Aktuell im forum: Freiheit oder Sicherheit?

Wenn es um Freiheit und Sicherheit geht, um Individualität und Ordnung, dann leben wir in ständigen Spannungen und Widersprüchen.

Weitere Themen im aktuellen forum: Eine Frau an der Spitze des Synodalrats, Kloten zeigt sich, Stolperstein "Jungfräulichkeit" u.a.
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Wir wünschen uns eine vom Staat garantierte Versorgungssicherheit bei gleichzeitiger Wahlfreiheit. Beispielsweise einen perfekt organisierten öffentlichen Verkehr mit der Freiheit, dennoch jederzeit das Auto zu benutzen. Der passionierte Autofahrer seinerseits erwartet selbstverständlich einen absolut reibungslosen Betriebsablauf, sollte er sich ausnahmsweise für eine Bahnfahrt entscheiden. Wir fordern ein harmonisiertes Schulsystem, verlangen aber für unser eigenes Kind individuelle Lösungen, wenn ihm diese «Harmonie» nicht bekommt. Wir finden, der Staat habe in unserem Privatleben nichts verloren, erwarten aber Rechtsschutz bei Konflikten. 

Wir sehen unseren Garten als Spielwiese für unseren entfesselten Gestaltungswillen, legen aber Wert darauf, dass uns Verordnungen vor den bünzligen Geschmacksverirrungen des Nachbarn schützen. Wir buchen den abenteuerlichen Urlaub mit Zufriedenheitsgarantie und den Kick des freien Falls, aber mit der Versicherung, sanft zu landen. Wir fordern vom Arbeitgeber absolute Loyalität, nehmen uns aber die Freiheit, attraktivere Angebote wahrzunehmen. Und der Arbeitgeber fordert vom Angestellten absolute Loyalität, nimmt sich aber die Freiheit, ihn der Gewinnoptimierung zu opfern.

Wir wollen uns vom Gängelband der Journalisten und ihrer Redaktionen befreien, sind aber entsetzt, wenn Gerüchte wild wuchern, Sex and Crime das Geschäft machen und sich niemand um Faktenchecks kümmert.
Wir empfinden eine Polizeikontrolle als Schikane, atmen jedoch erleichtert auf, wenn bei einer unangenehmen nächtlichen Begegnung ebendiese Polizei auftaucht.Und wenn eine Stelle prophylaktisch für Ordnung sorgt, wird diese schnell als übertrieben und ängstlich kritisiert. Nach einem Unglück allerdings wird dieselbe Stelle angeklagt, weil sie sich in der Prophylaxe zu lax und zu blauäugig verhalten habe. Die Beispiele lassen sich aus all unseren Lebensbereichen zusammentragen. Der Widerspruch und die Spannung jedoch bleiben immer dieselben: Wir wünschen uns maximale Freiheit ohne Gefahr und erwarten maximale Sicherheit ohne Einschränkung.

Wir möchten frei wie ein Vogel sein, aber jederzeit in Sicherheit vor der räuberischen Katze. Und der Käfig, der uns schützt, der hindert uns gleichzeitig am freien Flug.

Diese Spannung macht vor der Kirche nicht halt  weshalb sollte sie auch. Und Papst Franziskus macht das immer wieder ganz gezielt sichtbar. Bezeichnenderweise wird er dafür von zwei sich gegenüberstehenden Lagern kritisiert. Von der einen Seite wird ihm vorgeworfen, die alte Ordnung mutwillig zu beschädigen – von der anderen Seite wird er aufgefordert, nun endlich Nägel mit Köpfen für eine neue Ordnung zu machen. Die Widersprüchlichkeiten gehen also weiter: Forderungen nach rigoroser Durchsetzung moralischer Prinzipien werden mit grosser Zuverlässigkeit ausgesetzt, sobald sie mit voller Härte auf die eigene Lebensführung treffen könnten. Dann wünscht sich ein jeder seelsorgerliche Milde statt rigides Kirchenrecht. Und auch die Papsttreue geht meist genau so weit, wie der Papst unsere individuelle Überzeugung trifft. Kreise, die jede Kritik an Papst Benedikt mit der Aufforderung zur «Papsttreue» scharf verurteilt haben, fühlen sich jetzt sehr wohl berufen, den Nachfolger Papst Franziskus scharf zu kritisieren. Und solche, die sich bei Benedikt noch von jeder Papsttreue fernhalten wollten, fordern diese jetzt unvermutet ein.

Franziskus entscheidet sich aber weder für die Individualität noch für die Ordnung, weder für die Freiheit noch die Sicherheit. Er legt Zeugnis ab für die Spannung, die es mit und zwischen diesen Polen zu halten gilt. Und er ist ganz offensichtlich davon überzeugt, dass das Christentum seine Vitalität nur bewahren und gewinnen kann, wenn es die Spannung hält, wenn scheinbar endgültige Antworten immer wieder auf offene Fragen treffen.
Damit steht Franziskus in einer langen Tradition. In einer jüdischen Tradition, die auf Fragen gerne mit Gegenfragen reagiert. In einer scholastischen Tradition, die den Dialog zum Strukturprinzip erklärt. In einer mystischen Tradition, die unsere Rede von Gott ständig neu verflüssigt. Und vor allem in einer evangelischen Tradition mit einem Jesus Christus im Zentrum, der uns immer wieder aufs Neue verunsichert, damit wir zum Aufbruch bereit bleiben.

Wenn wir das Verhältnis zu Freiheit und Ordnung im Staat mit jenem in der Kirche vergleichen, dann wird am Rande eine weitere, überraschende Widersprüchlichkeit sichtbar: Jene, die vom Staat verlangen, dass er die soziale Ordnung mit starker Hand garantiere, sind meistens auch jene, die von der Kirche ein Höchstmass an individueller Freiheit erwarten. Während sie im Staat nicht auf das Gewissen des Einzelnen vertrauen, fordern sie in der Kirche, dass hier das Gewissen des Einzelnen über jedes Dogma gestellt werde. Sie treten für einen starken Staat auf der einen und eine deregulierte Kirche auf der anderen Seite ein. Genauso widersprüchlich verhalten sich jene, die von der Kirche klare hierarchische Strukturen, ein starkes Kirchenrecht und unveränderliche Dogmen erwarten. Wenn es um Kirche geht, misstrauen sie also dem Gewissen und dem Verantwortungsgefühl des Einzelnen. Im Staat dagegen soll möglichst vieles dem Individuum überlassen werden. Hier wird geglaubt, dass die Mechanismen des Marktes und der Gesellschaft keiner Kontrolle bedürfen. Die Anhänger einer autoritären, starken Kirche sind häufig Anhänger eines deregulierten, schwachen Staates.

Es gibt keine Antworten, mit denen die Spannung zwischen Freiheit und Sicherheit, Individualität und Ordnung aufgelöst werden könnte. Keine Rezepte, die uns aus unserer Widersprüchlichkeit erlösen. Unsere Aufgabe scheint vielmehr darin zu bestehen, uns genau dieser Spannung immer wieder bewusst zu werden und sie dann bewusst auszuhalten. Damit dies gelingen kann, erhalten Verantwortung und Vertrauen eine zentrale Bedeutung. Mit Verantwortung wird der Exzess der Freiheit verhindert – mit Vertrauen der Exzess der Ordnung. Und die Begriffe Verantwortung und Vertrauen lassen sich sogar noch tiefer fassen: Es sind Liebe und Glaube, mit denen sich die Spannung halten lässt.

Text: Thomas Binotto

zuletzt verändert: 19.04.2018 10:03
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