Aktuell im forum: Katholisch unter Muslimen

Von Abu Dhabi aus werden die Katholiken im südlichen Arabien betreut. Besuch in einer Welt der Migranten, in der die katholische Kirche unter staatlich vorgegebenen Bedingungen kulturelle und religiöse Freiräume bietet.

Weitere Themen im aktuellen forum: Gottesfragen stellen, Sehnsucht nach Stille, Stolpersteine "Sünde"
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Der Wüstensand reicht direkt an die Hochhäuser, die Hitze spüre ich vor lauter Aircondition kaum. Ich bin am persischen Golf – und gleichzeitig zu Gast bei Katholiken

Zum katholischen Bezirk gehören Bischofshaus, Bischofkirche, Pfarrhaus, Pfarrkirche, katholische Schule. Und er steht direkt neben einer Moschee, die völlig überraschend «Mary Mother of Jesus» heisst.

Fünfmal, Tag und Nacht, ertönt der Ruf des Muezzins mitten ins Hochgebet der Messe hinein, übertönt auch die Musik, zu der die Kinder in grauweissen Uniformen für das 50-Jahr-Jubiläum ihrer Schule Tänze proben. Und sie proben die ganze Woche über, jeden Tag im Schatten einer grossen Zeltplache vor dem Schulhaus. «Sie lernen diese Woche nichts anderes», schmunzelt der Appenzeller Kapuzinerpater Gandolf Wild, der hier mit Bischof Paul Hinder arbeitet.

Ich schlafe in einem grossen Gästezimmer mit Bad im Pfarrhaus, auf einer Etage, die mit «for priests only» angeschrieben ist. Die Schwesterngemeinschaft nebenan, welche die katholische Schule leitet, konnte mich nicht aufnehmen, da ich als Familienfrau keine geweihte Person bin.

Zum Mittag- und Abendessen bin ich ins Bischofshaus eingeladen, wo Martin Stewen, Priester aus Zürich, nicht nur als Mitverantwortlicher für die Pastoral tätig ist, sondern von Bischof Hinder auch in seine «community» aufgenommen wurde. Zu dieser Gebets-, Lebens- und Arbeitsgemeinschaft gehören hauptsächlich Kapuzinerpatres wie der Bischof. Ihnen ist seit mehr als 100 Jahren die Betreuung der Katholiken in Arabien anvertraut.

Tagwache um vier Uhr

Bei dem gemeinsamen Laudes-Gebet am frühen Morgen um Viertel vor sechs ist Stewen meist noch nicht dabei. Zu dieser Zeit ist der Bischof bereits zwei Stunden wach. «Frühmorgens marschiere ich im Quartier rund um die Kathedrale. Dann halte ich Meditation. Anschliessend gehe ich kurz ins Büro, lade meine Schweizer Tageszeitung auf den Computer und sortiere Post zur späteren Bearbeitung.»

 

Um Viertel nach fünf ist er in der Kirche zum persönlichen Gebet, bis seine Mitbrüder zur Laudes kommen. Zur anschliessenden Messe um Viertel nach sechs Uhr kommen gut 200 Menschen, darunter viele Jugendliche und Kinder. Auch neun kleine Ministranten sind konzentriert dabei. Nach der Messe schnappen sich die Kinder jeden weiss gewandeten Pater, den sie erwischen können, und lassen sich persönlich segnen, bevor sie in die Schule gehen.

Auch der restliche Tag ist für die Ordensgemeinschaft und die bischöflichen Mitarbeitenden klar strukturiert. Um 22 Uhr ist für den Bischof Nachtruhe angesagt, da sein nächster Tag wieder früh beginnt. Pater Gandolf hingegen ist glücklicherweise bis spät wach. Und so rettet er mich nach einem Nachtessen mit einem christlichen Ehepaar aus Jordanien und zwei jungen philippinischen Frauen, die alle hier arbeiten und mich eingeladen haben. Ich habe vergessen, dass nach 22 Uhr das Tor zum katholischen Bezirk abgeschlossen ist. Der Nachtwächter will mich trotz Vorweisen meiner Pfarrhaus-Gästekarte nicht einlassen. Dank einem Anruf bei Pater Gandolf, der meine Identität bestätigt, lässt mich der Nachtwächter hinein.

Der Platz zwischen Bischofs- und Pfarrhaus wird in dieser Woche zu meiner Heimat. Palmen, die Türme der Moschee, blauer Himmel, warme Wüstenluft umgeben mich jedes Mal beim Überqueren. Zwischen den beiden Kirchen, gut sichtbar als katholische Gotteshäuser angeschrieben, aber schlicht und ohne Türme, steht eine Lourdes-Grotte mit der weiss-blau gewandeten Maria-Statue. Wann immer ich hier vorübergehe, ob Morgen, Mittag oder Abend, ob Werk- oder Feiertag: Immer stehen oder knien hier ins Gebet versunkene Menschen. Und immer brennen hier Kerzen. Dass diese in einem gekühlten Kasten aufbewahrt werden, damit sie nicht schon vor dem Abbrennen dahinschmelzen, das erfahre ich erst später.

Beicht-Priester gesucht

Wenn ich mit Martin Stewen unterwegs bin vom Office zum Bischofshaus, von der Kirche zum Pfarrhaus, dann treffen wir auf diesem Platz immer auch mindestens einen Priester. Jedes Mal fragt Martin Stewen: «Was machst du am Samstag? Kommst du ans Jugendtreffen Beichte hören?» Im zwei Autostunden entfernten Ras al Kaimah werden nämlich aufs Wochenende – das bedeutet hier Freitag und Samstag – 1000 katholische Jugendliche erwartet. Da braucht es jede Menge Priester, wie Stewen vom letztjährigen Jugendtreffen noch weiss.

Sofort mit dabei ist Pater Gandolf. Der 86-jährige Pater Eugenio Mattioli dagegen traut sich die lange Reise nicht mehr zu. Der italienische Kapuziner war schon vor 50 Jahren bei der Eröffnung der ersten katholischen Kirche Abu Dhabis mit dabei und ist der Einzige dieser ersten Missionare, der noch hier lebt. Über schlechte Erfahrungen in jüngeren Jahren in Saudi-Arabien spricht er nie. Damals hat er wegen seines Glaubens auch im Gefängnis gesessen.

Der junge Marathonläufer und Priester Kim kann ebenfalls nicht kommen, er feiert am Wochenende in Ras al Khaimah einen Gottesdienst für die kleine koreanische Gemeinschaft, die er betreut. Father Elie, Priester für die Arabisch sprechende Community, macht als Ordensbruder nur, was sein Oberer ihm befiehlt. Und zum Jugendtreffen habe dieser noch nichts gesagt. Anders sieht es beim deutschen Priester Reinhold Sahner aus Jebel Ali aus: Er käme gern, müsse aber dummerweise an diesem Tag schon fünf Messen feiern, darunter eine Taufe und eine Hochzeit.

Kirche mit 1000 Jugendlichen

Dann ist der grosse Tag da. Wie bereits eine Woche zuvor im Oman, findet in Ras al Khaimah ein grosses Jugendtreffen statt, auf das die Jugendpastoral-Abteilung des Bischofs, und damit Martin Stewen, hart hingearbeitet hat. Das Konzept ist einfach: Seit fünf Jahren werden aus Irland die «NET Ministries» eingeflogen. NET steht für «National Evangelisation Teams», eine katholische Missionsbewegung. Junge Leute leisten ein bis zwei Jahre – meist nach der Matura – einen speziellen Einsatz für die Kirche. Sie werden ausgebildet und führen in Pfarreien Jugendveranstaltungen durch – so wie jetzt in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

 

Das Programm erinnert an evangelikale Gross-Events: Eine Band, Theater und mit gekonnter Rhetorik vorgebrachte Glaubenszeugnisse reissen die 13- bis 18-jährigen Jugendlichen von den Sitzen, bringen sie zum Jubeln und Klatschen. Der grosse Saal unter der St. Antonius-Kirche wird zwar dauernd gekühlt und belüftet, trotzdem riecht es nach Schweiss, Kunststück bei dem unentwegten Hopsen und Schreien der Jugendlichen. Der Bischof und der Nuntius bekommen hier so viel Applaus und Geschrei wie ein Popstar, wenn sie auf die Bühne kommen. Dort beantworten sie dann die zuvor gesammelten Fragen der Jugendlichen – und nun wird es still im Saal.

Diese Fragen zeugen davon, dass die Kinder der eingewanderten Arbeitsmigranten hier in einem sehr katholischen Umfeld aufwachsen, viel Glaubenswissen besitzen, aber auch unter viel Glaubens-Enge und -Starrheit leiden. «Die Religiosität wird oft an Äusserlichkeiten festgemacht oder ist eine Identität-stiftende Erinnerung an die Heimat. Ein inneres Glaubensleben, eine eigene Glaubensüberzeugung ist manchmal schwer zu finden», erklärt Stewen. Das spüren die Jungen instinktiv und wissen dennoch nicht, wie sie damit umgehen sollen. Der Bischof geht in seinen Antworten sachte, differenziert und liebenswürdig auf ihre Fragestellungen ein und ermuntert sie dazu, Verständnis für die Eltern aufzubringen, gleichzeitig aber den eigenen Weg zu wagen.

Freiwillige im Einsatz

Am Jugendtreffen sind unzählige «Volunteers» aus allen Pfarreien der verschiedenen Emirate im Einsatz. Sie organisieren nicht nur Transport, Verpflegung und Übernachtung, sondern auch die pastorale Begleitung der Jugendlichen. Immer wieder sitzen sie in Kleingruppen im Kreis auf dem Kirchenplatz und besprechen das Gehörte und Gesehene vom vorangegangenen Programm, machen Spiele, essen zusammen.

Unterstützt werden sie von speziell ausgebildeten Jugendleiterinnen und -leitern, ebenfalls Freiwillige. Für ihre Ausbildung wie auch für die Weiterbildung von Freiwilligen, die in der Erwachsenen-Katechese tätig sind, macht sich vor allem Martin Stewen stark.

Zusammen mit Melissa, einer jungen Psychologin, hat er ein Begleiter-Seminar entwickelt und durchgeführt. Die Teilnehmenden wurden, kurz bevor das grosse Jugendtreffen losging, zu einem «Refresher» eingeladen, damit sie nachher fit sind für Gespräche mit den vielen anwesenden Jungen. Zu Stewens Enttäuschung tauchen zunächst nur zwei Leute auf, die sich – da noch nichts weiter los ist – vor den Altar im hinteren Teil des Raumes stellen, um seelenruhig den Rosenkranz zu beten.

Dreiviertelstunden später sind dann aber doch alle Stühle im Kreis besetzt. Engagiert wiederholen Stewen und Melissa die Kernpunkte der Gesprächsführung: aktiv zuhören, sich in die Situation des Gegenübers versetzen, nachfragen, nicht Ratschläge geben, allenfalls das Gegenüber zu eigenen Lösungsansätzen ermutigen. Ebenso engagiert machen die Teilnehmenden mit, öffnen sich in den Übungen, lassen sich total auf das Thema ein. Zum Schluss bekommen sie einen grossen Button, den sie gut sichtbar an ihr T-Shirt heften: «Wanna talk?» – «Möchtest du reden?»

Übers ganze Wochenende sieht man diese Freiwilligen auf einer Treppe, hinten im Saal, auf dem Platz, überall ins Gespräch mit jungen Menschen vertieft. «Diese Gespräche ergänzen das Angebot zur Beichte», erklärt Stewen. Und die Gespräche gehen offensichtlich tief. Es fliessen Tränen, einzelne Jugendliche offenbaren dramatische Situationen. Um diese aufzufangen, stehen Stewen und Melissa den Begleitenden zur Verfügung und um, wo nötig, weitere Hilfen zu vermitteln.

 

Während der Anbetungsstunde können die tausend jungen Leute aber auch einfach zu Musik auf ihren Stühlen sitzen bleiben – und dazu beten oder nicht. Sie können sich mit den «Wanna-Talk»-Leuten zum Gespräch treffen oder oben in der Kirche sich zu einem der gut zehn Priester in den Kirchenbänken zur Beichte setzen. Dafür stehen sie in einer Warteschlange und werden von Freiwilligen den frei werdenden Priestern zugewiesen.

Die dritte Möglichkeit: Die Jugendlichen von «Net Ministries» stehen zu zweit am Rande des grossen Saales. Mädchen und Jungs gehen einzeln zu ihnen, sagen, wofür sie gerne beten möchten; dann wird gemeinsam für dieses Anliegen gebetet. Mit leuchtenden Gesichtern kehren die Kinder auf ihre Plätze zurück.

Scheich und Papst

Gegen Abend kommt ein warmer Wind auf. Zum Abendessen bedienen sich die Jungen an einem feinen indischen Buffet und essen auf dem Boden oder auf Treppen sitzend. Der Wind bläst Wüstensand über den Platz. Es wirkt wie feiner Nebel. Verschwommen geht hinter der Kirche die Sonne blutrot unter.

Ich kehre ins Pfarrhaus zurück. Im Eingangsbereich hängen Porträts des Staatsgründers Sheikh Zayid bin Sultan Al Nahyan und seines Sohnes Chalifa bin Zayid Al Nahyan. Schliesslich hat die Kirche von ihnen Grund und Boden erhalten, um darauf ihre Gotteshäuser zu bauen. Etwas weiter drüben hängen die Bilder von Papst Franziskus und Bischof Paul Hinder.

Beim Treffen mit einer fröhlichen jungen Philippina wird mir dann jedoch bewusst, dass das Leben hier in Abu Dhabi auch abgründig sein kann. Als ich erfahre, dass ihr 12-jähriger Sohn bei ihren Eltern in der Heimat lebt, erschrecke ich. Sie sieht ihn kaum einmal pro Jahr. Hinter vorgehaltener Hand erfahre ich, der Vater ihres Sohnes sei vermutlich ihr ehemaliger Chef. Als Mutter eines illegalen Kindes wäre sie ins Gefängnis gesperrt worden, deshalb brachte sie es auf den Philippinen zur Welt und liess es dort zurück.

Luisa aus Italien erzählt mir, dass ihre Kinder in «Geschichte» Schulbücher verwenden, aus denen die Seiten über Israel entfernt wurden. Es sei zudem nicht einfach, den Kindern zu erklären, warum selbst angedeutete Kritik an der Herrscherfamilie, wie sie vielleicht am Familientisch geäussert wird, nicht in der Schule oder unter Kollegen weitererzählt werden darf. Ein jordanisches Ehepaar hingegen schwärmt davon, dass ihre 14-jährige Tochter in der Einkaufs-Mall gefahrlos alleine mit Freundinnen shoppen könne – was in Jordanien undenkbar wäre.

Und der pakistanische Priester Mahboob Evarist ist schlicht überwältigt, dass Christen hier sogar im Restaurant vor dem Essen das Kreuzzeichen machen dürfen, dass sie in die Kirche gehen können und dafür weder benachteiligt noch ausgegrenzt und schon gar nicht verfolgt werden. Das sei in seiner Heimat absolut nicht der Fall.

Leben in der Luftblase

Melissa, die hier aufgewachsen ist, deren Eltern aber aus Sri Lanka stammen, sieht es nüchtern: «Wir Zugewanderte leben hier in einer ‹Bubble›, einer Luftblase, einer eigenen Welt. Wenn wir an die Universität gehen, besuchen wir die gleichen Vorlesungen wie Einheimische, kommen aber kaum in Kontakt mit ihnen.»

Im Land dürfen Zugewanderte übrigens nur bleiben, solange sie Arbeit und damit ein Visum haben. Alle zwei Jahre kann ihnen gekündigt werden – dann stehen sie nicht nur ohne Lohn, sondern auch ohne Visum, Krankenkasse und sowieso ohne Arbeitslosenversicherung da. Sie müssen wieder zurück ins Elend, aus dem sie ausbrechen wollten.

«Ich habe hier gelernt, nicht vorschnell zu urteilen», sagt Martin Stewen. «Mit westlicher Sicht auf ein Staats-, Sozial- und Kultursystem zu schauen, das völlig anders ist, und dieses mit dem eigenen Hintergrund erklären zu wollen, das funktioniert nicht.»

Bischof Hinder schreibt in einem Buch: «Anerkennung und Wertschätzung, das erleben viele unserer Gläubigen nur selten in ihrem Alltag. Wenn, dann meistens bei uns: beim Kommunion-Austeilen, bei der Katechese, beim Lektorendienst, bei der Sorge um Alte und Kranke. Die Botschaft der Wertschätzung des Einzelnen und des Angenommenseins als Kind Gottes scheint mir hier noch besonderer, noch revolutionärer. Revolutionär, wenn man sich nicht nur die Golf-Gesellschaft mit ihrer starken Hierarchisierung und Clanisierung, sondern auch die Gesellschaften in den Heimatländern der Menschen vorstellt.» Vielleicht gibt es hier deshalb derart viele Freiwillige in der Kirche.

Aus allen Ländern

In Abu Dhabi, abseits der glamourösen Hochhäuser und Hotels, wirken Strassen und Bauten wüstengelb oder grau. Und je nach Viertel reihen sich immer gleich aussehende schmucke oder einfache Mietshäuser aneinander. In einem dieser Häuser, das wir kaum finden, steigt heute Abend die Abschlussparty für die Verantwortlichen des Jugendtreffens. Eingeladen hat Kate Flynn, die für die Katechese im Bistum verantwortlich ist. Sie ist Amerikanerin mit indianischer Abstammung und lebt seit zwei Jahrzehnten mit ihrem Mann und inzwischen noch zweien ihrer acht Kinder in Abu Dhabi.

Fast dreissig Leute, aus Mauritius, Sri Lanka, den Philippinen, Indien, Europa oder Übersee stammend, verteilen sich im grossen Wohnzimmer, auf der Treppe und in der Küche. Sie knabbern Chips, essen auf den Knien Pasta, diskutieren angeregt und können sich fast nicht mehr erholen vor Lachen. Den Auslöser für die Heiterkeit habe ich nicht wirklich verstanden, aber angesteckt werde ich dennoch. Wir winken lachend den jungen irischen NET Ministries zu, die mit dem Bus zum Flughafen fahren. Dann umarmen sich alle und machen sich durch die warme Nacht auf den Heimweg.

Text: Beatrix Ledergerber-Baumer

zuletzt verändert: 16.01.2018 15:05
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