigenen Identität und dem Miteinander mit der Mehrheitsreligion hingegen eine komplexe Frage mit vielen Koordinaten wie Ethnie, Religion und Nation.Obwohl israelische Bürger, identifizieren sich viele mit dem palästinensischen Volk, sind unter den Arabern aber religiös wiederum (und damit doppelt) in der Minderheit.
Insgesamt scheint die Tendenz zu steigen, die nationale und kulturelle Identität der religiösen Zugehörigkeit unterzuordnen, wobei in Fällen wie in Syrien das früher stärker ausgeprägte nationale Zugehörigkeitsgefühl der Definition über die Religion weicht. Dabei ist das Problem der Christen im Nahen Osten laut Pater Toufic Bou Merhi «nicht ein Problem der Christen allein, sondern ein Problem aller Minderheiten, darunter die Christen: Eine Minderheit zu sein, schafft Probleme.»
Selbst im Libanon, dem einzigen Land in der Region, in dem die Christen etwa gleich stark wie die anderen grossen Religionsgruppen der Sunniten und Schiiten vertreten sind, «herrscht ständig die Angst, eine Minderheit zu werden, zumal angesichts der mehrheitlich muslimischen Umgebung in der Region».
Syrien ist für den Franziskaner ein klassisches Beispiel für das Minderheitenproblem. Die machthabenden Alawiten hätten Angst, bei einem Verlust der Macht alles zu verlieren. Die Christen wiederum hätten ihrerseits Angst, «als Minderheit gefressen zu werden». Unter dem Alawitenregime fühlten sie sich jedoch «einigermassen geschützt».

Ärger mit Israel
Was von Israel als Bündnispartner in ihren Augen für die Christen zu halten ist, daran liessen zuletzt mit dem griechisch-orthodoxen Patriarchen Theophilos III., dem armenischen Patriarchen Nourhan Manougian und dem Franziskaner Kustos Francesco Patton drei der prominentesten Kirchenführer Jerusalems keinen Zweifel.
In einem raren Schritt schlossen sie «zunächst bis auf Weiteres» mit der Grabeskirche die wichtigste heilige Stätte im Land, aus Protest gegen das, was sie in einer medienwirksam vom griechisch-orthodoxen Patriarchen Theophilos III. vorgetragenen gemeinsamen Erklärung als «systematische Missbrauchskampagne gegen Kirchen und Christen» in deutlichen Worten verurteilten. Drei Tage lang blieb die Kirche zu, dann lenkten die Kirchenführer auf ein Gesprächsangebot ein, das Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zusammen mit Jerusalems Bürgermeister Nir Barkat vorlegte.
Mitten in der vorösterlichen Pilgerhochsaison herrscht damit wieder Normalbetrieb, die Probleme, die den Streit zwischen Kirchen und Staat ausgelöst haben, sind aber längst nicht vom Tisch.Der Ärger der Kirchen richtete sich gegen Massnahmen der Stadt zur Erhebung kommunaler Grundsteuern auf Kirchenbesitz – von der die Kirchen seit osmanischer Zeit ausgenommen sind. Der zweite Streitpunkt ist ein israelisches Gesetzvorhaben, das es dem Staat ermöglichen will, von der Kirche an private Investoren verkauftes Land gegen Entschädigung zu enteignen.
Ersteres stellt aus Sicht der Kirchen einen eklatanten Bruch der bestehenden Regelungen dar. Das Gesetzprojekt wiederum diskriminiere die Kirchen und schränke sie in der Nutzung ihres Eigentums ein, welches durch einen solchen Schritt quasi unverkäuflich würde.
Letztere Schwierigkeiten haben die Kirchen in den palästinensischen Autonomiegebieten nicht. Erst im Januar 2016 etwa trat ein nach sechsjährigen Verhandlungen verabschiedeter Grundlagenvertrag zwischen Palästina und dem Heiligen Stuhl in Kraft, der das Verhältnis der Kirche zum Staat regelt.

Erwartungen und eigene Stärken
Uneins sind sich die Christen in den verschiedenen Ländern der Region vor allem in ihrer Haltung gegenüber dem Westen. Während man im Libanon laut Pater Toufic Bou Merhi im Westen einen Partner sieht und sich insbesondere von den westlichen Kirchen und ihrer Hilfe «nie enttäuscht» sah, sehen syrische und irakische Christen – Gläubige wie Kirchenführer – die Rolle des Westens durchaus ambivalent.
Ohne westliches Zutun oder zumindest Billigung, so die weitverbreitete Meinung, hätte der Syrienkrieg nie sein schreckliches Ausmass erreichen können. Dass der Westen dazu noch Nahostchristen durch Aufnahme als Flüchtlinge zur Abwanderung ermutige, das ist mehr den Kirchenführern als den betroffenen Christen ein Dorn im Auge.
Schliesslich gibt es auch im Nahen Osten noch den sehr menschlichen Zug der Konkurrenz um die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit: Dass sie und die anhaltende Besatzungssituation angesichts der Gräueltaten des Islamischen Staats in anderen Ländern der Region vergessen werden, ist eine der wiederholt geäusserten Sorgen der Christen in Israel und Palästina.
Gleichzeitig halten die Christen aber in der gesamten Region an einem Punkt fest: Ihre Stärke liegt vielleicht nicht in den (noch dazu sinkenden) Zahlen, sondern in der Kraft ihrer Institutionen. Neben der Sorge um Kranke, Alte und Benachteiligte sind dies vor allem Bildungseinrichtungen und Schulen, in denen die Nahostchristen eine überdurchschnittliche Rolle einnehmen.
In Palästina zum Beispiel sind 41 Prozent der sozialen Einrichtungen und 38 Prozent der Schulen in christlicher Hand, im Libanon gehen laut Pater Toufic Bou Merhi sogar 70 Prozent der Schüler in christliche Schulen, darunter die besten des Landes, aus denen auf vielen Ebenen die kommenden Führungsriegen hervorgehen. In gesellschaftlicher Hinsicht bleibt der kleinen christlichen Minderheit damit ein erheblicher Einfluss – und die Hoffnung, so das schwierige Blatt in Nahost doch noch zum Besseren wenden zu können.

Text: Andrea Krogmann

zuletzt verändert: 22.03.2018 08:54
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