Gesundheit aus dem Klostergarten

Die Schwestern des Klosters «Leiden Christi» im Appenzellerland verarbeiten jahrhundertealtes Wissen in den Produkten ihrer Klosterapotheke.

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Seit dem Mittelalter haben sich Ordensfrauen als Krankenpflegerinnen und Apothekerinnen betätigt. Sie waren berühmt für ihre Kräutergärten, die Heilung für allerlei Gebrechen boten. Dieser Wissensschatz ging im Verlauf der Zeit immer mehr verloren. Heute fehlen zahlreichen Ordensgemeinschaften die personellen Ressourcen, um im grossen Stil Heilmittel herzustellen. Das «Leiden Christi» in Jakobsbad ist eines der wenigen Klöster mit einem florierenden Klosterladen.

Freudig schwanzwedelnd begrüsst Empfangsdame «Quira» die Besucher des Klosterladens «Leiden Christi» in Jakobsbad. Die schwarzgelockte Pudeldame hat während der Öffnungszeiten kaum Zeit, sich in ihrem Körbchen einzukuscheln, denn immer wieder klingelt es an der Ladentüre. Kein Wunder: Die Salben, Tinkturen und Sirupe der Schwestern sind weit über die Appenzeller Kantonsgrenzen hinaus bekannt.

Wer die Produktionsräume oberhalb des Ladens betritt, dem steigt sofort ein aromatischer Kräuterduft in die Nase. Hier in Jakobsbad wird täglich irgendein Sud angesetzt, Salben gemixt oder Teemischungen zusammengestellt. In einem hundert Liter fassenden Heizkessel rührt Schwester Dorothea gerade den Angelika-Likör an. Die Hausspezialität ist nur eines von über hundert Produkten, die im Klosterladen verkauft werden. In anderen Apotheken oder Drogerien sucht man die Tropfen, Salben und Kapseln aus dem «Leiden Christi» vergeblich. «Einige unserer Spezialitäten, die das Heilmittel-Gesetz nicht tangieren, sind im Sortiment von umliegenden Detailfachgeschäften zu finden», so Schwester Dorothea

Der Klosterladen befindet sich seit 2010 in den grosszügigen und hellen Räumen des ehemaligen Knechtenhauses. Bis zum Umbau stellten die Schwestern ihre Produkte in engen und dunklen Räumen des Hauptgebäudes her. Der Entschluss, in neue Produktions- und Verkaufsräume zu investieren, war aus der Not geboren. «Unsere finanziellen Ressourcen waren sehr knapp und wir suchten nach einer neuen Möglichkeit, Geld für den Unterhalt des Klosters zu generieren», erläutert Schwester Dorothea. Seit über dreissig Jahren obliegt ihr die Leitung der Klosterapotheke. Diese Aufgabe übernahm die gelernte Köchin nach dem frühen Tod der damaligen Apothekenleiterin. Heute finanziert sich das Kloster «Leiden Christi» beinahe vollständig durch den Verkauf von selbstgemachten Produkten.

Immer wieder passen die Schwestern ihr Angebot den Kundenwünschen an und kreieren neue Rezepte. «Alte, ledergebundene Rezeptbücher gehören leider nicht zu unserem Klosterschatz», bedauert Schwester Dorothea. Lediglich der berühmte Angelika-Likör basiert auf einem seit über hundert Jahren unveränderten Rezept. «Wir vermuten, dass das Angelika-Rezept auf unsere Klostergründerin Johanna Rosa Bättig zurückgeht.» Sie, die 1851 aus dem Kloster Wonnenstein in Teufen gekommen ist, habe die Idee zur Herstellung von heilenden Produkten von dort mit nach Jakobsbad gebracht, worauf an ihrer neuen Wirkungsstätte ebenfalls eine Klosterapotheke gegründet wurde. Unterstützung beim Heraustüfteln von neuen Rezepturen erhalten die Schwestern vom ehemaligen Appenzeller Apotheker Alfred Wild.

Neben pflanzlichen Mitteln verkaufen die neun Schwestern des Klosters selbstgemachten Punsch, Sirupe, Pflegeprodukte, Guetzli und Devotionalien, wie selbstgemachte Kerzen. Jede der Ordensfrauen hat ihr Spezialgebiet und arbeitet in irgendeiner Form für den florierenden Klosterladen. Die «Leiden Christi»-Produkte sind so beliebt, dass aktuell fünf externe Mitarbeiterinnen die Schwestern unterstützen. Die fleissigen Hände verpacken, wägen Kräuter für den «Familientee» ab, kochen «Tannschössli»-Sirup oder backen knusprige «Franziskanerli». Schwester Dorothea verliert dabei nie den Überblick über ihre Helferinnen, die ihre Arbeit auf drei Stockwerken verrichten. Die Chefin weiss haargenau, welche Produkte an Lager sind, welche Grundzutaten noch geordert werden müssen und von welcher Salbe die Kundin, die gerade an der Kasse steht, letztes Mal so begeistert war. Kommt Schwester Dorothea ob all dem Trubel, den sie als CEO dieses KMUs um die Ohren hat, noch zur Ruhe? – «Auch wenn meine Tage sehr ausgefüllt sind, gönne ich mir dennoch meine kleinen Auszeiten. Nach dem Gebet der Laudes um 6 Uhr und Eucharistiefeier arbeite ich ab 8 Uhr für den Klosterladen. Um 17 Uhr ist die Vesper und Betrachtung bis zum Nachtessen. Nach dem Nachtgebet gehen Schwester Rita und ich mit Quira spazieren und lüften so den Kopf aus.»

Das Angebot im Klosterladen «Leiden Christi» spricht Jung und Alt gleichermassen an. «Durch unsere Lage, gleich neben der Kronberg-Bahn, besuchen uns viele Touristen, aber auch Einheimische und solche, die extra für einen Einkauf zu uns nach Jakobsbad fahren», beschreibt Schwester Dorothea ihre Klientel. Für sie und die anderen Frauen vom «Leiden Christi» ist ihr Geschäft ein Tor zur Aussenwelt. Und dass die Schwestern nicht von gestern sind, beweisen sie mit ihrem eigenen Online-Shop.

Häufig sind die Kunden auf der Suche nach Tropfen oder einer Essenz, die einen tiefenentspannten Schlaf versprechen. «Wir beobachten, dass die Menschen immer schlechter vom Alltag abschalten können», so Schwester Dorothea. Auch Personen mit Hautkrankheiten, rheumatischen Beschwerden oder Depressionen suchen im Klosterladen Beratung und Hilfe. Im Sortiment blitzt zudem die Tierliebe der Ordensfrauen auf: Pfotensalbe oder Tiertropfen gegen Angst, Aggressivität oder Eifersucht sind ebenfalls erhältlich. «Wer bei uns einkauft, dem ist garantiert, dass er ein natürliches, handgemachtes Produkt in seinen Händen hält», betont Schwester Dorothea. So wird bei der Salbenherstellung gänzlich auf Erdölrohstoffe verzichtet. Stattdessen kommt Lein-, Kokos- oder Jojobaöl zum Einsatz. Auch künstliche Aromen haben in der Klosterapotheke nichts zu suchen.

Die Kräuter beziehen die Schwestern bei der St. Galler Dixa AG. «Diese Rohstoffe sind zertifiziert und von hoher Qualität. Wollten wir alle Kräuter und Beeren selbst anbauen, müsste unsere Ordensgemeinschaft wohl zehnmal so gross sein», hält Schwester Dorothea fest. «Tannschössli», Pfefferminze, Holunderblüten oder Bärlauch ernten die Schwestern aber nach wie vor selbst im Klostergarten oder in der näheren Umgebung.

Auch wenn die selbstgemachten Produkte nicht gesegnet sind, ist Schwester Dorothea überzeugt, dass in diesen eine spirituelle Komponente mitschwingt. «Wir stellen alles von Hand her», sagt sie. Dabei seien stets Gläubige am Werk, die ihre Hände regelmässig zum Gebet formten und Anliegen sowie Sorgen der Menschen mittrügen. Durch diese Hände würde bei der Herstellung, nebst den gesetzlich einzuhaltenden Normen, auch «Geistliches» einfliessen. Überdies sind, wie Schwester Dorothea weiter erzählt, alle Räume gesegnet. «Gott ist bei uns allgegenwärtig», und sie schildert, wie Menschen bereits fürs Leben gekräftigt den Laden wieder verlassen hätten, auch ohne ein Produkt zu kaufen.

Der Artikel erschien erstmals im Pfarreiforum, dem Pfarrblatt des Bistums St. Gallen, vom Juni 2018.

Text: Rosalie Manser, pfarreiforum St. Gallen

zuletzt verändert: 10.01.2019 10:13